Viele Finanzministerien planen für das Folgejahr weniger Budget ein. Obwohl die Kosten für Integrationsmaßnahmen steigen, werden die Kosten langfristig sinken, sagen sie. Einerseits fallen zur Zeit viele einmalige Investitionen an, wie die Erstausstattung von Unterkünften. Außerdem werden die Sozialkassen entlastet, sobald die ersten Geflüchteten einen Job finden. "75 Prozent der Flüchtlinge sind im erwerbsfähigen Alter. Sie tröpfeln jetzt langsam in den Arbeitsmarkt ein", sagt Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung. "In der ersten Jahreshälfte 2017 sollte ein Großteil der Asylverfahren abgeschlossen sein. Jeder der dann auf den Arbeitsmarkt kommt, trägt dazu bei, die Kosten zu verringern."

Lieber konsolidieren?

Boysen-Hogrefe vom IfW dämpft die Freude aber etwas, vor allem die über die gute Haushaltssituation: "Nur weil es uns gerade nicht weh tut, bedeutet das nicht, dass das bei einem eventuellen Konjunkturabschwung auch noch so ist." Und Ifo-Institutschef Clemens Fuest sagte im Interview mit ZEIT ONLINE im Frühjahr, dass Teile der Politik zu kurzfristig denken. Das Credo "Die Wirtschaft läuft gut, jetzt können wir richtig Geld ausgeben!" hält er für falsch. "In Wahrheit müssen wir die gute Lage nutzen, um zu konsolidieren. Dann können wir in schlechteren Zeiten wieder mehr Geld ausgeben." Bei den Ausgaben für die Flüchtlingsintegration dürfe man aber nicht kürzen: "Wir wollen und müssen den Menschen helfen, die zu uns kommen. Das ist unsere humanitäre Pflicht. Es ist aber kein Geschäft und es wird uns Geld kosten."

Eine langfristige Prognose wagen die meisten Finanzministerien daher auch nicht. Die Datengrundlage ist unsicher: Wie gut gelingt die Integration? Wie viele Menschen kommen noch? Wie viele Flüchtlinge bleiben?

Holger Bonin vom Bonner Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit hat berechnet, was die eine Million Flüchtlinge aus 2015 den Staat langfristig kosten könnten – abhängig davon, wie die Integration in den Arbeitsmarkt gelingt. Er kommt zu dem Schluss: Selbst wenn ein Teil der Flüchtlinge am Ende zu Fachkräften wird, könnte die humanitäre Zuwanderung den Staat alles in allem 150 bis 250 Milliarden Euro mehr kosten als einbringen. In 20 Jahren könnten viele Flüchtlinge arbeiten und so die Staatskassen entlasten. Das reiche aber nicht, um den Mehraufwand für die Erstversorgung und später für die Renten auszugleichen.

Mit seinen Zahlen will er zeigen, dass sich gute Integrationspolitik auf die öffentlichen Finanzen auswirkt. Er schätzt: Jedes Jahr, das die Flüchtlinge schneller in den Arbeitsmarkt kommen, entlastet den Staat um rund zehn Milliarden Euro. "Wenn der Staat mit der humanitären Zuwanderung ein finanzielles Plus machen will, müssen sehr viele der Flüchtlinge sehr rasch zu Fachkräften gemacht werden", sagt Bonin.  

"Die Milliardenbeträge für die Aufnahme der Flüchtlinge wecken gewiss Ängste vor einer Überforderung", betont der Forscher weiter. Man müsse sie aber im richtigen Verhältnis sehen: Für den einzelnen Bürger bedeuten die Ausgaben eine jährliche Zusatzbelastung von weniger als 100 Euro – selbst wenn die Integration misslingt. 1.100 Euro mehr muss der Bürger in Bonins Modell allein deshalb zahlen, weil die deutsche Gesellschaft altert – mehr Rentner, weniger Arbeitende. "Deutschland sollte nicht nur über gute Integrationspolitik diskutieren, sondern genauso über eine nachhaltige Renten- und Gesundheitspolitik", sagt Bonin.

Zwei Drittel der Deutschen sind für den Staat ein Verlustgeschäft

Marcel Fratzscher vom DIW hält es für falsch, die Flüchtlinge allein an ihrem Beitrag zum Fiskus zu messen. "Nach dieser Rechnung sind auch zwei Drittel der Deutschen für den Staat ein Verlustgeschäft", sagt er. Er wirbt daher dafür, die Ausgaben für Flüchtlinge nicht nur von der Seite des Staats zu sehen: "Das Geld fließt ja auch vornehmlich an deutsche Unternehmen zurück." Das DIW hat berechnet, dass die Ausgaben das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in diesem und im nächsten Jahr 0,2 Prozentpunkte ankurbeln – das ist mehr Wachstum pro Jahr, als durch das Freihandelsabkommen TTIP prognostiziert wird. Auch die Flüchtlinge selbst schaffen Nachfrage.

"100 Euro, die wir jetzt mehr in Integrationsprogramme stecken, sparen dem Staat in Zukunft mehr als 100 Euro", sagt Fratzscher. "Unser Ziel darf also gar nicht sein, die Ausgaben zu minimieren."