ZEIT ONLINE: Herr Krüger, Sie sind Leiter im Innovative Retail Laboratory des Deutschen Forschungszentrums für künstliche Intelligenz, einem Testgelände für Innovationen im Supermarkt. Wo kaufen Sie Ihre Lebensmittel ein?

Antonio Krüger: Eigentlich ganz normal in einem Geschäft.

ZEIT ONLINE: Und wie lange noch?

Krüger: Ich habe längere Zeit in der Woche eine Kiste Gemüse vom Bauernhof bekommen, darauf konnte ich mich gut einstellen. Im Moment ist mir das Lieferangebot des Onlinehandels aber einfach zu unflexibel. Aber das kann sich ändern.

ZEIT ONLINE:Amazon zeigt mit dem Dash-Button im kleinen Rahmen, wie unser Einkauf bald funktionieren könnte. Der Konzern setzt auf die Bequemlichkeit seiner Kunden. Hat er damit Erfolg?

Krüger: Die Bequemlichkeit des Menschen ist nicht zu unterschätzen. Im Fall des Dash-Buttons muss der Benutzer das Waschmittel aber selbst nachbestellen. Noch praktischer wäre es, wenn der Dash-Button von selbst merkt, dass das Waschmittel leer ist. Wenn das funktioniert, wird das sicher ein Erfolg.

ZEIT ONLINE: Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Wie sieht mein Einkauf in 30 Jahren aus?

Krüger: Wir werden Abodienste haben, von denen wir 80 Prozent unserer Lebensmittel geliefert bekommen. Der Rest wird Qualitätseinkauf sein, zum Beispiel auf dem Markt oder in Supermärkten, die sich auf Frische spezialisieren. Fertigprodukte werden direkt im Markt hergestellt, manche Gemüsearten vielleicht sogar vor Ort angebaut. Die Läden werden auch kleiner sein, noch wahrscheinlicher sind Hallen, die wie französische Märkte organisiert sind. Der Trend zur Frische ist schon da: Das Angebot an frischem Fleisch und Käse ist heute viel größer als noch vor zehn Jahren.

ZEIT ONLINE: Aber wer will schon jede Woche im Abo das Gleiche bestellen.

Krüger: Man bräuchte eine dynamische Einkaufsliste. Das System misst den Bedarf und sagt jede Woche aufgrund seiner Erfahrung voraus, was man braucht. Oder das System schlägt eine wöchentliche Einkaufsliste vor, die dann bis auf wenige Änderungen abgesegnet werden kann. Die Frage der Zukunft ist, wie gut der Algorithmus dahinter funktioniert.

ZEIT ONLINE: Wenn ich alles bequem online bestellen kann, wieso sollte ich dann überhaupt in einem Laden einkaufen?

Krüger: Der Onlinehandel hat zwar großes Potenzial für Lebensmittel des täglichen Bedarfs. Aber manchmal wollen Sie ja eine Delikatesse haben, einen guten Fisch zum Beispiel. Da ist der Aufwand, in einen gut sortierten Fischhandel zu gehen, nicht größer als im Internet zu recherchieren. Im Internet kann Ihnen niemand Qualität garantieren. Je spezialisierter das Lebensmittel, umso wahrscheinlicher ist es, dass Sie es im stationären Handel kaufen.

ZEIT ONLINE: Und was dürfen wir in den nächsten zehn Jahren erwarten?

Krüger: Zunächst wird man der Verschwendung von Lebensmitteln vorbeugen müssen, weil mit mehr Frische auch das Risiko steigt, dass Sachen verderben. Im Moment muss der Marktleiter selber entscheiden, wann und ob er die Preise zum Beispiel für Bananen mit braunen Flecken senkt. Ein Computersystem könnte Abhilfe schaffen: Es weiß, was dringend verkauft werden muss und senkt automatisch die Preise. Das geht dank elektronischer Preisschilder, wie Rewe sie zum Beispiel schon nutzt.