Derzeit tritt deutlich zutage, wie wichtig es ist, dass Bürger sich ihrer Gesellschaft zugehörig fühlen. Ob sie das tun, hängt ab von Faktoren wie sozialer Teilhabe, persönlichen Netzwerken und einem Gefühl von Fairness und Gerechtigkeit. Längere Arbeitslosigkeit oder gar Armut gefährden das Zugehörigkeitsgefühl und damit die Integrationskraft einer Gesellschaft. Anders ausgedrückt: Ein aufnahmefähiger und funktionstüchtiger Arbeitsmarkt ist wesentlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Kitts.

Der deutsche Arbeitsmarkt steht vor der großen Herausforderung, eine beträchtliche Zahl neu hinzugekommener Arbeitsuchender zu integrieren. Gleichzeitig wissen wir aber, wie schwer es für Menschen ist, Arbeit zu finden, wenn ihnen schulische oder berufliche Abschlüsse fehlen oder sie gesundheitlich eingeschränkt sind.

Die Zahlen zeigen das schon jetzt: Es gibt in Deutschland 1,2 Millionen Arbeitslose ohne formale Qualifikation, aber nur rund 200.000 Stellen, für die keine Qualifikationsabschlüsse verlangt werden. Ein ungünstiges Verhältnis, das sich weiter verschärfen könnte. Denn auf beiden Seiten des Marktes erhöht sich der Druck. Viele Geflüchtete ohne sofort verwertbare Qualifikation vergrößern die Gruppe der Arbeitslosen. Zugleich wachsen die Anforderungen, die Arbeitssuchende erfüllen müssen, weil die Digitalisierung zunehmend Helfertätigkeiten verdrängt und auch die 2015 neu eingeführte Lohnuntergrenze, der Mindestlohn, die Leistungserwartungen an die Beschäftigten gesteigert hat.

An drei Stellen können und müssen wir ansetzen, um die Lage zu meistern.

Erstens: Schulische und berufliche Bildung sind das Fundament für die Integration in Arbeitsmarkt und Gesellschaft. Jedes Jahr aber verlassen 5,5 Prozent der jungen Schulabgänger die Schule ohne Abschluss. Sie tragen ein deutlich höheres Risiko als andere, arbeitslos zu werden und zu bleiben.

Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird zudem dadurch gefährdet, dass sich Bildungsarmut über Generationen vererbt und verfestigt. Kinder von Eltern ohne Schul- und Berufsabschluss tun sich schwerer als andere, einen Schulabschluss zu erwerben und eine Arbeit zu finden. Investitionen in frühkindliche Erziehung und mögliche ganztägliche Betreuung in Kindergärten und Schulen sowie sozialpädagogische Angebote im Bildungssystem können es Menschen aus bildungsferneren Schichten leichter machen. Durch sie könnte es gelingen, den Teufelskreis einer vererbten Bildungsarmut zu durchbrechen.

Zweitens: Personen mit Integrationshemmnissen am Arbeitsmarkt müssen konsequent gefördert werden. Die Möglichkeiten gibt es. Zuschüsse für Betriebe zum Beispiel können Türen öffnen, wenn es darum geht, Vorbehalte bei Arbeitgebern abzubauen oder vorübergehende Produktivitätsnachteile auszugleichen. Auch die Zeitarbeitsbranche kann bis zu einem gewissen Punkt helfen, Brücken aus der Arbeitslosigkeit zu bauen. Und es gibt Programme wie "Zukunftsstarter", die jungen Erwachsenen zwischen 25 und 35 die Möglichkeit geben, nachträglich einen Berufsabschluss zu erwerben. Auch sie sind geeignet, um Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu eröffnen.

Klassische arbeitsmarktpolitische Maßnahmen allein reichen aber nicht aus. Meistens stehen Langzeitarbeitslose gleich vor mehreren Hürden, die sie überwinden müssen, bevor eine nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt möglich wird: Sie müssen zum Beispiel Betreuungsmöglichkeiten für Kinder oder Pflegebedürftige finden und entwertete Qualifikationen auffrischen. In manchen Fällen müssen sie Schulden abtragen. Um solche Schwierigkeiten zu lösen, ist es sinnvoll, unterschiedliche Beratungs- und Betreuungsstellen gut zu vernetzen und zivilgesellschaftliches Engagement besser einzubinden. Coaches, Paten, Lotsen oder Mentoren könnten noch einmal einen Schub geben.

Drittens: Es ist oft sinnvoll, auch Menschen, die eine Arbeit haben, beim Aufstieg zu helfen. Rund 4,6 Millionen Personen sind in sozialversicherungspflichtigen Stellen beschäftigt, die keine berufliche Qualifikation erfordern, hauptsächlich in den Bereichen Verkehr und Logistik sowie in den Reinigungsberufen. Hier schlummert noch viel Potenzial.

Häufig fehlt diesen Beschäftigten ein anerkannter Berufsabschluss, mit dem sie eine besser bezahlte und sicherere Beschäftigung erreichen könnten. Sie können im Rahmen von Weiterbildungsprogrammen wie WeGebAU und Förderprogrammen für Regionen im Strukturwandel (z.B. IFlaS) unterstützt werden. Steigen sie dann aus ihren Helferpositionen auf, werden ihre früheren Stellen frei, und es bieten sich Einstiegschancen für geringer qualifizierte Personen an. Gerade jetzt wäre angesichts der Engpässe bei vielen Fachkrafttätigkeiten der beste Moment, die berufliche Aufwärtsmobilität zu fördern.

Klar ist, keiner dieser Ansatzpunkte alleine bringt uns die entscheidenden Schritte weiter. Nur wenn alle Möglichkeiten gemeinsam genutzt werden, kommen wir wirklich voran auf dem Weg zu einem Arbeitsmarkt, der mehr Chancen ermöglicht und stärker als bisher dazu beiträgt, Zugehörigkeitsgefühl zu erzeugen. Das ist Teil des Kitts, den wir dringend brauchen, um den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu stärken.