Irgendwie ist es nur konsequent. Die Postkarte wurde durch die WhatsApp-Nachricht ersetzt, auch auf Nachrichten warten immer weniger Menschen bis zur Auslieferung der Zeitung am nächsten Morgen. Nun erfüllt auch Amazon das Versprechen, Bedürfnisse quasi in Echtzeit zu befriedigen. In Berlin kann man sich seit Mitte Mai seinen Onlineeinkauf nicht mehr nur bis zum nächsten Tag, sondern innerhalb eines Zwei-Stunden-Fensters am selben Tag oder sogar innerhalb einer Stunde liefern lassen.

Es ist der totale Konsum, der neben dem Respekt für die perfektionierte Logistik im Hintergrund auch Ängste und Befürchtungen weckt. Was passiert in dieser im Sekundentakt eingespielten Maschinerie eigentlich mit dem Menschen? Unter welchen Bedingungen funktioniert Arbeit in einer laut ver.di ohnehin "schwierigen Branche", wenn die Gangart noch einmal verschärft wird?

Exemplarisch für die Sorgen mancher Kunden ist die Äußerung in einem Onlineforum, in dem ein Leser über Fahrer von Amazon Prime schreibt: "Sein Job ist ein typisches Beispiel für eine Technologiefalle. Er steht in absehbarer Zeit in Konkurrenz zu einer Lieferdrohne, die keinen Anspruch auf Urlaub braucht, nicht krank wird, keine Lohnerhöhung fordert, keinen Betriebsrat gründen kann und auch sonst keinen Ärger macht, wie etwa zu spät zur Arbeit zu kommen."

Um es vorab zu sagen: Es kann, nur wenige Wochen nach dem Start des Projektes, noch keine abschließende Bewertung geben. Dafür sind die Mitarbeiter zu frisch in dem Job, dafür hat sich zu wenig an Eindrücken angesammelt – positiv wie negativ. Aber es gibt Andeutungen und Hinweise.

Amazon, so scheint es, hat für Deutschland die Konsequenzen aus dem konstant negativen Grundrauschen gezogen. Denn obwohl der Dienst von Kunden nachgefragt wird, macht sich bei vielen ein schales Gefühl breit: Die Lieferbranche ist für Lohndumping und exzessiven Zeitdruck bekannt. Amazon, zudem durch permanente ver.di-Streiks in den Versandzentren unter Druck, reagiert mit einem vorsichtigen Imagewechsel.

Der Versandgigant bemüht sich, negative Eindrücke möglichst zu vermeiden. Anders als die Fahrer anderer Lieferdienste, deren gehetzter Eindruck beim Kunden eher Mitleid erweckt (und ihn veranlassen könnte, auf die nächste Bestellung zu verzichten), wirken die Kuriere bei Amazons neuem Lieferdienst erstaunlich entspannt. Wer in das Versandlager am Kurfürstendamm kommt, sieht Kuriere, die Pause machen und mit Kollegen scherzen, beim Warten auf einen neuen Auftrag auf dem Handy spielen und sich unterhalten.

Von Stress ist an diesem Sommernachmittag wenig zu spüren. Mit einem Scanner in der Hand gehen die Mitarbeiter zügig, aber nicht im Laufschritt, zu einem der vielen Regale, in deren Fächern sich alle Waren stapeln, die Großstädter sich offenbar gerne im Stundentakt liefern lassen: Martini, Cornflakes, Pulsuhren, Kiwis und Mangos, und – in einem Kühlraum – Frischmilch, Joghurt und Bier. Die Bestseller: Mineralwasser und, kein Scherz, Klopapier. Die Ware wird in große Papiertüten gesteckt und an die Fahrer übergeben, die mit dem Auto oder Elektrolastenfahrrädern ausliefern.