Die gängige These, die das Phänomen Donald Trump zu erklären versucht, lautet: Die soziale Ungleichheit, die in den USA immer gravierender wird, hat den Aufstieg des Immobilienunternehmers zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner erst ermöglicht. Kurz gefasst: Die Abgehängten wählten Trump, er verspreche ihnen neuen Wohlstand. Doch ist es wirklich so einfach?

Das US-Meinungsforschungsinstitut Gallup hat in einer umfassenden Studie jetzt untersucht, wo die Ursachen für die Trump-Sympathie in der Bevölkerung liegen. Dafür führten die Forscher mehr als 87.000 Interviews und werteten regionale Unterschiede nach Postleitzahl-Bezirken aus. Was die Untersuchung bestätigte: Richtig sei die bisher getroffene Annahme, dass Trumps Anhänger meist über eine niedrige bis mittlere Bildung und kaum Universitätsabschlüsse verfügten. Sie arbeiten der Studie zufolge vor allem in Industrie und Produktion, als Handwerker, im Bau- oder Transportgewerbe – also in klassischen blue collar jobs, oder wie man hierzulande sagen würde: Arbeit im Blaumann. Ein wesentlicher Anteil von ihnen ist selbstständig.

Allerdings: "Die individuellen Daten lassen nicht den Schluss zu, dass Trump-Unterstützer mit außerordentlich großer wirtschaftlicher Not konfrontiert sind, zumindest nicht nach konventionellen Kriterien wie Beschäftigung und Einkommen", sagt der Autor der Studie, der Ökonom Jonathan Rothwell. Viel wichtiger seien beispielsweise regionale wirtschaftliche Faktoren: Trump-Anhänger finden sich verstärkt in solchen Bezirken, die einen ökonomischen Abstieg erlebt haben – wobei sie persönlich davon meist bislang nicht betroffen waren. 

Wie wird es den Kindern gehen?

Als Indikatoren für solche Gegenden zogen die Forscher etwa den gesundheitlichen Zustand der Bevölkerung heran, der in diesen Bezirken schlechter ist als in anderen Teilen der USA. Vor allem in städtischen Randgebieten lasse sich das an der höheren Sterblichkeitsrate gerade von Weißen im mittleren Alter messen, sagt Rothwell. Diese Menschen würden mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Trump unterstützen.

Hinzu komme, dass in diesen wirtschaftlich schwachen Bezirken auch die Aufstiegschancen jüngerer Generationen gering sind. Einfach gesagt: Trump-Wähler fürchten, dass es ihren Kindern einmal nicht so gut gehen wird wie ihnen selbst. Es kumulieren diverse Abstiegsängste, die offenbar viele Unterstützer Trumps umtreiben.

Umso bemerkenswerter erscheint angesichts dieses Ergebnisses, dass eine zentrale Wahlkampfforderung des republikanischen Kandidaten für einen großen Teil seiner Unterstützer keine signifikante Rolle zu spielen scheint. Trump wirbt damit, vor allem in der US-amerikanischen Industrie wieder mehr Arbeitsplätze zu schaffen, indem er den Handel mit China beschränken will, etwa durch höhere Zölle. So soll auch verhindert werden, dass Produktion nach Asien ausgelagert werde. Doch das scheint die Menschen gerade in den Gegenden, die unter einer Verlagerung vieler Arbeitsplätze leiden, kaum zu interessieren: Hier liegt der Studie zufolge die Zustimmung für Trump nicht höher als in anderen Regionen.

Wer führt in den Umfragen?

Viel klarer zeigt sich ein anderer Zusammenhang: Trumps Kampagne gegen Einwanderer wirke vor allem in jenen Bezirken, in denen es wenig Einwanderer gibt, so die Gallup-Studie. Ein bekanntes Phänomen. Rothwell sieht in diesem Ergebnis einen Beleg für die sogenannte Kontakttheorie: Je mehr Kontakt zwischen US-Bürgern und Einwanderern besteht, desto geringer ist die Xenophobie. Umgekehrt tendierten "Menschen aus Regionen mit einem hohen Anteil von weißen Einwohnern dazu, Trump positiv zu sehen", schreibt Rothwell.

Geradezu amüsant ist, was die Forscher im Kontext mit einem weiteren zentralen Wahlversprechen Trumps festgestellt haben. Der Präsidentschaftskandidat kündigte den Bau einer gewaltigen Mauer zu Mexiko an, um die Einwanderung aus dem südlichen Nachbarland der USA zu bremsen. Für die Menschen in nächster Nähe zur Grenze scheint das aber kaum von Bedeutung zu sein, unabhängig davon, ob sie einen lateinamerikanischen Einwanderungshintergrund haben oder nicht. Die Studie zeigt: Je weiter man sich in den USA von der Grenze zu Mexiko entfernt, desto größer wird die Anhängerschaft von Donald Trump.