Ein Tischkicker macht noch kein Start-up – Seite 1

So sieht es also aus, wenn eine Bank versucht, den Anschluss an die Zukunft nicht zu verlieren. In Jeans und Turnschuhen laufen die Mitarbeiter durch die lichten, offenen Räume, einige sitzen mit ihrem Laptop auf dem Boden, andere bemalen eine Staffelei, die als Flipchart herhält. Es ist laut. Ein Tischkicker steht im Raum.

Was sich auf dieser Büroetage im Frankfurter Stadtteil Sossenheim abspielt, nennt sich Digitalfabrik und gehört der Deutschen Bank. Aus dem Gebäude hat man einen hervorragenden Blick auf das gut sieben Kilometer entfernte Stadtzentrum, auf das Zickzack der Hochhäuser und die Zwillingstürme der Konzernzentrale, in der sich gerade die Unternehmensführung mit einem holpernden Aktienwert und Strafzahlungen aus den USA herumplagt. Die Mitarbeiter der Deutschen Bank sorgen sich um ihre Jobs, für die Digitalfabrik dagegen werden 400 neue Stellen geschaffen.

Immerhin der Chef sieht nach Bank aus: Markus Pertlwieser trägt einen Anzug mit Krawatte, er soll für den Vorstand die digitale Transformation der Bank gestalten. "In der Digitalfabrik entwickelt ein hochmotiviertes Team aus Business- und IT-Experten das Banking der Zukunft", sagt er. Und dieses Team werde noch wachsen. 750 Millionen Euro stellt der Konzern für diese Mission ab – ein Budget, von dem Start-ups in diesem Bereich nur träumen können.

Zuviel mit Altlasten beschäftigt

Doch warum diese Offensive? Die Bedrohung heißt: Fintechs. Das sind Start-ups, die Technologien für die Finanzbranche anbieten – wie Konto-Apps, Online-Kreditvergleich oder bargeldloses Zahlen. Kurzum: Sie bieten digitale Lösungen für das, was viele bei herkömmlichen Banken nervt. Damit verändern sie, wie wir mit Geld umgehen und dringen in Geschäftsbereiche vor, die vorher Banken vorbehalten waren.

Die Banken hingegegen haben die Digitalisierung verschlafen. Mobiles Banking – das wäre schon 2007 mit dem ersten Smartphone möglich gewesen. Im gleichen Jahr brach jedoch der Immobilienmarkt in den USA zusammen, es war der Beginn der weltweiten Finanz- und Bankenkrise. Die Manager mussten viel Energie darauf verwenden, die Verfehlungen der Vergangenheit aufzuarbeiten, und haben auf die neuen Trends nicht reagiert. Jetzt sind sie umso mehr in Bedrängnis, die Digitalfabrik der Deutschen Bank ist kein Experiment, sondern eine Lebensversicherung für die Zukunft. Vielleicht dürfen die Mitarbeiter auch deshalb nur in der Mittagspause und abends am Tischkicker im Büro spielen.

Banking soll Spaß machen

Einer der bekanntesten neuen Herausforderer der alten Branche ist das Start-up N26 – eine komplett virtuelle Bank, die sich auf eine App konzentriert. Sie hat bereits 200.000 Nutzer. Gegründet in einem Wohnzimmer in Wien, sitzt die Firma N26 heute mit 140 Mitarbeitern mitten in Berlin über drei Etagen verteilt. Ihr Büro sieht der Digitalfabrik ein bisschen ähnlich. Einen Tischkicker gibt es hier auch, er darf aber ständig benutzt werden. Außerdem: mehr Pulli als Anzug. Auf dem Teppichboden stehen Codezeilen und der größte Meetingraum ist eine mehrstufige Sofalandschaft.

Valentin Stalf sitzt in seinem Büro mit gläsernen Wänden. Der Mitgründer von N26 sagt: "Wir wollen Banking zu etwas machen, das Spaß macht." Studiert hat Stalf an der renommierten Universität St. Gallen, Jobangebote großer Investmentbanken schlug er aus. "Wir wollen ein cooles Produkt, coole Lösungen und eine coole Customer-Experience." Das ist Start-up-Sprache und bedeutet: Der Kunde steht im Mittelpunkt.

Etablierte Manager wechseln die Seite

Die App, die N26 anbietet, kann vieles, was eine normale Bank auch kann – aber auch mehr: Ein Projekt ist beispielweise, dass man mit der App an jeder Supermarktkasse Geld auf das Konto ein- und auszahlen können soll. So könnte jeder Supermarkt zum Bankautomaten werden.

N26 hat früher mit einer Bank zusammengearbeitet – das Start-up entwickelte die App, im Hintergrund wickelte die Bank Wirecard die Geschäfte ab. Im Frühjahr erhielt N26 aber eine eigene Banklizenz. Aus dem einst kleinen Tech-Unternehmen ist ein schlagkräftiger Wettbewerber geworden, der nun auch etablierte Manager aus der Branche anzieht. Markus Gunter ist aus dem Vorstand der DAB-Bank zum Fintech N26 gewechselt. Dort baut er die Bankenstrukturen hinter der App auf.

"Ich wollte mithelfen, Banking zu verändern, nicht nur eine Bank", sagt Gunter. In puncto Innovation seien selbst die Innovativsten aus dem Bankensektor furchtbar langsam. Es dauere Monate, wenn nicht Jahre, bis eine Entscheidung umgesetzt werde. Dass Geldinstitute wie die Deutsche Bank oder die Commerzbank jetzt Digitallabore und Fintech-Zentren aufbauten, freue ihn zwar. Aber ob das reicht? "Ein großer Tanker ist nun mal weniger wendig", sagt Gunter. "Man kann dem Tanker schnelle Beiboote zur Seite stellen. Die werden dann aber vom Fahrwasser verdrängt."

In vielen Bereichen haben Fintechs die Banken tatsächlich schon abgehängt – und zwar so weit, dass die großen Institute lieber mit ihren neuen Konkurrenten zusammenarbeiten, als ihre Ideen zu kopieren. Der Bankensektor sucht die Nähe zur Start-up-Szene. So auch in der Frankfurter Innenstadt, im Wolkenkratzer Pollux.

Sebastian Schäfer stapft durch den Bauschutt eines Großraumbüros, das hier saniert wird. Er deutet auf eine Ecke des offenen Raums. "Da kommt der obligatorische Tischkicker hin", sagt er. Schäfer ist Geschäftsführer der Fintech Community Frankfurt GmbH. Auf drei Etagen entstehen hier im Stadtzentrum hochmoderne Büroräume für Start-ups – das Tech-Quartier. Schäfer zeigt auf die Decke, von der Kabel hängen. "Die Zwischendecke haben wir komplett rausgenommen. Das verleiht den Räumen Start-up-Charme."

Schäfer will hier ein Netzwerk aufbauen. Das Tech-Quartier werde die zentrale Anlaufstelle für Fintechs – ein Ort für Veranstaltungen, Workshops und Konferenzen. Ein Ökosystem für Gründer, so Schäfer, auf Initiative des Landes Hessen, der Stadt Frankfurt und der Goethe-Universität, um den Standort Frankfurt attraktiver zu machen. Und die großen Branchengrößen haben sich ebenfalls eingeklinkt: Die Deutsche Bank sponsert das Projekt, auch die Deutsche Börse. Die niederländische ING-DiBa will mit ihrem Digitalteam gleich zwei Stockwerke beziehen.

Know-how gegen Kapital und Kunden

Es ist ein ambivalentes Verhältnis: Die Fintechs drängen in die Geschäftsbereiche der Banken vor und sind somit Wettbewerber. Gleichzeitig profitieren Banken und Start-ups von der Zusammenarbeit, denn Know-how und Innovationen kommen von den Neuen, die Banken bieten Kapital und Kundschaft. "Den Banken bleibt ja auch nichts Anderes übrig", sagt Schäfer. Sie hätten in puncto Digitalisierung lange zu wenig getan, jetzt suchen sie die Kooperation. "Sie müssen in Kauf nehmen, dass sie in manchen Bereichen Einbußen erleben."

Mit schicken Büros allein ist es aber nicht getan. Knapp 20 Mitarbeiter begrüßt Alexander Riesenkampff beim morgendlichen Meeting in seinem Berliner Büro. Er ist Mitgründer des Fintechs iBondis, das schnelle Kredite im Internet verspricht. Jeder in der Runde erklärt, was er heute macht. Riesenkampff nickt. Dann läutet er eine Glocke und das Team geht an die Arbeit. Die Mitarbeiter setzen sich an weiße Schreibtische, in Räumen mit weiß gestrichenen Wänden und ohne Bilder. Von den hohen Decken des Altbaus hängen Lampen, die ein kühles Licht strahlen. In der Küche türmen sich Wasserflaschen einer Billigmarke. Einen Tischkicker gebe es hier nicht, sagt Riesenkampff. Nur einen Konferenztisch, den das Team gegen Abend gerne als Tischtennisplatte nutze.

"Andere nennen es eine karge Einrichtung. Ich nenne es lieber no thrills", sagt Riesenkampff. No thrills – keine Ablenkung. "Ich kann mir als junges Unternehmen nicht überteuerte Möbel ins Büro stellen, bevor ich hinreichend profitabel bin." Ganze Start-ups seien an ihrer zu teuren Einrichtung zugrunde gegangen. "Die Start-up-Mentalität machen nicht teure Büromöbel, sondern Mitarbeiter aus, die etwas bewegen wollen." Dass Fintechs ihre Mitarbeiter schlechter bezahlen als Banken, ist in der Branche jedem klar. Dennoch zieht es viele Manager, Unternehmensberater und IT-Fachkräfte in die junge Szene.

Spritzigkeit und Innovationsgeschwindigkeit sind die Vorteile der Fintechs, viele Banken hingegen haben mit Altlasten zu kämpfen. Alexander Riesenkampff von iBondis sagt: "Ich habe Banken von innen gesehen, deren IT-Systeme völlig veraltet sind. Sämtliche Neuerungen türmten auf diesem überholten Fundament", sagt Riesenkampff. Es sei leichter, das System im Hintergrund von Null auf der grünen Wiese aufzubauen - das könne sich eine Bank aber schlicht nicht leisten. 

Trotz modernem Anstrich in der App kann es zu Fehlern in diesen Hintergrundsystemen kommen. Kunden der Deutschen Bank etwa konnten Ende September ihre Kontoumsätze nicht mehr online einsehen - die zweite große IT-Panne innerhalb weniger Monate. Dass die großen der Branche den Anschluss schon verloren haben, will Markus Pertlwieser, der Chef der Digitalfabrik, nicht stehen lassen: "Die Deutsche Bank ist auf einem guten Weg. Wir sind spät gestartet, liegen aber in einigen Bereichen mittlerweile vorne." Ein erster Schritt sei gewesen, die Mitarbeiter nicht mehr in Abteilungen sondern in agilen Projektteams zusammenarbeiten zu lassen. Wo man früher für eine Neuerung bis zu anderthalb Jahre brauchte, könne jetzt mindestens alle vier Wochen ein Update erscheinen.

Ob die aktuellen Probleme des Konzerns die Mission der Digitalfabrik gefährden? "An unserem Budget wird nicht gekürzt", sagt Pertlwieser. Er sieht sein Unternehmen im Vorteil. "Wir werden bei den Fintechs eine Konsolidierung erleben." Weniger vornehm heißt das: Eine Reihe von Start-ups wird Pleiten erleben. Schließlich haben die kein milliardenschweres Unternehmen im Hintergrund.

Anmerkung der Redaktion: Der Text wurde nach Veröffentlichung angepasst und ein nicht autorisiertes Zitat gestrichen.