Oliver wer? Die Entscheidung des schwedischen Nobelpreiskomitees ist auf den ersten Blick nicht unbedingt leicht zu verstehen. Es ist eine Entscheidung für Kenner. Der diesjährige Wirtschaftsnobelpreis geht an zwei Vertragstheoretiker: Oliver Hart und Bengt Holmström. In Zeiten von Finanzkrise, Ungleichheitsdebatte und Populismusgefahren klingt das arg akademisch.

Ist es aber nicht. Vertragsbeziehungen sind die Grundlage moderner Gesellschaften. Arbeitgeber schließen Verträge mit ihren Arbeitnehmern, Aktionäre mit ihren Managern, Wähler mit ihren Politikern. Verträge regeln große Teile des menschlichen Zusammenlebens – und deshalb ist es so wichtig, wie sie ausgestaltet werden.

Eine der zentralen Einsichten der beiden Preisträger ist, dass es in der Realität praktisch unmöglich ist, Verträge abzuschließen, die alle Eventualitäten erfassen. Das bedeutet zum Beispiel, dass ein Auftraggeber seinem Auftragnehmer gewisse Handlungsspielräume lassen muss, um auf aktuelle Entwicklungen reagieren zu können. Wer sein Geld einem Fondsmanager übergibt, der wird diesem Fondsmanager beispielsweise nicht bis ins Detail hinein vorschreiben können, wie das Ersparte angelegt werden soll. Dazu verändert sich die Lage an den Börsen zu schnell. Außerdem haben die Auftragnehmer in der Regel eine genauere Kenntnis der Materie als die Auftraggeber. Ein beauftragtes Bauunternehmen weiß genauer Bescheid was auf der Baustelle läuft als der Bauherr.

Solche Handlungsspielräume und Informationsvorteile können die Auftragnehmer nutzen, um ihre eigenen Interessen auf Kosten des Auftraggebers zu verfolgen. Wenn das Gehalt von Managern direkt an die Entwicklung des Aktienkurses gekoppelt ist, dann haben die Unternehmenslenker einen Anreiz, die Kurse zum Beispiel durch riskante Geschäfte kurzfristig in die Höhe zu treiben, um höhere Boni zu kassieren – auch wenn der Wert des Unternehmens langfristig darunter leidet. Das ist ein Grund dafür, dass die Bankmanager in den Boomjahren so hohe Risiken eingegangen sind, die schließlich die Krise herbeiführten.

Verträge in der Politik

Auch im politischen Leben spielen Verträge eine wichtige Rolle. Die Kritiker der internationalen Handelsordnung argumentieren, dass Institutionen wie die Welthandelsorganisation – oder in Zukunft vielleicht einmal transatlantische Schiedsgerichte – die Kompetenzen ausnutzen, die ihnen internationale Handelsverträge verleihen. Und die Euroskeptiker sagen, dass die Europäische Zentralbank durch ihre Niedrigzinspolitik die Grenzen ihres vertraglichen Mandats verletzt.

Hart und Holmström haben unter anderem erforscht, wie Verträge ausgestaltet werden können, um die Risiken solcher Fehlentwicklungen zu verringern. In ihren Arbeiten zeigen sie zum Beispiel auf, dass es von zentraler Bedeutung ist, wie Bonusregeln ausgestaltet werden und wer in kritischen Situationen über die Entscheidungsgewalt verfügt. Insofern ist ihre Forschung nicht nur hochrelevant, sondern auch hochpolitisch. Eine gute Wahl.