Ein Hoch auf den Vertrag – Seite 1

Sie gelten als trockene Materie. Sie stecken voller juristischer Begriffe. Sie zu lesen und sie zu verstehen, verlangt von allen Beteiligten große Kenntnis. Sie bestehen aus Kompromissen, die oft schwer vereinbare Interessen zusammenbringen sollen: Verträge. Sie regeln das gesellschaftliche Zusammenleben und wirtschaftliche Arbeiten. Sind sie gut gemacht, wird alles leichter. Schlechte Verträge aber verkomplizieren alles.

Die Königlich Schwedische Wissenschaftsakademie ehrt nun zwei Professoren mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften, weil sie gezeigt haben, wie wichtig ein klares Design von Verträgen in unserer globalen Gesellschaft und Wirtschaft für jeden einzelnen ist. Moderne Volkswirtschaften würden durch unzählige Verträge zusammengehalten, hieß es in der Begründung.

Der in London geborene US-Amerikaner Oliver Hart und der Finne Bengt Holmström werden für ihre Arbeit zur Frage ausgezeichnet, wie man zum Beispiel Verträge zwischen Arbeitnehmern und ihren Arbeitgebern am besten gestaltet, zwischen Autofahrern und Versicherungen oder zwischen Firmen und Konsumenten. In den Beziehungen zwischen solchen Parteien sind Interessenkonflikte häufig programmiert. Mit dem richtigen Vertragsdesign kann man sie verhindern.

Die ökonomische Theorie zu Verträgen geht dabei von zwei Parteien aus: Der sogenannte Prinzipal will, dass eine Aufgabe erledigt wird, der Agent erledigt sie in dessen Auftrag. Doch der Prinzipal weiß nicht, wie zuverlässig der Agent seinen Pflichten nachkommt. Gutes Vertragsdesign setzt die Anreize so geschickt, dass die Aufgabe im Sinne des Prinzipals erledigt wird und der Agent auch etwas davon hat. Etwa bei Managergehältern: Arbeitet der Manager im Sinne der Firma, bekommt er einen Bonus. 

"Holmström hat gezeigt, wie wichtig Anreize bei der Bezahlung sind"

Holmströms Theorie erklärt, nach welchen Regeln Boni gezahlt werden sollten, damit Manager im Interesse der Eigentümer wirtschaften. Es läge nahe, das Gehalt der Manager einfach an die Gewinne der Unternehmen zu koppeln. Doch der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) lehrende Holmström zeigte, dass das zu kurz gedacht ist. Schließlich können viele Faktoren den Unternehmenserfolg beeinflussen, an denen kein Manager beteiligt sein kann: die Konjunktur beispielsweise oder die Gesamtentwicklung einer Branche. Was ist Glück und was ist Können? Holmströms Arbeit hilft, die Verträge so zu gestalten, dass sie besser funktionieren. Seine Theorie berücksichtigt auch anderes Problem: Schnelle Gewinne sind oft leichter zu machen. Gutes Vertragsdesign aber kann die Vorstände dazu bringen, auch langfristig im Interesse ihres Unternehmens zu handeln.

Kompliziert wird es, wenn der Agent mehr als eine Aufgabe erledigen soll. Nach der Theorie wird er sich dann nur auf die Aufgabe konzentrieren, für die er größere Anreize hat. "Ganz vereinfacht heißt das: Der Prinzipal bekommt, wofür er zahlt", sagt Klaus Schmidt, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München. Wie schwer das in der Praxis sein kann, zeigt beispielsweise der Abgasskandal um Volkswagen. Bezahlt VW seine Mitarbeiter nur dafür, dass zu hohe Abgaswerte bei Tests nicht gemessen werden können, nicht aber dafür, sie tatsächlich einzuhalten, werden sie zur Manipulation greifen.

"Holmström hat gezeigt, wie wichtig Anreize bei der Bezahlung sind", sagt Schmidts Kollege Florian Englmaier, Professor für Organisationsökonomie ebenfalls an der LMU. Der Nobelpreis sei überfällig gewesen, findet Englmaier, denn Holmströms Arbeit habe viele ökonomische Disziplinen beeinflusst und absolute Grundlagen geschaffen. "Auch viele Unternehmen haben die Ideen aufgegriffen. Und dabei unzulässig verkürzt", sagt Englmaier. Denn was nütze es, die Bonuszahlungen am Aktienkurs auszurichten, wenn der gar nicht den realen Unternehmenswert widerspiegelt?

Wer mehr besitzt, hat den größeren Einfluss

Der seit 1993 an der Harvard-Universität lehrende Hart beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit sogenannten unvollkommenen Verträgen. Gemeint sind damit all jene Kontrakte, bei denen nicht jeder Fall der Fälle geregelt werden kann – zum Beispiel die Verteilung eines Gewinns, dessen Höhe noch gar nicht feststeht. Dann spielen Besitzrechte eine Rolle. Wer mehr besitzt, hat im Zweifel größeren Einfluss und wird ein größeres Stück vom Kuchen abbekommen.

Hart beschäftigte sich auch mit der Frage, wann es sich für ein Unternehmen lohnt, Zulieferbetriebe zu kaufen. Oder für die öffentliche Hand, Schulen, Krankenhäuser oder Gefängnisse zu privatisieren. Der Ökonom zeigte, dass private Betreiber häufig zu große Anreize haben, Kosten zu reduzieren und dabei die Qualität ihrer Arbeit zu vernachlässigen. Er äußerte sich besorgt über die Zustände in privat betriebenen Gefängnissen.

Im Gegensatz zu vielen anderen mathematisch orientierten Wirtschaftsforschern seiner Generation habe Hart "die Verhaltensrevolution in der ökonomischen Forschung mit offenen Armen empfangen", sagt Dirk Sliwka, Ökonom an der Universität zu Köln. Harts Modelle basieren zwar auf Mathematik. Er selbst sei aber der Überzeugung, dass ökonomische Forschung das menschliche Verhalten in wirtschaftlichen Situationen berücksichtigen und empirisch erforschen müsse.

Eine Arbeit, die jeden Bürger betrifft

Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), nannte die Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises an Hart und Holmström "eine hervorragende Wahl". Ihre Forschung betone "die zentrale gesellschaftliche Bedeutung von Verträgen und Institutionen und schafft es wie kaum eine andere, Theorie und Wirklichkeit zu verbinden." Ihre Arbeit sei "höchst relevant" und betreffe alle Bürger. 

So gehe die Gestaltung vieler Versicherungsverträge auf die Analyse der beiden Nobelpreisträger zurück. Die Gehaltsverträge für Banker – konkret: ihre Boni – könnten mit Blick auf die Arbeit von Hart und Holmström künftig so gestaltet werden, "dass diese mehr im Interesse der Gesellschaft und weniger im eigenen Interesse handeln", sagte Fratzscher. Auch Verträge zu öffentlich-privaten Partnerschaften könnten durch die Forschung der beiden Ökonomen so gestaltet werden, dass Staat und Gesellschaft gewönnen "und nicht, wie bisher, zu häufig verlieren".

Bisher seien Bankmanager und Wertpapierhändler oft zu große Risiken eingegangen, weil sie wüssten, im Zweifel komme der Staat für den Schaden auf. Die Banken selbst hätten kein Interesse, das zu verhindern. Das sei die Aufgabe der Politik. Sie könne die richtigen Anreize setzen.

Diese Lehre aus der Prinzipal-Agent-Theorie sei schon lange bekannt, sagte Fratzscher. "Aber die Politik hat zu wenig getan, um sie umzusetzen." Insofern sei die Arbeit von Hart und Holmström hochaktuell. "In der Finanzkrise hat man gesehen, wie wichtig solche Verträge sind. Hier wurde eine konkrete Handlungsempfehlung ignoriert."