ZEIT ONLINE:  Herr Muhammad, was haben weiße Familien, das schwarzen Familien fehlt?

Dedrick Muhammad: Vermögen, ganz einfach. Die Frage umzudrehen, ist aber viel spannender: Was haben schwarze Familien, das weißen Familien fehlt? Die Antwort erklärt die systematische Diskriminierung von Schwarzen in vielen Teilen der Wirtschaft. Als Afroamerikaner bist du nie alleine arm oder arbeitslos. Deine Familie, deine ganzes soziales Umfeld hat kein Geld. Selbst wenn du einen guten Job hast und einen anständigen Lohn bekommst, ziehen dich die Schulden deiner Verwandten runter und hindern dich daran, dich zu entwickeln.

ZEIT ONLINE:  Woran liegt das?

Muhammad: Vermögen wird von Generation zu Generation vererbt. In den dreißiger und vierziger Jahren hat die amerikanische Regierung riesige Investitionsprogramme aufgesetzt, um die weiße Mittelschicht zu stärken – den New Deal. Die Schwarzen waren gesetzlich von diesen Förderungen ausgeschlossen, für sie gab es keine Bildungsprogramme und keinen Wohlfahrtsstaat. Die weiße Mittelschicht wurde mithilfe der Subventionen immer stärker, kaufte Häuser, konnte ihren Kindern die Ausbildung am College bezahlen. Die ohnehin armen Schwarzen gerieten immer weiter in den Rückstand. Es gab nichts zu vererben, denn es hatte ja niemand etwas.

ZEIT ONLINE: Im Rahmen ihrer Studie haben Sie die wirtschaftlichen Entwicklungen der vergangenen 30 Jahre untersucht. Was haben Sie herausgefunden?

Die Unterdrückung ist nicht verschwunden, sie hat sich nur verändert. Heute werden Schwarze vor allem durch die Steuer-Gesetze benachteiligt.
Dedrick Muhammad

Muhammad: Unabhängig von jeder Rasse hat die Oberschicht ihren Reichtum deutlich ausgebaut – es gibt eine extreme Vermögenskonzentration an der Spitze. Doch während sich weiße Amerikaner langsam von der Wirtschaftskrise des Jahres 2008 erholen, ist die Situation von Latinos und Schwarzen so schlecht wie zu Hochzeiten der Rezession. Die großen Vermögensunterschiede zwischen Schwarzen und Weißen haben so in den vergangenen Jahren noch einmal stark zugenommen. Würde man die Vermögensentwicklung der Weißen heute einfrieren, würde es 228 Jahre dauern, bis die Schwarzen zu ihnen aufgeschlossen hätten.

ZEIT ONLINE:  Seit Ende der sechziger Jahre ist die Diskriminierung von Afroamerikanern gesetzlich verboten. Wieso liegen die Schwarzen noch immer so weit zurück?

Muhammad: Offener Rassismus ist verboten, ja. Aber die Unterdrückung ist nicht verschwunden, sie hat sich nur verändert. Heute werden Schwarze vor allem durch die Steuergesetze benachteiligt. 229 Milliarden Dollar gibt die Regierung beispielsweise jedes Jahr für Steuergeschenke an Eigenheimbesitzer aus. Je größer das Haus, desto größer der steuerliche Vorteil. Millionäre sparen so mehr als 100.000 Dollar pro Jahr, Durchschnittsfamilien nur ein paar Hundert. So werden Reiche reicher und Arme ärmer.  

Für viele Latinos und Afroamerikaner, deren Einkommen ohnehin gering sind, gelten die Ausnahmen jedoch nicht: Denn nur 45 Prozent von ihnen haben überhaupt ein Eigenheim – gegenüber 71 Prozent der Weißen, die ein Haus besitzen. Wegen Regelungen wie dieser werden die Vermögensunterschiede zwischen Weißen und Schwarzen immer größer. Richtig wäre es, Familien zu fördern, die zum ersten Mal ein Haus kaufen. So würde man die wirklich Bedürftigen unterstützen, und nicht die Villen-Besitzer. 

ZEIT ONLINE: Aber die Einkommen der Afroamerikaner steigen doch seit Jahren.

Muhammad: Das kommt ganz darauf an, wie man rechnet. Sie steigen, ja, aber eben kaum. Und es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen Einkommen und Vermögen. Ich habe schwarze Freunde, die auf teuren Schulen waren und heute sechsstellige Beträge im Jahr verdienen. Sie verstehen nicht, warum sie trotzdem viel weniger Geld haben als ihre weißen Kollegen. Das liegt am Vermögen der Familie. Dein weißer Kollege verdient vielleicht genauso viel wie du, aber er bekommt diesen Lohn wahrscheinlich in dritter Generation. Seine Eltern können ihm helfen, wenn er ein Haus kauft, einen Kredit abbezahlt oder seine Hochzeit finanziert. Denn das Geld ist schon da – in Form von Wertanlagen, Zinsen und Immobilien.

Die Eltern und Großeltern der Schwarzen können ihre Kinder meist nicht unterstützen, denn sie leiden seit Jahrzehnten unter systematischer wirtschaftlicher Diskriminierung. Sie konnten schlicht nicht dasselbe Vermögen anhäufen wie die Weißen. Und genau deshalb haben wir heute diese riesigen Unterschiede. Wenn sich nichts verändert, wird das Vermögen weißer Haushalte künftig um jährlich 18.000 Dollar wachsen, während schwarze Familien im Schnitt nur 750 Dollar mehr haben werden als im Jahr davor.