Ein internes Dokument des Finanzministeriums bringt die britische Regierung in Erklärungsnot. Es ist der Times in London zugespielt worden und warnt vor immensen volkswirtschaftlichen Schäden, falls Großbritannien den europäischen Binnenmarkt verlassen sollte: Das Bruttosozialprodukt könnte demnach innerhalb von 15 Jahren um bis zu rund einem Zehntel zurückgehen. Dem Staat könnten Steuereinnahmen in Höhe von bis zu 66 Milliarden Pfund pro Jahr entgehen.

Das Brisante: Die Schätzung bezieht sich offenbar auf eine Studie, die der damalige Schatzkanzler George Osborne im April veröffentlicht hat. Brexit-Befürworter haben den Bericht damals als Angstmacherei verschrien — schließlich hat sich Osborne für einen Verbleib in der EU stark gemacht. Doch das geleakte Dokument ist dem Times-Bericht zufolge neu. Die Regierung von Premierministerin Theresa May geht somit offenbar weiterhin von düsteren Prognosen im Fall eines "harten" Brexit aus.

Daher ist es erstaunlich, wie energisch May ihr Land trotzdem auf einen drastischen Bruch mit der EU zusteuert. Bei der Konferenz der konservativen Partei in Birmingham vergangene Woche äußerte sie sich deutlich. Sie wolle britischen Unternehmen "die maximale Freiheit" geben, um im europäischen Binnenmarkt Handel zu treiben, erklärte May zwar, fügte aber sofort hinzu: "Wir verlassen die Europäische Union nicht, nur um dann die Kontrolle über die Einwanderung wieder aufzugeben. Und wir verlassen sie nicht, nur um uns dann wieder der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes unterzuordnen."

Brexit-Minister David Davis ging Anfang der Woche noch weiter. Er wischte Sorgen beiseite, die der Kurssturz des britischen Pfunds ausgelöst hatte und gab den bislang deutlichsten Hinweis darauf, dass die Regierung einen harten Brexit anstrebt. Vor dem Unterhaus sagte Davis: "Man muss nicht Mitglied des Binnenmarkts sein, um im Binnenmarkt unglaublich erfolgreich Handel zu treiben." Großbritannien werde unmittelbar nach dem Brexit zahlreiche Freihandelsabkommen anstreben. Solche Abkommen wären nur dann zu möglichen, wenn Großbritannien auch aus der europäischen Zollunion ausscheidet.

"Ein Guerillakrieg innerhalb der Regierung"

Industrieverbände forderten die Regierung zur Mäßigung bei ihren Plänen auf. Mike Cherry, Chef der Federation of Small Businesses (FSB), erklärte: "Ein einfacher Zugang zum europäischen Binnenmarkt ist unerlässlich für exportierende kleine Unternehmen, von denen 93 Prozent ihre Waren in den EU-Handelsblock verkaufen." Ein Sprecher des Herstellerverbandes EEF erklärte, es sei "unverzichtbar, dass der Brexit-Prozess sowohl gründlich ist, als auch Bezug zur Realität hat." Unternehmen seien auf den Binnenmarkt angewiesen und müssten in der Lage sein, Angestellte gemäß ihren Erfordernissen einzustellen.

Innenministerin Amber Rudd hat während des Parteitages für einen Aufschrei gesorgt, als sie ankündigte, die Regierung werde Unternehmen dazu verpflichten, die Zahl ausländischer Angestellter zu melden. Dieser Plan ist seitdem offenbar wieder in der Schublade verschwunden. Kritik kam sogar von der rechtspopulistischen Ukip-Partei: Deren Europaabgeordneter Roger Helmer sagte, der Vorschlag wäre als "faschistisch" bezeichnet worden, wenn er aus den Reihen seiner Partei gekommen wäre.

Ein Sprecher der Premierministerin bemühte sich um Schadensbegrenzung. "Diese Zahlen sind nicht neu; sie kursieren schon seit einiger Zeit." Er sehe es nicht ein, die Argumente "wieder aufzuwärmen", die im Vorfeld des Referendums in Umlauf gebracht worden seien, fügte er hinzu. "Der Schwerpunkt liegt jetzt darauf, den bestmöglichen Deal zu bekommen — und zu erkennen, dass das Land eindeutig dafür gestimmt hat, die Europäische Union zu verlassen."

Brexit-Hardliner reagierten wütend auf den geleakten Bericht. Der Labour-Oberhausabgeordnete Stewart Wood witterte Sabotage: Mitarbeiter des Schatzamtes führten "einen Guerillakrieg innerhalb der Regierung gegen einen harten Brexit". Der Tory-Abgeordnete Steve Baker erklärte: "Niemand wird der längst diskreditierten Propaganda der nicht mehr existierenden Remain-Kampagne Glauben schenken." Der konservative Abgeordnete Jacob Rees-Mogg bezeichnete den Bericht als "fingiert": "Es ist ein absolut dummes Schriftstück. Das Schatzamt unterminiert die Verhandlungsposition der Regierung – das ist wirklich ernst." Er verlangte eine Untersuchung. "Das ist Amtsmissbrauch."