Wenn Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel bei seinem Besuch in Teheran mit Hassan Ruhani zusammentrifft, wird er den 67-jährigen Kleriker in entspannterer Gemütslage antreffen. Der iranische Präsident und seine politischen Mitstreiter konnten diese Woche einen wichtigen Sieg verbuchen. Ruhanis populistischer Vorgänger Mahmud Ahmadinedschad wird bei den kommenden Präsidentenwahlen am 19. Mai 2017 nicht wieder antreten, nachdem ihn der Oberste Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei öffentlich "zu seinem eigenen Wohle und zum Wohle der Nation" zurückgepfiffen hatte. Den Hardlinern und Gegnern einer Wiederannäherung an den Westen fehlt damit für die nächste politische Kraftprobe eine Galionsfigur, sodass sie Ruhani wahrscheinlich die zweite Amtszeit nicht mehr streitig machen können.

Dennoch herrscht in Teheran Katerstimmung. Die soziale, politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Dividende des epochalen Atomabkommens lässt auf sich warten. Die wirtschaftliche Erholung kommt nicht voran, die ausländischen Investitionen sind nach einer anfänglichen Euphorie ins Stocken geraten. Und so kommt der deutsche Wirtschaftsminister Gabriel am Sonntag zum zweiten Mal in Ruhanis Regierungszeit zu einem dreitägigen Besuch in die Islamische Republik, nachdem er seine geplante Visite im Mai wegen Krankheit kurzfristig hatte absagen müssen. Gabriel wird von einer 30-köpfigen Wirtschaftsdelegation begleitet und will die deutsch-iranischen Handelskontakte ankurbeln.

Die Aufhebung der Sanktionen stehe nur auf dem Papier, wettert Revolutionsführer Chamenei bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Irans Zentralbankchef Valiollah Seif erklärte, das Atomabkommen habe bisher für sein Land "unter dem Strich nichts gebracht". Und selbst dessen Chefarchitekt Hassan Ruhani ging in seiner Rede vor der UN-Vollversammlung mit der in seinen Augen doppelzüngigen amerikanischen Politik hart ins Gericht. Während andere Nationen intensiv versuchten, ihren Pflichten aus dem Vertrag nachzukommen, würden die USA den Zugang des Irans zum internationalen Bankensystem blockieren und nichts als Hürden aufbauen.

Umso willkommener sind Politikerbesuche aus Europa wie der von Sigmar Gabriel. Auf 4,4 Milliarden Euro summierten sich die deutschen Exporte, bevor die internationalen Sanktionen sie um zwei Drittel reduzierten. Die iranischen Partner galten als gute Kunden, selbstbewusst und kompetent, pünktlich zahlend und zuverlässig. Deutschlands Autokonzerne standen zusammen mit den Franzosen Pate bei Irans Fahrzeugindustrie, der größten im gesamten Nahen und Mittleren Osten. Der schwäbische Maschinenbau belieferte Mittelständler der Islamischen Republik genauso selbstverständlich wie die eigenen daheim. Kaum ein iranischer Fabrikchef, der in den letzten Jahren gegenüber Besuchern nicht schon nach wenigen Sätzen über die Billigmaschinen aus China klagte, um dann das hohe Lied auf dessen deutsche Vorgängerfabrikate anzustimmen. Und so hoffen die deutschen Maschinenbauer, ihren geschrumpften Marktanteil von 550 Millionen Euro in den nächsten Jahren wieder zu verdoppeln.

Viele europäische Banken jedoch zögern bei der Finanzierung von neuen Geschäften. Denn die US-Sanktionen gegen die Revolutionären Garden gelten weiter und ausländischen Investoren fällt es schwer, zu durchschauen, an welchen Firmen die geächteten Pasdaran beteiligt sind. Als weitere Hemmnisse nennen Kreditexperten die allgegenwärtige Korruption, die Bürokratie und das gravierende Missmanagement im iranischen Staatssektor.

Gleichzeitig betont Sigmar Gabriel, dass es bei seinem Besuch nicht nur um wirtschaftliche Beziehungen gehe. Er wolle auch über den Krieg in Syrien, Meinungsfreiheit, Demokratisierung und Menschenrechte sprechen. Wie akut diese Themen sind, zeigte drei Tage vor seiner Abreise die scharfe Intervention der Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Bärbel Kofler. "Ich bin entsetzt über die Nachricht, dass die Verurteilung der iranischen Menschenrechtsverteidigerin Narges Mohammadi zu 16 Jahren Haft auch im Revisionsverfahren bestätigt wurde", schrieb Kofler und appellierte an die iranischen Justiz, das Urteil umgehend aufzuheben. "Iran muss endlich seinen völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommen und die Rechte seiner Bürger achten."