ZEIT ONLINE: Wenn uns nicht mal Bioprodukte gesunde Tiere garantieren, wie können wir uns im Supermarkt überhaupt für Produkte von gesunden Tieren entscheiden?

Wolfschmidt: Gar nicht. Sie haben keine Chance. Auch wenn Sie zum Neuland-Schlachter gehen und fragen. Der sagt Ihnen, dass er sich den Hof angesehen hat. Aber über den Gesundheitszustand der Tiere wird auch er nichts Substanzielles sagen können.

ZEIT ONLINE: Da werden Ihnen die Biobauern, freundlich ausgedrückt, aber nicht zustimmen.

Wolfschmidt: Darüber bin ich mir im Klaren. In der Biolandwirtschaft gibt es exzellente Betriebe, aber eben auch miserable – genau wie in der konventionellen Haltung. Es geht mir darum, dass dieses Problem endlich offengelegt wird. Unser Ziel muss es sein, dass nicht nur einzelne, sondern alle Betriebe ihre Tiere so halten, dass sie weder krank noch verhaltensgestört gemacht werden.

ZEIT ONLINE: Was müsste dazu passieren?

Wolfschmidt: Wir brauchen eine verpflichtende, betriebsgenaue Gesundheitsberichterstattung. Dann könnte man die Betriebe, in denen es offensichtlich funktioniert, mit jenen vergleichen, wo es große Probleme gibt, wo mitunter 80 Prozent der Tiere krank sind. Und dort entsprechende Beratungen und Verbesserungen durchführen.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, wir brauchen mehr Gesundheitsdaten. Reichen die aus ihrem Buch nicht aus?

Wolfschmidt: Es gibt Daten, aber eben nicht für jeden einzelnen Betrieb. Die Studien gehen uneinheitlich vor und kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Aber keine Arbeit leugnet, dass es den Tieren je nach Betrieb und Haltung mal deutlich besser und mal schlechter geht. Das räumt mit dem Vorurteil auf, dass es den Tieren ja gar nicht so schlecht gehe.

ZEIT ONLINE: So ein flächendeckendes Gesundheitssystem für Tiere kostet viel Geld. Wer bezahlt das?

Wolfschmidt: Ganz klar: Tierische Produkte würden etwas teurer werden. Diese Wahrheit gehört dazu. Der Preis, den wir derzeit an der Kasse zahlen, kostet die Tiere Leid und Schmerz. Ich rede nicht nur von Fleisch, Eiern und Milch. Bei vielen Produkten denken wir gar nicht daran, dass sie tierische Bestandteile enthalten, wie bei Süßigkeiten oder Gebäck.

ZEIT ONLINE: Ein Stück Fleisch kostet im Bioladen schon eine Menge. Was kostet uns dann ein Upgrade mit körperlichem und psychischem Tierwohl?

Wolfschmidt: Sie nennen es Upgrade. Ich nenne es absolutes Minimum. Der wissenschaftliche Beirat des Landwirtschaftsministeriums rechnet mit Mehrkosten von drei bis sechs Prozent. Der deutsche Tierschutzbund zeichnet Fleisch mit einem Tierschutzsiegel aus, das nur wenige Betriebe erfüllen. Deren Preis liegt zwischen 30 und 60 Prozent über dem handelsüblichen.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie die teuren Preise jemandem, der Grundsicherung bezieht?

Wolfschmidt: Immer, wenn jemand zum billigeren Produkt greift, zahlt das Tier dafür die Zeche. Wir werden das Problem nicht allein durch Tierschutzpolitik lösen. Wenn wir jedem eine ausgewogene Ernährung ermöglichen wollen, müssen wir auch über unsere Sozialpolitik nachdenken. Es ist dann unausweichlich, die Bafög- und Hartz-IV-Sätze zu erhöhen.

ZEIT ONLINE: Aber was ist, wenn wir gar nicht mehr zahlen wollen?

Wolfschmidt: Dann müssen wir das Grundgesetz ändern und den Nutztieren ihre Rechte als Mitgeschöpfe aberkennen.