Frage: Herr Fahrenschon, Ende der Woche ist Weltspartag. Kann man den Deutschen überhaupt noch zum Sparen raten?

Georg Fahrenschon: Absolut, ja! Die Deutschen sollten jetzt, wo die Zinsen so niedrig sind, erst recht Geld zur Seite legen.

Frage: Warum das?

Fahrenschon: Wer spart, schafft sich Reserven für später. Die aktuelle Geldpolitik bringt die Menschen beim Aufbau ihrer Altersvorsorge um den Zins und Zinseszinseffekt. Das heißt: Um das gleiche Vorsorgeniveau zu erreichen, auf das sie mit einem höheren Zins gekommen wären, müssen sie unter den gegebenen Bedingungen mehr Geld zur Seite legen. Das ist wie beim Radfahren. Wenn Sie bergab fahren – also mit hohen Zins sparen – können sie schnell Geschwindigkeit aufnehmen. Wenn sie aber bergauf fahren – also mit wenig Zinsen sparen – müssen sie mehr in die Pedalen treten.

Frage: Spüren die Sparkassen ein geändertes Sparverhalten der Kunden?

Fahrenschon: Ja, die Sparer sind zunehmend verunsichert. Obwohl sich an dem extrem hohen Sicherheitsniveau der Spareinlagen in Deutschland überhaupt nichts geändert hat, ist inzwischen nur noch gut ein Viertel der Menschen davon überzeugt, dass ihre Spareinlagen absolut sicher sind – noch 2015 waren es 37 Prozent. Hier zeigen sich die Auswirkungen sowohl der Zinspolitik als auch der leidigen Diskussion um eine Zwangsvergemeinschaftung der europäischen Einlagensicherungen.

Frage: Noch müssen Sparer keine Strafzinsen zahlen. Glauben Sie, dass die Sparkassen langfristig auf den Negativzins für Kleinsparer verzichten können?

Fahrenschon: Aus den Gesprächen mit den Sparkassen weiß ich: Die Institute tun alles, um Negativzinsen möglichst lange zu verhindern. Als öffentlich-rechtliche Institute sind die Sparkassen auch dem Gemeinwohl verpflichtet – sie sind quasi der soziale Arm der Kreditwirtschaft. Dieser besonderen Verantwortung sind sich die Institute bewusst.

Frage: Komplett ausschließen können Sie den Strafzins für Kleinsparer aber nicht?

Fahrenschon: Auch Sparkassen sind Unternehmen, die sich natürlich nicht dauerhaft den betriebswirtschaftlichen Zwängen an den Märkten vollständig entziehen können. Aber die Institute stemmen sich mit Macht dagegen, die Negativzinsen auf ihre Kunden zu überrollen. Und das, obwohl uns der Verzicht auf die Weitergabe der negativen Zinsen an unsere Kunden schon jetzt pro Jahr mehrere Hundert Millionen Euro im Jahr kostet.

Frage: Wie lange bleiben die Zinsen noch niedrig?

Fahrenschon: Ich setze darauf, dass man in der Europäische Zentralbank (EZB) langsam damit beginnt, an Programmen für einen schrittweisen Ausstieg aus dem Niedrigst- und Negativzinsumfeld zu arbeiten. Wenn man langfristig wieder ein normales Zinsniveau anstrebt, muss man mit den Vorbereitungen jetzt beginnen. Zumal die Märkte damit rechnen, dass die US-Notenbank im Dezember die Zinsen leicht anheben wird. Damit steigt der Druck auf die Europäer, ebenfalls tätig zu werden.