"Wir machen Nutztiere systematisch krank"

ZEIT ONLINE: Herr Wolfschmidt, wann hatten Sie Ihr letztes Steak?

Matthias Wolfschmidt: Steak weiß ich gar nicht, aber ein Schnitzel hatte ich vergangene Woche.

ZEIT ONLINE: Und was ging Ihnen dabei durch den Kopf?

Wolfschmidt: Man denkt auch nachdem man ein Buch über Tierleid geschrieben hat, nicht immer gleich automatisch an die ganze Industriekette, die dahintersteckt. Viele Verbraucher ahnen nicht, dass sehr viele Tiere, die wir schlachten, sehr krank gewesen sind.

ZEIT ONLINE: Inwiefern krank?

Wolfschmidt: Die Nutztiere werden systematisch durch die Haltungsbedingungen krank gemacht. Je nach Studie machen zum Beispiel 50 bis 60 Prozent der Schweine innerhalb ihrer sieben Lebensmonate eine mehr oder weniger schwere Lungenentzündung durch.

ZEIT ONLINE: Wir legen aber keine Schweinelungen auf den Grill, sondern Nackensteaks und Würstchen.

Wolfschmidt: Ja natürlich – aber diese Organbefunde sind sichere Beweise dafür, dass die Tiere teils massive Krankheiten und Leiden erdulden mussten. Um unsere Gesundheit brauchen wir uns, was das angeht, keine Sorgen zu machen. Für die Qualität des Muskelfleisches, das wir üblicherweise essen, haben diese Krankheiten keine Relevanz.

ZEIT ONLINE: Als Verbraucherschützer von foodwatch sorgen Sie sich mit ihrem Buch Das Schweinesystem jetzt aber auch um das Tierwohl?

Wolfschmidt: Verbraucher sind sich gar nicht bewusst, was sie da kaufen. Es geht mir weniger um die gesundheitlichen Aspekte des Verbraucherschutzes, also nicht um Salmonellen, Campylobacter oder virale Infektionen. Es geht um die andere Seite. Wir wollen gesunde Lebensmittel essen. Und ich denke, wir sollten so weit sein, dass die auch von nachweislich gesunden Tieren stammen.

ZEIT ONLINE: Aber ist es um den Tierschutz in Deutschland tatsächlich so schlecht bestellt?

Wolfschmidt: Mindestens jedes vierte Tierprodukt stammt von einem kranken Nutztier. Kühe haben entzündete Euter, leiden an Fruchtbarkeitsproblemen, haben Verletzungen an den Gliedmaßen und Stoffwechselstörungen. Viele Schweine haben Lungenentzündungen und schwere Leberprobleme. Häufig bilden sie Nekrosen aus, weil sie sich gegenseitig auf ihren Ringelschwänzen herumkauen.

Mastgeflügel wächst zu schnell und kann wegen des Gewichts häufig kaum mehr laufen oder hat Schmerzen dabei. Die Tiere legen sich hin, weil sie gar nicht mehr hochkommen. Legehennen haben mit Knochenbrüchen zu kämpfen, weil sie das Kalzium aus ihren Knochen für die Eier verbrauchen. Kannibalismus ist ebenfalls ein großes Problem.

ZEIT ONLINE: Aber die Haltungsbedingungen haben sich doch insgesamt verbessert. Gerade für Bioprodukte sind die Standards viel strenger als vor 20 Jahren.

Wolfschmidt: Die ausgewerteten Studien zeigen eindeutig, dass die Gesundheitsprobleme in allen Segmenten und bei allen Tierarten vorkommen. In kleinen Ställen wie in großen, bei Biobetrieben wie bei konventionellen. Manchen Landwirten fehlt es an Know-how, manchen an der Ausstattung ihrer Ställe, es fehlt zuweilen an Arbeitskräften und es fehlt an Geld – die Gründe sind vielfältig. Deshalb muss man sich jeden einzelnen Betrieb genau anschauen.

Eine flächendeckende Gesundheitsberichterstattung ist nötig

ZEIT ONLINE: Wenn uns nicht mal Bioprodukte gesunde Tiere garantieren, wie können wir uns im Supermarkt überhaupt für Produkte von gesunden Tieren entscheiden?

Wolfschmidt: Gar nicht. Sie haben keine Chance. Auch wenn Sie zum Neuland-Schlachter gehen und fragen. Der sagt Ihnen, dass er sich den Hof angesehen hat. Aber über den Gesundheitszustand der Tiere wird auch er nichts Substanzielles sagen können.

ZEIT ONLINE: Da werden Ihnen die Biobauern, freundlich ausgedrückt, aber nicht zustimmen.

Wolfschmidt: Darüber bin ich mir im Klaren. In der Biolandwirtschaft gibt es exzellente Betriebe, aber eben auch miserable – genau wie in der konventionellen Haltung. Es geht mir darum, dass dieses Problem endlich offengelegt wird. Unser Ziel muss es sein, dass nicht nur einzelne, sondern alle Betriebe ihre Tiere so halten, dass sie weder krank noch verhaltensgestört gemacht werden.

ZEIT ONLINE: Was müsste dazu passieren?

Wolfschmidt: Wir brauchen eine verpflichtende, betriebsgenaue Gesundheitsberichterstattung. Dann könnte man die Betriebe, in denen es offensichtlich funktioniert, mit jenen vergleichen, wo es große Probleme gibt, wo mitunter 80 Prozent der Tiere krank sind. Und dort entsprechende Beratungen und Verbesserungen durchführen.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, wir brauchen mehr Gesundheitsdaten. Reichen die aus ihrem Buch nicht aus?

Wolfschmidt: Es gibt Daten, aber eben nicht für jeden einzelnen Betrieb. Die Studien gehen uneinheitlich vor und kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Aber keine Arbeit leugnet, dass es den Tieren je nach Betrieb und Haltung mal deutlich besser und mal schlechter geht. Das räumt mit dem Vorurteil auf, dass es den Tieren ja gar nicht so schlecht gehe.

ZEIT ONLINE: So ein flächendeckendes Gesundheitssystem für Tiere kostet viel Geld. Wer bezahlt das?

Wolfschmidt: Ganz klar: Tierische Produkte würden etwas teurer werden. Diese Wahrheit gehört dazu. Der Preis, den wir derzeit an der Kasse zahlen, kostet die Tiere Leid und Schmerz. Ich rede nicht nur von Fleisch, Eiern und Milch. Bei vielen Produkten denken wir gar nicht daran, dass sie tierische Bestandteile enthalten, wie bei Süßigkeiten oder Gebäck.

ZEIT ONLINE: Ein Stück Fleisch kostet im Bioladen schon eine Menge. Was kostet uns dann ein Upgrade mit körperlichem und psychischem Tierwohl?

Wolfschmidt: Sie nennen es Upgrade. Ich nenne es absolutes Minimum. Der wissenschaftliche Beirat des Landwirtschaftsministeriums rechnet mit Mehrkosten von drei bis sechs Prozent. Der deutsche Tierschutzbund zeichnet Fleisch mit einem Tierschutzsiegel aus, das nur wenige Betriebe erfüllen. Deren Preis liegt zwischen 30 und 60 Prozent über dem handelsüblichen.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie die teuren Preise jemandem, der Grundsicherung bezieht?

Wolfschmidt: Immer, wenn jemand zum billigeren Produkt greift, zahlt das Tier dafür die Zeche. Wir werden das Problem nicht allein durch Tierschutzpolitik lösen. Wenn wir jedem eine ausgewogene Ernährung ermöglichen wollen, müssen wir auch über unsere Sozialpolitik nachdenken. Es ist dann unausweichlich, die Bafög- und Hartz-IV-Sätze zu erhöhen.

ZEIT ONLINE: Aber was ist, wenn wir gar nicht mehr zahlen wollen?

Wolfschmidt: Dann müssen wir das Grundgesetz ändern und den Nutztieren ihre Rechte als Mitgeschöpfe aberkennen.

"Ich unterstelle den Konzernvorständen nicht, dass sie schlechte Menschen sind"

ZEIT ONLINE: Aber tragen neben uns Verbrauchern nicht auch die Bauern Verantwortung für ihre Tiere?

Wolfschmidt: Ich habe viele Bauern getroffen, die sich eine Menge Gedanken um die Gesundheit ihrer Tiere machen – sie sind aber teils gezwungen, sich damit abzufinden, dass ihre Tiere leiden. Die Erlöse für Tierprodukte sind niedrig, da bleibt kein Geld für Innovation im Tierstall. Vor 50 Jahren gingen von einem Euro für Tierprodukte 66 Cent an den Bauern. Heute sind es 25 Cent. Das liegt vor allem an den Handelskonzernen, die die Preise drücken.

ZEIT ONLINE: Was ist mit der Initiative Tierwohl? Hier zahlen Handelsketten Geld in einen Topf, um Bauern bei artgerechter Haltung zu unterstützen.

Wolfschmidt: Diese Tierwohl-Initiative ist ein lukratives Geschäft: Die Handelskonzerne geben 80 Millionen dafür aus und freuen sich über den Schub fürs Image. Gemessen an den Werbeausgaben der Konzerne von über einer Milliarde Euro ist das lächerlich wenig.

ZEIT ONLINE: Aber ist das verwerflich, wenn es den Tieren dadurch besser geht?

Wolfschmidt: Nein, aber Fakt ist: Zum einen betrifft das nur einen kleinen Teil der Tiere, zum anderen lassen sich die Auswirkungen dieser Initiative auf die Tiergesundheit gar nicht messen. Ich unterstelle den Konzernvorständen ja nicht, dass sie schlechte Menschen sind. Aber wir müssen ihnen sehr deutlich machen, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Sie tragen eine enorme Verantwortung für die Zustände in dem System.

ZEIT ONLINE: Man könnte doch ein Siegel schaffen, dass Produkte von gesunden Tieren auszeichnet. Durch diese Transparenz kann der Verbraucher entscheiden, ob er zur Gesundheit der Tiere beitragen will.

Wolfschmidt: Dazu gibt es sogar Pläne des Landwirtschaftsministeriums. Im Gespräch ist ein staatliches Tierschutzlogo. Angeblich könnten damit bis zu 20 Prozent der Produkte ausgezeichnet werden. Doch was ist denn mit den anderen 80 Prozent? Damit gestehen wir ja quasi ein, dass diese Produkte von Tieren kommen, bei denen wir in Kauf nehmen, dass sie extrem leiden. Das ist ethisch nicht zu rechtfertigen.

ZEIT ONLINE: Ethisch korrekt wäre es demnach aber doch nur, wenn wir alle vegan leben würden.

Wolfschmidt: Wenn wir irgendwann mehrheitlich als Gesellschaft entscheiden: Wir wollen keine Tiere töten und auch keine Tiere mehr nutzen, wäre das eine Option. Momentan machen Veganer aber nur ein Prozent der Bevölkerung aus.

ZEIT ONLINE: Und was machen Sie dann mit der Minderheit, die noch Fleisch, Ei und Milchprodukte essen möchte?

Wolfschmidt: Die dürften dann in jedem Fall keine Produkte essen, bei denen die Tiere so leiden wie jetzt.