ZEIT ONLINE: Aber tragen neben uns Verbrauchern nicht auch die Bauern Verantwortung für ihre Tiere?

Wolfschmidt: Ich habe viele Bauern getroffen, die sich eine Menge Gedanken um die Gesundheit ihrer Tiere machen – sie sind aber teils gezwungen, sich damit abzufinden, dass ihre Tiere leiden. Die Erlöse für Tierprodukte sind niedrig, da bleibt kein Geld für Innovation im Tierstall. Vor 50 Jahren gingen von einem Euro für Tierprodukte 66 Cent an den Bauern. Heute sind es 25 Cent. Das liegt vor allem an den Handelskonzernen, die die Preise drücken.

ZEIT ONLINE: Was ist mit der Initiative Tierwohl? Hier zahlen Handelsketten Geld in einen Topf, um Bauern bei artgerechter Haltung zu unterstützen.

Wolfschmidt: Diese Tierwohl-Initiative ist ein lukratives Geschäft: Die Handelskonzerne geben 80 Millionen dafür aus und freuen sich über den Schub fürs Image. Gemessen an den Werbeausgaben der Konzerne von über einer Milliarde Euro ist das lächerlich wenig.

ZEIT ONLINE: Aber ist das verwerflich, wenn es den Tieren dadurch besser geht?

Wolfschmidt: Nein, aber Fakt ist: Zum einen betrifft das nur einen kleinen Teil der Tiere, zum anderen lassen sich die Auswirkungen dieser Initiative auf die Tiergesundheit gar nicht messen. Ich unterstelle den Konzernvorständen ja nicht, dass sie schlechte Menschen sind. Aber wir müssen ihnen sehr deutlich machen, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Sie tragen eine enorme Verantwortung für die Zustände in dem System.

ZEIT ONLINE: Man könnte doch ein Siegel schaffen, dass Produkte von gesunden Tieren auszeichnet. Durch diese Transparenz kann der Verbraucher entscheiden, ob er zur Gesundheit der Tiere beitragen will.

Wolfschmidt: Dazu gibt es sogar Pläne des Landwirtschaftsministeriums. Im Gespräch ist ein staatliches Tierschutzlogo. Angeblich könnten damit bis zu 20 Prozent der Produkte ausgezeichnet werden. Doch was ist denn mit den anderen 80 Prozent? Damit gestehen wir ja quasi ein, dass diese Produkte von Tieren kommen, bei denen wir in Kauf nehmen, dass sie extrem leiden. Das ist ethisch nicht zu rechtfertigen.

ZEIT ONLINE: Ethisch korrekt wäre es demnach aber doch nur, wenn wir alle vegan leben würden.

Wolfschmidt: Wenn wir irgendwann mehrheitlich als Gesellschaft entscheiden: Wir wollen keine Tiere töten und auch keine Tiere mehr nutzen, wäre das eine Option. Momentan machen Veganer aber nur ein Prozent der Bevölkerung aus.

ZEIT ONLINE: Und was machen Sie dann mit der Minderheit, die noch Fleisch, Ei und Milchprodukte essen möchte?

Wolfschmidt: Die dürften dann in jedem Fall keine Produkte essen, bei denen die Tiere so leiden wie jetzt.