Die Entwicklung überrascht doch etwas. Seit Jahren geht es aufwärts mit der Wirtschaft, noch nie gab es so viele Jobs in Deutschland wie jetzt. Kürzlich aber wurde eine Zahl bekannt, die auf den ersten Blick diese Erfolgsmeldungen etwas trübt: Auch die Zahl der Leiharbeiter ist auf einen Rekordstand gestiegen, mehr als 961.000 solcher Jobs gab es im vergangenen Jahr.

Für die Linkspartei im Bundestag ist dies ein klares Zeichen dafür, dass von dem Boom in Deutschland eben nicht alle profitieren. "Das Zweiklassensystem im Betrieb hat sich leider etabliert", sagt ihr Fraktionsvorsitzender Klaus Ernst. Doch ist es wirklich so einfach? Das Instrument der Leiharbeit wurde in den vergangenen gut zehn Jahren gesetzlich gestärkt, um einen flexibleren Zugang zum Arbeitsmarkt zu schaffen. Befürworter argumentieren, dass gerade deshalb viele Langzeitarbeitslose wieder in den Jobmarkt integriert werden konnten.

Zu diesen Befürwortern gehört etwa die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), eine von Arbeitgeberverbänden getragene Lobbyorganisation. "Beschäftigte in der Zeitarbeit sammeln bei ihren Einsätzen in verschiedenen Unternehmen wichtige Praxiserfahrungen", sagt INSM-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr. Das verbessere die "langfristigen Beschäftigungsperspektiven" gerade von Personen, die nur über geringe oder keine berufliche Ausbildung verfügten, heißt es überdies in einem Positionspapier der INSM. Tatsächlich haben 26 Prozent der Beschäftigten in der Leiharbeit keinen Berufsabschluss, zeigen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA). Unter den Beschäftigten insgesamt liegt der Anteil der Ungelernten sonst bei nur 16 Prozent.

Mehrheit der Leiharbeiter vorher arbeitslos

Das wichtigste Argument der INSM lautet: Vor allem Arbeitslose hätten durch Leiharbeit eine reale Chance, wieder in den Arbeitsmarkt zu kommen. Die hohe Zahl der Zeitarbeitsverhältnisse insgesamt sei kein Problem, weil es eine hohe Fluktuation innerhalb der Branche gebe. Sprich: Viele Neuzugänge bei gleichzeitig vielen Abgängen in feste Jobs. INSM-Geschäftsführer Pellengahr sagt: "Da rund zwei von drei Zeitarbeitern vorher arbeitslos waren, bekommen diese Menschen durch die Zeitarbeit eine neue Chance."

Auch diese Zahlen decken sich mit den offiziellen Werten der BA. Die ergänzt sogar, dass beim größten Teil der neu abgeschlossenen Leiharbeiterjobs die letzte Beschäftigung als Leiharbeiter maximal ein Jahr zurückliege. Das heißt, es handelt sich wirklich meist um Arbeitslose und nicht um Menschen, die von einer Leiharbeitsfirma zu anderen wechseln.

Wenn in Deutschland die Nachfrage auf dem Jobmarkt wachse, dann profitiere davon eben auch die Zeitarbeit, konstatiert INSM-Geschäftsführer Pellengahr. Und das sei "eine gute Nachricht". Der Verband lehnt deshalb eine schärfere Regulierung der Leiharbeit ab, wie sie Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles gerade plant. Sie will, dass Leiharbeiter künftig nach neun Monaten genauso wie die Stammbelegschaften bezahlt werden. Auch sollen sie höchstens eineinhalb Jahre in demselben Betrieb arbeiten dürfen, müssen dann aber übernommen werden. Die INSM warnt, dass bei einer solchen Höchstdauer für die Beschäftigung viele Arbeitskräfte einfach zurück in die Arbeitslosigkeit geschickt würden. Auch die Bezahlung sei schon längst geregelt, schließlich hielten sich fast 100 Prozent der Leiharbeitsfirmen an den für ihre Branche geltenden Tarif.

Für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) hingegen gibt es durchaus Regulierungsbedarf. "Wir wollen auf jeden Fall vermeiden, dass es weiterhin zu Missbrauch bei der Leiharbeit kommt", sagt Helga Nielebock, Leiterin der Rechtsabteilung im DGB-Bundesvorstand. Leiharbeit sei gesetzlich dafür vorgesehen, nur vorübergehend einen Ausfall von Arbeitskräften zu ersetzen oder um Unternehmen einen Ausgleich von Auftragsspitzen zu ermöglichen. Doch es gebe deutliche Anzeichen dafür, dass diese Beschränkungen häufig nicht eingehalten würden. "Allein in den vergangenen zwei Jahren hatten wir fast 20 Entscheidungen vor Gericht zum Missbrauch von Leiharbeit, obwohl die Hürde für eine Klage gerade für diese Beschäftigten sehr hoch ist", sagt Nielebock.

Leiharbeiter verdienen ein Drittel weniger

Negativ falle hierbei besonders die Gesundheitsbranche auf. "Es werden Verleihfirmen nur deshalb gegründet, um Pflegekräfte dauerhaft an ein Krankenhaus zu verleihen, auch wenn dort überhaupt kein Vertretungbedarf besteht", sagt Nielebock. Ähnliches sei im Dienstleitungssektor und besonders aus der Logistikbranche bekannt, wo die Dauer der Beschäftigung von Leiharbeitern eher kurz sei. Das bestätigt die Statistik der BA: Mehr als die Hälfte der Leiharbeitsverhältnisse endet nach drei Monaten. In den klassischen Industriebetrieben der Metall-, Elektro und Chemiebranchen hingegen würden Leiharbeiter länger beschäftigt, sagt Nielebock. Sie hätten damit bessere Aussichten, dauerhaft vom Betrieb übernommen zu werden.

Tatsächlich ist auch nach Angaben der BA der sogenannte Drehtüreffekt das größte Problem der Zeitarbeit. Im vergangenen Jahr kamen 15 Prozent der neuen Arbeitslosen aus der Zeitarbeit, obwohl die Branche nur drei Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten stellt. Das bedeutet für die Leiharbeiter, dass sie ein überdurchschnittlich hohes Risiko zu einer unterdurchschnittlich geringen Bezahlung hinnehmen müssen. Denn auch das ist eine Konstante der Leiharbeit: Trotz tariflicher Regelungen und gesetzlichem Mindestlohn liegt das Bruttogehalt in allen Qualifikationsstufen deutlich unter dem der Stammbelegschaft. Im Median verdient ein Beschäftigter in Deutschland pro Monat 3.024 Euro, ein Leiharbeiter dagegen nur 1.758 Euro. 

Gesetz in Teilen wirkungslos?

Dennoch stellt die BA fest, dass eine Eingliederung von Arbeitslosen in den Jobmarkt gut gelingt, wenn man nicht nur drei Monate beschäftigt ist wie fast die Hälfte der Leiharbeiter. Wer nämlich zwischen 6 und 12 Monaten in der Branche arbeitet, hat höhere Chancen auf einen dauerhaften Job.

Und darauf zielt auch das Gesetz von Arbeitsministerin Nahles, das diesen Herbst im Bundestag verhandelt wird. Allerdings sieht die DGB-Rechtsexpertin Nielebock hier Verbesserungsbedarf. Bisher ordnet die Regelung nur an: Wer länger als 18 Monate in einem Betrieb beschäftigt ist, muss übernommen werden. "Der Arbeitgeber kann bei dieser Regelung aber auch zwei Tage vorher den Leiharbeiter vor die Tür setzen", sagt Nielebock. Damit sei das Gesetz in diesem Punkt wirkungslos. Deshalb plädiere der DGB dafür, diese Regel auf den Arbeitsplatz zu beziehen.

Generell zeigen alle Erhebungen, dass parallel zum wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland auch die Zahl der Leiharbeiter ansteigt. Allerdings ist der Trend in der Zeitarbeit seit 2010 abgeflacht, obwohl die Zahl der Beschäftigten weiterhin wächst. Es finden also prinzipiell mehr Menschen einen dauerhaften Job und sind nicht mehr auf Leiharbeit angewiesen.