Das Bestbieterprinzip ist eine europaweit diskutierte Idee. In Österreich wurde es, ohne dass jemand daran drehen musste, zu einer nationalen. Wer nämlich der beste Anbieter ist, unterliegt hier von vornherein keinem Zweifel. "Weniger Preisdruck auf heimische Bauunternehmen", scholl es aus Tirol, und der Abgeordnete Josef Muchitsch lobte, dass Aufträge dann nicht mehr "ins Ausland" gingen.

Alle pflichteten ihm bei: die Wirtschaft, die Parteien, die Regierung. Nur die Gemeinden mit ihren gestressten Haushalten grummelten ein wenig. Jetzt schweigen sie – im nationalen Interesse. Seit März ist das Prinzip wenigstens für größere Aufträge Gesetz, im Parlament zu Wien einstimmig beschlossen. Auch private Auftraggeber sollten jetzt "darauf achten, dass die Wertschöpfung, Abgaben und Steuern in Österreich bleiben", verlangte Muchitsch.

Josef Muchitsch ist Sozialdemokrat. Nationalismus würde ihm niemand vorwerfen. Weder gehört der Gewerkschafter einer schwarz-rot-goldenen Verbindung an, noch ist er irgendwie gegen Europa. "Österreich zuerst": Der Slogan des Volksbegehrens, das noch vom verstorbenen Jörg Haider angestrengt wurde, ist heute, ein knappes Vierteljahrhundert später, allgemeine Volksweisheit. Österreich zuerst, wohlgemerkt, nicht Österreich allein oder gar "über alles". Europa ist schon okay, es gehört zum Konzept dazu. 

Man schimpft auf die EU, will sie aber nicht missen

In Slowenien ist Österreich der größte Investor. Nur wenn slowenische Betriebe aus Bau und Handwerk in Österreich um öffentliche Aufträge konkurrieren wollen, müssen sie jetzt Bescheinigungen – beispielsweise zur Bonität – vorlegen, die ihnen in Slowenien niemand ausstellt und die, falls doch, in Österreich keiner versteht. So geht Europa in Österreich. Ob diese Praxis auch mit dem Europarecht vereinbar ist, bleibt abzuwarten. Die neue Vergabeordnung ist erst seit Anfang März in Kraft.

Dass Politiker für die heimische Wirtschaft lobbyieren, ist nicht nur in Österreich üblich. Aber nur hier gehen deren Argumente glatt durch. In der Steiermark schätzt man den Abgeordneten Muchitsch für seinen "Hausverstand". Hausverstand ist neben der "Handschlagqualität" über Parteigrenzen hinweg das höchste Lob für einen österreichischen Politiker. Gemeint ist die Fähigkeit, das Nächstliegende zu tun und sich über komplizierte Hintergründe keine Gedanken zu machen. Handschlagqualität dagegen ist die Bereitschaft, mündliche Nebenabsprachen ernster zu nehmen als schriftliche Verträge oder gar öffentliche Reden. Beides zusammen garantiert Popularität.

An Europa denken nur einige Ökonomen – wie Alexander van der Bellen, der Kandidat, der im Mai schon fast Präsident geworden wäre. In seiner Kampagne vor der nun verschobenen dritten Runde der Wahl warnt er vor dem "Öxit". Der Bauunternehmer Hans Peter Haselsteiner tritt ihm mit einer eigenständigen Kampagne zur Seite.

Aber die liberalen Europäer rennen beim Gegner offene Türen ein. Er sei gar nicht für einen Austritt aus der EU, konterte sofort der freiheitliche Kandidat Norbert Hofer. Das wäre auch nicht populär. Zwar hat die Union in Österreich nach dem Eurobarometer ähnlich katastrophale Zustimmungswerte wie in Großbritannien vor dem Brexit. Anders aber als auf der Insel will hier kaum jemand austreten. Alle entsprechenden Initiativen, gestartet von Außenseitern, sind kläglich versandet. Man schimpft auf die EU, will sie aber nicht missen. Brüssel und die großen, mächtigeren Mitgliedsländer gehören zum Setting.