Der Anteil der Menschen, die trotz eines Vollzeitjobs von Armut bedroht sind, ist in Europa laut einer Studie gewachsen. Ihr Anteil stieg im vergangenen Jahr auf 7,8 Prozent, wie die Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh unter Verweis auf ihre Untersuchung Social Justice Index 2016 mitteilte. 2013 lag der Anteil noch bei 7,2 Prozent. Als Gründe für das steigende Armutsrisiko trotz voller Erwerbstätigkeit nennt die Stiftung unter anderem einen wachsenden Niedriglohnsektor und die Spaltung der Arbeitsmärkte in reguläre und atypische Formen von Beschäftigung.

Zwar erhole sich Europa langsam von den Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise, im Vergleich zum Höhepunkt der Krise 2013 seien wieder deutlich mehr Menschen erwerbstätig. Die Arbeitslosenquote in der EU sank von 10,4 Prozent im Jahr 2014 auf 9,6 Prozent im vergangenen Jahr, sie liegt aber immer noch über dem Wert von 7,1 Prozent im Jahr 2008 – also vor der Krise. Dieser Aufwärtstrend am Arbeitsmarkt komme aber nicht bei allen an, so die Stiftung: Noch immer sei mit 118 Millionen fast jeder vierte EU-Bürger von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, schreibt die Bertelsmann-Stiftung. Besonders hoch seien die Anteile in Griechenland, Rumänien und Bulgarien.

Die Stiftung misst mit dem Index seit 2008 jährlich die sozialen und wirtschaftlichen Teilhabechancen für Menschen in allen EU-Staaten. Zwar sei der Negativtrend der vergangenen Jahre bei der Bewertung der sozialen Gerechtigkeit in den 28 Ländern der Europäischen Union gestoppt. Der Social Justice Index, der 2014 mit 5,62 seinen Tiefpunkt erreicht hatte, stieg 2016 im EU-Schnitt auf 5,75. Vor der Wirtschaftskrise 2008 lag er noch bei 6,60.

Deutschland liegt in der Rangliste mit 6,66 auf Platz sieben im EU-Vergleich. Den Spitzenplatz belegt Schweden mit 7,51, Schlusslicht bleibt Griechenland mit 3,66. Für die Studie werden jährlich anhand von 36 Kriterien sechs Bereiche beleuchtet, darunter Armut, Bildung, Arbeitsmarkt, Gesundheit und Generationengerechtigkeit.

In Deutschland sehen die Autoren zwar den robusten Arbeitsmarkt und insbesondere die niedrigste Jugendarbeitslosenquote in der EU positiv. Problematisch seien aber das nach wie vor hohe Armutsrisiko sowie Probleme bei der sozialen Durchlässigkeit im Bildungssystem. Der Anteil der von Armut bedrohten Vollzeitbeschäftigten ist in Deutschland von 5,1 Prozent (2009) auf 7,1 Prozent (2015) gestiegen. Eine leichte Verbesserung gegenüber 2014 (7,5 Prozent) deute auf erste Wirkungen nach Einführung des Mindestlohns im Jahre 2015 hin, heißt es in der Studie.

Der Anstieg der sogenannten working poor – also Menschen, die trotz Arbeit von Armut bedroht sind – sei laut Studienautoren grundsätzlich Anlass zur Sorge. "Ein steigender Anteil von Menschen, die dauerhaft nicht von ihrer Arbeit leben können, untergräbt die Legitimität unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung", sagte der Vorsitzende der Stiftung, Aart de Geus.

Gerade in Südeuropa drohen junge Menschen abgehängt zu werden. EU-weit sind rund 27 Prozent der Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahren von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. In Griechenland, Italien, Spanien und Portugal sind es im Schnitt sogar 34 Prozent. De Geus warnte vor diesem Hintergrund: "Die wachsende Perspektivlosigkeit vieler junger Menschen spielt den erstarkenden populistischen Bewegungen in die Hände."