Am 8. Juli kam in Großbritannien zum ersten Mal The New European heraus, eine Wochenzeitung, die klar Stellung gegen den Brexit bezieht. Verlegt wird sie vom Zeitungs- und Zeitschriftenverlang Archant, der seien Hauptsitz in Norwich nordöstlich von London hat. Der Untertitel lautet: "Die neue Pop-up-Zeitung für die 48 Prozent".

Obwohl die Zeitung mit einem Preis von zwei Pfund auf dem britischen Markt relativ teuer ist und der Verlag praktisch keine Werbung geschaltet hat, war sie sofort erfolgreich: Die erste Ausgabe verkaufte sich rund 40.000 mal. ZEIT ONLINE hat mit dem Herausgeber Matt Kelly gesprochen.

ZEIT ONLINE: Herr Kelly, Sie haben kurz nach dem Referendum in Großbritannien eine neue Zeitung gegründet. Warum? 

Kelly: Am Tag nach dem Referendum ist mir aufgefallen, wie traurig und verloren viele Menschen in London gewirkt haben. Ich habe mich gefragt, welche Zeitung wohl Menschen repräsentiert, die das Leave-Votum betroffen gemacht hat. Mir ist keine eingefallen. Ich habe mich auch erinnert, wie die Leute 1986, als der Independent herausgekommen ist, den öffentlich mit sich herumgetragen haben, wie eine Art Ehrenzeichen. Denn das hat etwas über die Werte der Menschen ausgesagt. Und meiner Meinung ging es bei dem Referendum um Werte, nicht um Politik.

Matt Kelly, 47, Herausgeber von "The New European" © Archant Limited

Und ich habe mich gefragt, ob man eine neue Marke schaffen könnte. Eine Marke, die ein sichtbares Zeichen dafür setzt, dass man zu den 48 Prozent gehört, die davon geschockt waren, dass Großbritannien gerade für einen EU-Austritt stimmt. Eine Union von Nationen, die uns in Europa die längste Periode an Frieden und Wohlstand aller Zeiten beschert hat.

ZEIT ONLINE: Befürworter des EU-Austritts würden jetzt argumentieren: Die Menschen haben beim Brexit-Referendum eine demokratische Entscheidung getroffen. Warum finden Sie sich nicht damit ab und ziehen weiter?

Kelly: Zwei Dinge: Zum einen weiß niemand, was "Brexit" überhaupt bedeutet. Fragt man 20 Menschen, dann bekommt man 20 verschiedene Antworten. Oder auch, wenn Theresa May vor 10 Downing Street steht und sagt: "Brexit bedeutet Brexit." Na ja, gut, aber was bedeutet denn Brexit?

Der zweite Punkt ist, dass Demokratie nicht nach einer Abstimmung aufhört. Ich finde es ungeheuerlich, dass Leute auf der 52-Prozent-Seite sagen: Sei ruhig und finde dich damit ab! Man muss sich nur einmal vorstellen, wie die reagiert hätten, wenn sie die Abstimmung mit 650.000 Stimmen verloren hätten.

Demokratie hängt von einem fortgesetzten Dialog ab.
Matt Kelly

Tatsächlich wäre es undemokratisch, wenn man jetzt ruhig bliebe und aufhören würde, darüber zu sprechen. Demokratie hängt von einem fortgesetzten Dialog ab. Meine Analogie dazu wären Hausverkäufe. Wenn man hier in Großbritannien ein Haus kaufen möchte, unterbreitet man ein Angebot. Wenn sich beide Seiten auf einen Kaufpreis verständigen, dann wird ein Gutachten in Auftrag gegeben. Wenn dieses Gutachten ergibt, dass das Haus strukturelle Mängel hat, dann kann man aus dem Handel aussteigen. Wir haben der EU ein Angebot unterbreitet. Wir müssen jetzt die Konsequenzen dieses Angebots prüfen und verstehen. Dann sollte es ein zweites Referendum oder eine Entscheidung in Form einer Wahl geben, die auf dem Verständnis der Konsequenzen der anfänglichen Entscheidung basiert.

ZEIT ONLINE: Stimmt es, dass Sie die Zeitung in nur neun Tagen an die Kioske gebracht haben?

Kelly: Das stimmt. Ich habe meinem Chef bei Archant an einem Sonntag gemailt und ihm geschrieben: Ich habe da diese verrückte Idee. Er hat geantwortet, dass wir am Dienstag darüber sprechen sollten. Am Dienstag habe ich die Idee der Geschäftsführung vorgestellt. Und ich war überrascht, dass die mich nicht ausgelacht, sondern die Idee ernst genommen haben. Bereits am Mittwochabend haben wir beschlossen, dass es einen Versuch wert ist.

Danach haben wir sofort mit dem Design begonnen und ich habe Artikel in Auftrag gegeben. Am Donnerstag eine Woche später haben wir die fertige Ausgabe an die Medien geschickt. Und am Freitag ging die Zeitung landesweit in den Verkauf.