Wenn die Aussicht besteht, Kosten einzusparen und zwar für alle, dann ist die Freude meistens groß. Nur im Gesundheitssystem ist das bisweilen anders. Nun hat der Europäische Gerichtshof in seinem jüngsten Urteil befunden, dass die Arzneimittelpreisbindung hierzulande aufgehoben werden müsse. Es müsse doch möglich sein, dass ein Arzneimittelversand – in diesem Fall die ausländische Internetapotheke DocMorris – den Kunden bestimmte Rabatte anbiete, wenn die regelmäßig Medikamente bei ihm bestellen. Der Versandhändler dürfe also rezeptpflichtige Arzneien auch billiger verkaufen, deutsche Gerichte hatten das zuvor verboten. Und was passierte, nachdem der EuGH das verkündete? Es brach ein Sturm der Entrüstung los.

Jedenfalls in einem Teil des Gesundheitssektors: Denn für deutsche Vor-Ort-Apotheken und deutsche Versandapotheken gilt nach wie vor die Preisbindung. Deshalb kam die Reaktion der Apothekerverbände nicht ganz unerwartet. Sie zeigen sich über das Urteil geradezu erschüttert: Der EuGH pfusche damit dem deutschen Gesetzgeber ins Handwerk, regten sie sich auf: "Europas höchste Richter haben den eindeutigen Willen des deutschen Gesetzgebers ausgehebelt und die Entscheidungen der obersten deutschen Gerichte negiert", kommentierte Friedemann Schmidt, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), das Urteil am Mittwoch. "Es kann nicht sein, dass ungezügelte Marktkräfte über den Verbraucherschutz im Gesundheitswesen triumphieren."

Den Apothekenversandhandel komplett verbieten

Die Forderung der Apotheker folgte gleich hinterher: Der deutsche Gesetzgeber müsse eben den Apothekenversandhandel verbieten. Auch der Geschäftsführer der Wettbewerbszentrale sprang da bei. Einige Gesundheitspolitiker aus Unionskreisen überlegten sogleich, wie sich so ein Verbot umsetzen ließe. Das ist skurril, denn es wäre auch eine andere Lösung denkbar. Überdies eine viel einfachere: Man könnte einfach die Preisbindung für alle auch hierzulande auflösen.

Denn warum die Apotheker das Urteil als bittere Pille empfinden, ist klar: Derzeit kosten rezeptpflichtige Arzneimittel überall gleich viel. Dem Kunden kann es also egal sein, in welcher Apotheke er sie holt. Überdies zahlt die Krankenkasse die Medikamentenpreise ja sowieso. Und der Apotheker an der einen Straßenecke muss dank der Preisbindung auch keine Angst haben, dass ihm sein Konkurrent an der nächsten Ecke durch billigere Angebote die Patienten abspenstig macht. Die Margen, die alle Apotheker einstreichen – den Apothekeraufschlag und die Packungspauschale – sind ebenfalls gesetzlich festgelegt. Für deutsche Versandhandelsapotheken gilt das gleiche, so schreibt es die deutsche Gesetzeslage vor. Bisher leben die rund 20.000 deutschen Apotheker davon sehr gut: Ihre Umsätze haben sich seit 1995 mehr als verdoppelt auf insgesamt 48 Milliarden Euro. Nun aber könnten ihnen ausländische Versandhändler einen Teil ihres Geschäfts abgraben.

Deutsche Preise deutlich über dem europäischen Niveau

Denn ausländische Versandhändler können nach dem Urteil des EuGH nun Medikamente billiger anbieten. Eventuell viel billiger. Denn derzeit sind die Preise für viele Arzneien im Europavergleich nirgends so hoch wie in Deutschland, so schlüsselt etwa der Arzneimittel-Verordnungs-Report (AVR) regelmäßig auf, den Gesundheitsökonomen für das wissenschaftliche Institut der AOK erstellen. Darin ist seit Jahren von "überteuerten Arzneimitteln in Deutschland" die Rede, im Report von 2016 heißt es: Ein Vergleich der Listenpreise ergibt, "dass die Preise in Deutschland deutlich über dem europäischen Niveau liegen."

Ein Grund dafür sei, so der AVR: "Vor allem neue Arzneimittel kommen zu immer höheren Preisen auf den Markt." Das habe die Gesamtausgaben des deutschen Gesundheitssystems in den vergangenen Jahren immer weiter ansteigen lassen. Genau das kritisiert auch der Bremer Professor für Gesundheitsökonomie Gerd Glaeske seit langem. Er gehört zu den wichtigen Sachverständigen der Branche und warnt: "Die Kostenexplosion in der Pharmakotherapie durch neu angebotene hochpreisige Arzneimittel könnte bald die Ressourcen unseres solidarisch finanzierten Gesundheitssystems übersteigen und erfordert dringend eine Weiterentwicklung der Kriterien für die Preisgestaltung und Preisfestsetzung."