Dass es so einfach würde, hatte Mario Draghi wahrscheinlich nicht erwartet. Das Treffen mit den deutschen Parlamentariern im Bundestag fand in einer entspannten Atmosphäre statt, von Aufregung keine Spur. Was das zeigt? Dass am Ende auch Deutschland den offenen Konflikt mit der Europäischen Zentralbank (EZB) scheut.

Keine Frage: Die Politik der Notenbank ist alles andere als beliebt. Die Deutschen sind ein Volk von Sparern. Sie legen ihr Geld am liebsten auf die Bank. Deshalb nützt es vielen Bundesbürgern wenig, wenn die niedrigen Zinsen die Preise von Aktien und Immobilien in die Höhe treiben.

Aber was soll Draghi dagegen tun? Die Zinsen anheben? Das würde die Wirtschaft in der Währungsunion bremsen und die Arbeitslosigkeit steigen lassen – und wahrscheinlich zu neuen Spannungen zwischen den Mitgliedsstaaten der Währungsunion führen. Das weiß man auch in Berlin. Die EZB ist nun einmal für die Eurozone insgesamt verantwortlich. Angesichts einer Inflationsrate, die deutlich unter dem Zielwert der Notenbank liegt, wären höhere Zinsen schwer zu rechtfertigen.

Es ist auch keineswegs ausgemacht, dass es Deutschland erheblich besser ginge, wenn es die D-Mark noch gäbe. Die Schweiz hat noch eine eigene Währung. Ihr Zinsniveau liegt unter dem deutschen. Und die britische Notenbank hat ihre Geldpolitik zuletzt ebenfalls gelockert. Dass die Zinsen derzeit in der westlichen Welt so niedrig sind, hat eben vor allem strukturelle Ursachen: Es wird zu wenig investiert und zu viel gespart.

Das Geld wird sich deshalb erst wieder vermehren, wenn mehr davon ausgegeben wird; wenn die Unternehmen und die Haushalte dazu nicht bereit sind, müsste es der Staat tun. Das würde aber ein grundlegendes wirtschaftspolitisches Umdenken in der westlichen Welt erfordern.

In Deutschland müsste Wolfgang Schäuble einer Lockerung der europäischen Stabilitätsregeln zustimmen und die Staatsausgaben kräftig nach oben fahren. Auf diese Weise könnte es tatsächlich gelingen, die Niedrigzinsphase zu überwinden. Das will aber weder Schäuble, noch will es eine Mehrheit der Abgeordneten des Deutschen Bundestags.

Für die EZB bedeutet das: Sofern sie es nicht übertreibt, muss sie keinen ernsthaften Widerstand aus Deutschland fürchten. Auch den deutschen Parlamentariern scheint allmählich klar zu werden: Die niedrigen Zinsen sind keine Laune eines durchgedrehten Notenbankpräsidenten, sondern das Symptom tiefgreifender weltwirtschaftlicher Verwerfungen. Das ist ein Fortschritt.