ZEIT ONLINE: Herr Lengfeld, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit der Gefühlslage der Deutschen. Wie geht es uns gerade?

Holger Lengfeld: Uns geht es deutlich besser. Die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz ist in der Mittelschicht geradezu dramatisch zurückgegangen. Im Jahr 2005 haben sich noch 64 Prozent in der Mitte davor gefürchtet, ihren Job zu verlieren. 2014 waren es nur noch 41 Prozent. In den neuen Bundesländern war der Rückgang noch stärker. Die Abstiegsangst ist insgesamt über alle Schichten hinweg deutlich zurückgegangen. Das zeigt die Langzeitanalyse, die wir in unserem Team mit meiner Mitarbeiterin Jessica Ordemann erarbeitet haben.

ZEIT ONLINE: Sind 41 Prozent nicht trotzdem für ein relativ reiches Land wie Deutschland ein hoher Wert?

Lengfeld: Da haben Sie recht. Verglichen mit anderen wohlhabenden Ländern sind diese Sorgen bei uns viel mehr verbreitet. Offenbar ist das Teil unserer deutschen Mentalität, wir sehnen uns stark nach Sicherheit. Entscheidend ist aber die zeitliche Änderung der Abstiegsangst. Zuerst ist die Verunsicherung in den Mittelschichten über viele Jahre bis 2005 fast stetig gewachsen. 2014 aber sind es wieder so wenig Verunsicherte wie 1991. In relativ kurzer Zeit kehrte sich um, was sich über fast 20 Jahre aufgebaut hatte.

ZEIT ONLINE: Was ist das überhaupt, Abstiegsangst?

Lengfeld: Es ist die Angst von Menschen, ihren Status in der Gesellschaft zu verlieren. Er setzt sich aus drei Dingen zusammen: Was kann ich? Was besitze ich? Was kann ich beeinflussen? Sie fließen zusammen in den jeweiligen Beruf, den jemand ausübt. Er ist bestimmend für den Status in unserer Gesellschaft. Wenn die Menschen sich um ihren Arbeitsplatz sorgen, dann haben sie auch Angst um ihre Position in der Gesellschaft.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, 2005 war die Abstiegsangst noch deutlich höher. Warum?

Lengfeld: Anfang des Jahrtausends haben atypische Beschäftigungsverhältnisse erheblich zugenommen, also Minijobs, befristete Arbeitsverträge oder Teilzeitstellen. Dieser Anstieg traf zum ersten Mal auch Angehörige der Mittelschicht – beispielsweise Krankenschwestern, Erzieherinnen und Bankangestellte. Eine Gruppe in der Gesellschaft, bei der man bislang nicht davon ausgegangen war, dass sie sich große Sorgen um ihre Zukunft macht. Auf dem Arbeitsmarkt hat sich in dieser Zeit viel verändert. Die zunehmende Globalisierung und der daraus folgende Wettbewerbsdruck für die deutschen Firmen hat die Mittelschicht verunsichert.

ZEIT ONLINE: Aus Ihrer Sicht ist gerade die mittlere Mittelschicht von großer Bedeutung. Warum?

Lengfeld: Sie ist das sensible Zentrum der Gesellschaft. Sie reagiert stärker als andere Schichten auf wirtschaftliche Veränderungen. Der Status dieser Menschen hängt fast ausschließlich davon ab, wie sie ihre beruflichen Qualifikationen am Arbeitsmarkt umsetzen können und wie viel sie verdienen. Größeres eigenes Vermögen besitzen sie nicht. Dieser Teil der Mittelschicht hatte von jeher die Vorstellung: Mein Leben ist dann gelungen, wenn es mit mir und meiner Familie stetig aufwärts geht.

ZEIT ONLINE: Gibt es diese Vorstellung heute nicht mehr?

Lengfeld: Sie ist zumindest nicht mehr selbstverständlich. Gerade die jüngere Generation hat das stark irritiert. Sie musste lernen, mit dieser neuen Unsicherheit umzugehen. Was passiert, wenn ich meinen Job verliere und den Kredit für mein kleines Einfamilienhaus nicht mehr bezahlen kann? Aber die Welt geht ja nicht unter, wenn man nur einen befristeten Vertrag bekommt, nicht gleich den richtigen Job findet oder nicht befördert wird. Das mussten die Leute erst einmal verarbeiten.