Wer ließ die Umweltschützerin Berta Cáceres töten? – Seite 1

Wäre Gustavo Castro nicht bei Berta Cáceres gewesen, als ihre Mörder kamen, die Welt hätte das Verbrechen wohl längst vergessen. Die Aktivistin wäre in die Geschichte eingegangen als ein weiteres Gewaltopfer in ihrem Heimatland Honduras: noch eine Zahl in einer Statistik, noch ein unaufgeklärter Fall, noch ein ungestraftes Verbrechen. 

"Sie planten einen sauberen Mord", sagt Gustavo Castro, "die Hintermänner hätten sich alles Mögliche ausdenken können." Bertas Tod als tragische Folge eines Raubüberfalls darstellen, zum Beispiel, niemand hätte widersprechen können.

Doch Gustavo war da. Er sah einen der Mörder und erlebte, wie die Polizei danach versuchte, die Tat einem anderen anzuhängen. Der Mann, den er sah, schoss auch auf ihn, Gustavo Castro hatte Glück, die Kugel streifte seine Hand und sein linkes Ohr. Dann hörte er Berta Cáceres im Nebenzimmer rufen. Sie verblutete in seinen Armen.

In der Nacht vom 2. auf den 3. März 2016 wurde Berta Cáceres in ihrem Haus in der honduranischen Stadt La Esperanza erschossen. Am 4. März wäre sie 45 Jahre alt geworden. Die Täter kamen kurz vor Mitternacht, sie kletterten über den hohen Maschendrahtzaun, der seither eingedrückt ist, brachen die Hintertür auf und fanden die Aktivistin in ihrem Schlafzimmer. Der Wächter, der die Zufahrt zur Siedlung kontrolliert, erinnerte sich später nicht mehr daran, welches Auto er einließ.       

Vieles spricht dafür, dass Berta Cáceres starb, weil sie mächtige Leute in Honduras störte.

In der Geschichte um ihren Tod spielen viele Faktoren eine Rolle. Der Fluss Gualcarque, ein Wasserkraftwerk, das am Gualcarque gebaut werden soll, und Proteste dagegen, die vor drei Jahren für einige Menschen tödlich endeten. Eine einflussreiche honduranische Familie, die hinter dem Kraftwerksvorhaben steht. Voith Hydro, ein deutsches Unternehmen, das Turbinen für das Kraftwerk liefern sollte und dem jetzt seine Beteiligung an dem Geschäft vorgeworfen wird. Es geht um Armut und Profit. Und um die Frage, auf welchem Weg man die Armut besiegt – und wer das entscheiden soll.

Dies ist die Geschichte einer Frau, die ihr Leben dem antiimperialistischen Kampf gewidmet hatte und sehr wahrscheinlich deshalb getötet wurde.

Wer war Berta Cáceres?

Soldaten bewachen das Haus von Berta Cáceres in La Esperanza (Aufnahme vom März 2016). © Ricardo Castro/​AFP/​Getty Images

Berta Cáceres war immer eine Rebellin, sagen die, die sie kannten. Eine Anführerin schon als junge Frau, aber eine, die sich nie über ihre Gefährten erhob. "Sie war wie wir", sagt eine Freundin. Sie motivierte die anderen, sich stark und schlau zu machen, denn sie selbst würde eines Tages nicht mehr da sein. Berta erhielt Todesdrohungen. Wo sie wohnte, tauchten Fahrzeuge mit verdunkelten Scheiben und ohne Nummernschild auf. Sie wusste um die Gefahr. Ihre Fröhlichkeit verlor sie aber nie, sagen die Hinterbliebenen, und auch ihren Willen zum Widerstand nicht.

Als sie jung war, kämpfte Berta mit ihrem damaligen Mann im Nachbarland El Salvador für die Frente Farabundo Martí (FMLN) und gegen die Militärdiktatur. Dann kehrten die beiden aus dem Bürgerkrieg zurück und gründeten die Organisation Copinh, die sich für die Indigenen in Honduras einsetzt, vor allem für die Rechte der Lenca. Sie gab ihnen neuen Stolz. Berta Cáceres, vierfache Mutter, war selbst Lenca. Die Yankees und der Kapitalismus, das waren ihre großen Gegner. Die Honduraner selbst sollten das Leben in Honduras bestimmen und ihre eigene Natur schützen. Für ihr Engagement erhielt sie Preise in Deutschland und in den USA.

"Berta lebt!" Vorhängeschlösser vor Berta Cáceres' Haus in La Esperanza © Alexandra Endres

Neun Monate ist es her, dass sie umgebracht wurde, aber im Haus von Copinh in La Esperanza spürt man: Die anderen können sich noch nicht vorstellen, wie es werden soll ohne sie. Die Wände der Büros sind mit Bildern und Zitaten bedeckt, die an sie erinnern. "Berta ist nicht gestorben. Sie hat sich vervielfacht", steht neben Fotos von Ché Guevara und ein paar Meter weiter: "Das Recht, glücklich zu sein, ist etwas sehr Subversives." An einem Deckenbalken verkündet ein Aufkleber: "Raus mit den Yankee-Militärbasen! Für eine wirkliche Unabhängigkeit!" Und auf einem besonders großen Transparent steht: "Ihr habt die Kugel, ich das Wort. Die Kugel stirbt, wenn sie detoniert. Das Wort lebt, wenn man es weitergibt. – Berta Cáceres". Auf dem Transparent Solidaritätsbotschaften aus aller Welt. 

In Bertas Büro stehen Aktenordner, als wäre sie eben erst gegangen. Ihre Mitstreiter haben nichts verändert. Sie halten den Raum verschlossen und betreten ihn höchstens zur Erinnerung an die Tote oder um Besuchern das Zimmer zu zeigen. Auf Bertas Schreibtisch liegen die Überbleibsel der jüngsten Gedenkzeremonie: verschiedenfarbige Kerzen, Wachsreste in rußigen Wassergläsern, ein Bastring, ein Maiskolben, ein Stein. Dinge, die im Kosmos der Lenca eine spirituelle Bedeutung haben. Sie stehen für die Elemente und die Natur, die alle ernährt.

Das Wort lebt länger als die Kugel: Berta-Cáceres-Transparent © Alexandra Endres

Einen spirituellen Wert habe auch der Río Gualcarque für die Lenca, sagen die Leute von Copinh. Eingriffe in den Lauf des Flusses lehnen sie ab. Sie nennen das geplante Wasserkraftwerk "ein Projekt des Todes".

Der Protest gegen Agua Zarca

Berta Cáceres hatte den Protest gegen dieses Kraftwerk, das Agua Zarca heißen soll, angeführt. Im September 2010 war es mit etwa 40 weiteren Wasserkraftwerken per Dekret genehmigt worden.

Rechtswidrig, sagen die Copinh-Aktivisten. Rechtswidrig, sagen manche Anwohner am Fluss, und die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für die Rechte der indigenen Völker, Victoria Tauli-Corpuz, spricht von juristischen Fehlern. Die verantwortlichen Beamten (siehe Infobox) hingegen finden, mit Agua Zarca habe alles seine Richtigkeit. Dennoch wird gegen sie ermittelt.

Am Río Gualcarque

Der Fluss, für den Berta Cáceres ihr Leben ließ, ist eine wilde Schönheit. Weit weg von den großen Städten bahnt sich der Río Gualcarque seinen Weg zwischen bewaldeten Hügeln, Bohnen- und Kaffeefeldern, Felsen und Geröll. Wenn er wenig Wasser führt, entstehen Sandbänke, regnet es, färbt sich sein Wasser braun, regnet es viel, schwillt er zu einem Strom. Nichts behindert seinen natürlichen Lauf, keine Betonwände, keine Schleusen, keine Röhren.

Vom Dorf La Tejera geht es zu Fuß durch dichtes Gestrüpp zu Fluss, vorbei an mächtigen Felsbrocken, die auf dem Pfad liegen, seit ein Steinschlag hier niederging. Niemand räumt sie weg. Seit die Baumaschinen weg sind, erobert auch die tropische Vegetation die Straße zurück.

"Sie wollen uns den Fluss nehmen", sagen die Leute in La Tejera. Sie, das sind fremde Investoren und Unternehmen aus der Hauptstadt, die den Gualcarque umleiten wollen, die planen, ihn durch Kanäle zu schicken und sein Wasser über Turbinen stürzen zu lassen, bevor er in sein ursprüngliches Bett zurückkehrt. Strom soll das Projekt erzeugen und Entwicklung bringen, sagen seine Verfechter – Entwicklung auch für die Leute im Dorf La Tejera.

Eva, ein Mädchen aus La Tejera, mit ihrer Mutter und anderen Dorfbewohnern am Río Gualcarque. Die kahle Fläche im Hintergrund wurde für eine Zufahrtsstraße gerodet. © Alexandra Endres

Doch im Dorf sagen sie, die Bauarbeiten hätten ihnen den Zugang zum Fluss versperrt, die Maschinen hätten ihre Bohnenfelder zerstört. Niemand habe sie vorab nach ihrer Meinung zu Agua Zarca gefragt.

Berta Cáceres war oft in La Tejera. Die Leute erinnern sich, wie sie immer in Wanderstiefeln kam, trittfest in der Wildnis, wie sie gemeinsam am Fluss kampierten, wie Berta die Lenca ermutigte, sich zu informieren und sich nicht auf andere zu verlassen. Nicht einmal auf sie.

Einwohner von La Tejera am Fluss. Die Betonröhre, auf der sie sitzen, ist ein Überbleibsel der mittlerweile eingestellten Bauarbeiten. © Alexandra Endres

Wochenlang blockierten sie die Baustelle von Agua Zarca – bis die Baumaschinen und Arbeiter schließlich abzogen. Vorher hatte der Staat Soldaten geschickt, um die Proteste zu stoppen und die Baustelle zu bewachen. Doch die Gegner des Wasserkraftwerks knickten nicht ein. Die Auseinandersetzung eskalierte. Menschen starben.

Derzeit ruhen die Arbeiten. Die Baustelle wurde auf die andere Seite des Flusses verlegt – in einem vergeblichen Versuch, die Protestierenden zu besänftigen. Ein paar Sicherheitsleute bewachen dort die Baracken. Bauherr Desa plant jetzt nur noch ein Laufwasserkraftwerk statt eines mit großem Staubecken. Das Vorhaben komplett aufzugeben ist für die Firma aber keine Option. 28 Millionen Dollar hat sie in Agua Zarca bisher investiert.

Mit Voith Hydro ist auch ein deutsches Unternehmen an Agua Zarca beteiligt. Es sollte Turbinen für das Wasserkraftwerk liefern.

Hat Voith Hydro fürs Geschäft Menschenrechtsverletzungen ignoriert? Diese Frage ist wichtig für ein Exportland wie Deutschland. Zumal hier die Regierung gerade die deutschen Unternehmen dazu bringen will, sich im Rahmen ihrer Geschäfte im Ausland stärker um den Schutz der Menschenrechte zu kümmern.

Noch gibt es kein Gesetz, das regeln würde, welche Vorsichtsmaßnahmen die Firmen zu treffen haben. Aber es gibt Regeln der Vereinten Nationen. Leitprinzipien, die besagen: Unternehmen sollten die menschenrechtlichen Risiken analysieren, bevor sie Verträge mit dem Ausland abschließen. Sie sollten die Verträge möglichst so gestalten, dass Menschenrechtsverletzungen vermieden werden – und reagieren, wenn sie doch passieren.

Gerade in Ländern wie Honduras, in denen Gewalt so alltäglich ist, wären Vorsichtsmaßnahmen wichtig. Hat Voith Hydro sie getroffen?

Mörder werden nicht bestraft

Der Río Gualcarque © Alexandra Endres

Eine "kaltblütige Oligarchie"

Honduras ist ein Land, in dem Gewaltverbrechen kaum strafrechtlich verfolgt werden, es sei denn, die Opfer sind – wie Berta Cáceres – im Ausland bekannt. Können deutsche Unternehmen in solchen Ländern darauf vertrauen, dass der Staat die Menschenrechte schützt? Und wenn er es nicht tut: Geht es die ausländischen Firmen nichts an?

Voith Hydro hätte wissen können, dass Agua Zarca ein heikles Projekt ist, sagt Pedro Morazán. Er ist Fachmann für Armutsbekämpfung und Partizipation beim Südwind-Institut in Bonn. "Es kann doch nicht sein, dass ein Unternehmen sich über die Renditeaussichten in bestimmten Ländern informiert, aber nicht über die Menschenrechtslage." Morazán kennt die Lage in Honduras gut, er stammt von dort und hat enge Kontakte in sein Geburtsland, auch wenn er seit vielen Jahren in Deutschland lebt.

In Honduras gibt es extrem viel Gewalt. 2015 zählte die Statistik 57 Morde auf 100.000 Einwohner, so viele wie in wenigen anderen Ländern – etwa zwanzigmal so viel wie in Deutschland. In vielen Fällen werden die Täter gar nicht erst ermittelt. Wichtige Routen des Drogenhandels führen durch das Land, kriminelle Banden morden, rauben, erpressen und terrorisieren die Bevölkerung. Die Gewalt kann jeden treffen – die Armen und die Angehörigen von Minderheiten sind am wenigsten geschützt davor.

So wie Bertas Volk, die Lenca. Die Indigenen würden in Honduras von der Politik unterdrückt, sagt Pedro Morazán. "Kein Wunder, dass sie dann gegen Infrastrukturprojekte, die von außen kommen, erst einmal protestieren. Das ist eine ganz normale Schutzreaktion."

Honduras ist arm. Zwei Drittel der Bevölkerung leben in Armut, die meisten auf dem Land. Nirgendwo in Lateinamerika ist die Ungleichheit so groß, besagen Daten der Weltbank. Wenige wohlhabende Familien beherrschen das Land. Sie stellen die Politiker, die Unternehmer, die Bankiers. Pedro Morazán sagt, es sei eine "kaltblütige Oligarchie", die ihre Interessen rücksichtslos durchsetze. Die Regierung unter Präsident Juan Orlando Hernández will das Land durch Privatisierungen entwickeln – das verschafft den Oligarchen neue Geschäftsmöglichkeiten und macht sie noch reicher.

Auch die Armen hätten etwas davon, sagen Regierungspolitiker und Unternehmer. Im Falle von Agua Zarca zum Beispiel Schulen in den Dörfern am Fluss, Elektrizität, eine Krankenstation, Trinkwasser, Straßen, Arbeitsplätze.

Berta Cáceres glaubte das nicht. Das wirtschaftsliberale Entwicklungsmodell des Präsidenten war genau das, was sie für falsch hielt. Das tut auch Gustavo Castro, der einzige Zeuge des Mordes. Gustavo Castro ist Mexikaner; er war nach La Esperanza zu Copinh gekommen, um mit den Aktivisten über alternative Entwicklungswege jenseits des herrschenden Systems zu debattieren.

"Wir brauchen ein neues Modell des Zusammenlebens", sagt Gustavo Castro im Skype-Interview, "eines, das zur indigenen Weltsicht passt. Wir wollen etwas anderes als die großen Projekte, die nur den Interessen der Unternehmen dienen." Denn mit denen sei es überall in Lateinamerika das Gleiche: Regierung und Geschäftsleute versprächen Entwicklung, die aber nie ankomme. "Sie entschädigen die Anwohner nicht adäquat. Sie versperren ihnen den Zugang zum Wasser, sie privatisieren die Energie und verkaufen sie in den großen Städten und an die Bergbauunternehmen, damit sie die Bodenschätze ausbeuten können." Die Armen hätten nichts davon.

Es macht ihn wütend. Für Gustavo Castro geht es nicht um Wirtschaftswachstum, sondern um ungerechte Machtverhältnisse. Und darum, sie zu ändern.

Eine mächtige Oligarchie, eine wirtschaftsliberale Elite, antikapitalistische Aktivisten, ein Land mit viel Gewalt und Straflosigkeit: So sieht die Gemengelage aus, in die sich Voith Hydro begab. Hat sich das Unternehmen an die Regeln der Vereinten Nationen gehalten?

Die Lieferanten aus Deutschland

Voith Hydro erklärt per Mail: "Beim Projekt Agua Zarca lagen zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung alle damals notwendigen Bewertungen und Genehmigungen vor. Zum damaligen Zeitpunkt gab es für uns keine Anhaltspunkte oder Anzeichen, die eine noch umfassendere Analyse der menschenrechtlichen Risiken begründet hätten." 

Voith verurteile jede Art von Gewalt und gesetzwidrigem Verhalten. Als die Baustelle wegen der  Proteste auf die andere Seite des Río Gualcarque verlegt worden sei und aus dem geplanten Kraftwerk mit großem Staudamm ein Laufwasserkraftwerk wurde, "war (dies) für uns ein Indikator, dass der Kraftwerksbetreiber eine Lösung des Konflikts anstrebt." Derzeit sei man dabei, die eigene, unternehmensinterne Risikoabschätzung weiter auszubauen, um künftige Projekte noch besser beurteilen zu können.

Hätten die Deutschen gehen müssen?

Es obliege der Verantwortung der Kraftwerksbetreiber, die ökologischen und sozialen Auswirkungen ihrer Projekte abzuschätzen, schreibt eine Sprecherin außerdem. Das geschehe in der Regel sehr früh, noch bevor Zulieferer "in die Projekte involviert" seien.

Die Hilfsorganisation Oxfam sagt aber: Nichts deute im Falle von Agua Zarca darauf hin, dass Voith Hydro seiner Sorgfaltspflicht nachgekommen sei. Auch der Siemens-Konzern, der eine Minderheitenbeteiligung an Voith Hydro hält, hätte Oxfam zufolge Einfluss geltend machen müssen – sei aber untätig geblieben. Auch das stelle eine "Verletzung der menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht" dar.

Siemens bestreitet das. Zwar habe man keine eigene menschenrechtliche Risikoanalyse für Agua Zarca durchgeführt, da die operative Verantwortung bei Voith Hydro liege. Der Konzern habe aber "unsere Empfehlungen beim Management von Voith Hydro eingebracht. Voith Hydro hat im Frühjahr 2016 entschieden gehandelt und die Lieferungen nach Honduras gestoppt." Siemens begrüße diese Entscheidung "ausdrücklich".

Für die Zukunft habe Siemens "durchaus Vorsorgemaßnahmen getroffen", schreibt ein Konzernsprecher. Zukünftige Projekte sollten "unter erhöhten Risikogesichtspunkten evaluiert und eventuell erforderliche Maßnahmen zum Schutz der Menschenrechte noch früher eingeplant werden sollen". Allerdings seien nicht immer alle Risiken von vornherein absehbar und zu vermeiden.

Die Vorwürfe gegen die deutschen Unternehmen wiegen schwer, denn am 15. Juli 2013 gab es Tote am Fluss. Während einer Protestaktion gegen Agua Zarca wurde das Copinh-Mitglied Tomás García von einem Soldaten erschossen. Das Militär bewachte die Baustelle. Am gleichen Tag starb im Nachbarort El Barreal, dessen Bewohner für Agua Zarca sind, weil sie auf Arbeit hoffen, auf Trinkwasser, eine Schule und eine Krankenstation, der 15-jährige Cristian Madrid. Wer ihn umbrachte, ist ungeklärt.

Oxfam sagt: Spätestens im Juli 2013 hätte Voith Hydro reagieren müssen. So wie das chinesische Vertragsunternehmen Sinohydro, das seine Arbeiter aus Honduras abzog und das Geschäft mit Agua Zarca beendete. Voith Hydro aber blieb – bis Berta Cáceres ermordet wurde. Erst danach unterbrachen die Deutschen das Geschäft vorläufig. "Abhängig vom weiteren Verlauf und den Ergebnissen der Ermittlungen werden wir entscheiden, ob die Lieferungen wieder aufgenommen werden", sagt ein Sprecher.

Noch ist der Fall nicht abgeschlossen, die Ermittlungen laufen. Sechs Tatverdächtige sind verhaftet, ein siebter sei flüchtig, sagen die Behörden. Doch wer wirklich hinter dem Tod von Berta Cáceres steckt, ist bislang ungeklärt.

Am 17. August demonstrierten Hunderte Indigene und Campesinos in Tegucigalpa für die Aufklärung des Mordes an Berta Cáceres, die auf dem Porträt zu sehen ist. © Orlando Sierra/​AFP/​Getty Images

Der Ermittler

Der Staatsanwalt Ricardo Castro leitet die Aufklärungsarbeit im Mordfall Berta Cáceres. "Der Kampf ist hart, aber gar nicht erst zu kämpfen, ist etwas für Feiglinge", lautet sein Wahlspruch. Kein schlechtes Motto für einen Gesetzeshüter in einem von Korruption zerfressenen Land. Ricardo Castro weiß, was es bedeutet, sich durchzukämpfen, und er scheint fest entschlossen, den Sumpf trockenzulegen. "Die Straflosigkeit bringt uns um", sagt er. Aber es gebe den festen Willen, dagegen anzugehen.

Der Mord an Berta Cáceres ist ein besonderer Fall, denn weil die Aktivistin international bekannt war, steht die Regierung unter Druck, ihn aufzuklären. Deshalb hat Castros Behörde ATIC, eine Art Elitetruppe für besondere Ermittlungen, den Fall von der Polizei übernommen.

Der Zeuge Gustavo Castro hat in einem Interview mit der spanischen Nachrichtenplattform El Diario geschildert, wie die Polizei nach der Tat die Ermittlungen gezielt in die falsche Richtung vorangetrieben habe. Zumindest hat er es so erlebt. Wie sie den Mord einem Copinh-Mitglied habe in die Schuhe schieben wollen, obwohl Gustavo Castros Aussage den Mann entlastete. Wie er selbst in den Fokus der Ermittler geriet. Wie man ihn aus Honduras nicht ausreisen ließ, obwohl er sich in Lebensgefahr glaubte. Aus Sicherheitsgründen lebt Gustavo Castro derzeit im Ausland. Bis heute hätten die Behörden ihn nicht offiziell vorgeladen, um den Mann zu identifizieren, der auf ihn schoss, sagt er.

Doch diese Kritik perlt am Ermittler Ricardo Castro ab. Er hat den Fall erst übernommen, als Gustavo Castro schon nicht mehr im Land war. Es sei einfach nicht nötig gewesen, den Zeugen noch einmal vorzuladen, sagt Ricardo Castro, die Zeit habe man sich sparen können. Auch so hätten sie genügend Beweise: Seine Leute hätten die Tatwaffe im Haus eines Verdächtigen gefunden. Den anderen fünf sei man durch technische Mittel auf die Spur gekommen, durch Telefonprotokolle zum Beispiel.

Die sechs Festgenommenen im Fall Berta Cáceres sind: Sergio Rodríguez, ehemals Geschäftsführer für Soziales bei Agua Zarca. Douglas Bustillo, Ex-Soldat und Ex-Desa-Sicherheitschef, der Berta schon Jahre vor ihrem Tod bedroht haben soll. Mariano Díaz Chávez, ein Major des honduranischen Militärs und Ausbilder der Militärpolizei, und drei weitere Männer, die am Tatort gewesen sein sollen. Unter ihnen ist ebenfalls ein ehemaliger Soldat; er soll Medienberichten zufolge ein Geständnis abgelegt haben.

Die Ermittlungen konzentrierten sich auf das Unternehmen Desa, sagt der Chefermittler. Doch was ist mit den Spuren zum Militär?

Die Oligarchen hinter dem Kraftwerk

Viele kamen zu Berta Cáceres' Beerdigung in ihrer Heimatstadt La Esperanza. © Orlando Sierra/​AFP/​Getty Images

Berta Cáceres' Name habe auf einer Todesliste des Militärs gestanden, berichtete die britische Zeitung Guardian im Frühjahr. Der Präsident von Desa, Roberto David Castillo Mejía, ist Absolvent der Elite-Militärakademie von West Point in den USA und ehemaliger Geheimdienstmann. Drei der Tatverdächtigen sind Soldaten oder ehemalige Soldaten. Ricardo Castro findet die Idee dennoch völlig abwegig, das Militär könne hinter dem Mord an Berta Cáceres stecken. "Ein ehemaliger Soldat hat die Tat ausgeführt", sagt er – die Hintermänner aber seien mutmaßlich andere.

Fest steht: Durch ihren Protest gegen Agua Zarca hat sich die Umweltaktivistin Berta Cáceres mächtige Gegner geschaffen. Denn hinter der Firma Desa steckt die Familie Atala, eine der politisch und wirtschaftlich einflussreichsten Familien des Landes.

Die Familie Atala

Der größte Teil von Desa gehört José Eduardo Atala Zablah, der gemeinsam mit seinen Brüdern auch drei von sieben Sitzen des Desa-Verwaltungsrats besetzt. José Eduardo ist gut vernetzt. Unter anderem war er Direktor für Honduras bei der Zentralamerikanischen Bank für Wirtschaftliche Integration BCIE, die Desa einen Kredit über 24,4 Millionen Dollar für Agua Zarca gewährte.

Ein Cousin von Eduardo, Camilo Atala, ist Präsident von Ficohsa, der größten Bank von Honduras. Seine Familie macht Geschäfte mit Immobilien, Hotels und im Einzelhandel; die Agentur Bloomberg listet Camilo als Milliardär. Camilo Atala war Minister für Investitionen, und als das Militär im Jahr 2009 den damaligen Präsidenten Manuel Zelaya stürzte, führte er die Lobbyisten an, die Zelayas Rückkehr verhindern wollten. Berta Cáceres hingegen war auch eine prominente Figur des Protests gegen den Putsch.

Auch die Firma Desa hat Verbindungen in die Politik. Der Präsident des Unternehmens ist Neffe eines langjährigen Parlamentsabgeordneten, und der Sekretär des Verwaltungsrats mit dem honduranischen Sicherheitsminister verwandt. Stunden nachdem der Journalist Félix Molina diese Verbindungen aufgedeckt hatte, wurden zwei Mordanschläge auf ihn verübt. Molina überlebte.

Der Finanzvorstand von Desa heißt Daniel Atala. Er reagiert auf Mails, lässt dann aber doch lieber andere für sich sprechen. Zum Mord an Berta Cáceres erklärt die Kommunikationsabteilung von Desa: Man vertraue der Arbeit der Behörden vollkommen und sei überzeugt, dass die Ermittler die wahren Verantwortlichen für den Mord finden würden. Selbstverständlich kooperiere man in vollem Umfang mit den Ermittlern. Desa bestreitet jede Verbindung zu dem Verbrechen. Die Verhaftung des ehemaligen Geschäftsführers Sergio Rodríguez habe das Unternehmen "überrascht".

Zum Interview in einem schmucklosen Büroturm in Tegucigalpa, der Hauptstadt Honduras, schickt Daniel Atala zwei Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Ramón Rivera und Elsia Paz.

Ramón Rivera ist ein freundlicher, zurückhaltender Mann aus San Francisco de Ojuera. Der Ort liegt auf der anderen Seite des Flusses Gualcarque, wo sich die Baustelle von Agua Zarca jetzt befindet. Ramón Rivera ist dort der Kommunikationsbeauftragte von Desa. Er hofft immer noch, dass das Kraftwerk gebaut wird, denn andernfalls verlöre er seinen Job. Aber er sieht sich auch einig mit mehr als 4.000 weiteren Anwohnern, die alle für das Kraftwerk seien, wie er sagt: "Für sie ist Agua Zarca die Chance auf ein besseres Leben."

Doch seit die Bauarbeiten stillstehen, stehen auch die sozialen Projekte still. In San Francisco de Ojuera fordern sie deshalb, dass weitergebaut wird. In La Tejera aber sind sie fest entschlossen, alles zu tun, damit genau das nicht passiert. Spätestens seit im Juli 2013 Menschen am Fluss starben, haben die Befürworter und Gegner von Agua Zarca Angst voreinander. Der Streit über das Kraftwerk entzweit Dörfer und Familien. Es werde Generationen brauchen, um die Verletzungen zu heilen, sagen die Alten.

Das wird deutlich, wenn man mit Elsia Paz redet. Sie ist Expertin für Erneuerbare Energien. Sie hat für die Weltbank gearbeitet und glaubt an die Entwicklung durch den Kapitalismus, ganz anders als es Berta Cáceres es tat. Derzeit berät Elsia Paz Unternehmen, die in Honduras Wasserkraftprojekte umsetzen wollen. Aber seit dem Mord an Berta Cáceres zögern ausländische Kreditgeber zu investieren. Elsia Paz fürchtet um ihr Geschäft.

Für sie sind die Umweltschützer von Copinh Vandalen, Verrückte und Lügner, deren einziges Ziel es sei, Geld aus dem Ausland zu bekommen, um sich ein schönes Leben zu machen. Copinh hetze die Leute am Río Gualcarque auf, setze sie unter Drogen und schicke sie dann zu den Protesten, sagt sie. Kein Wunder, dass es dann Tote gebe. Elsia Paz ist auf Konfrontation aus. Versöhnung ist nicht ihre Sache.

Währenddessen laufen die Ermittlungen in dem Mordfall weiter. Familie und Freunde von Berta Cáceres trauen den honduranischen Behörden nicht. Die Auftraggeber des Mordes könnten noch frei sein, fürchten die Angehörigen – und sie könnten sich ganz oben in der Gesellschaft befinden.

"Wir wollen Gerechtigkeit für Berta", sagt eine Freundin, und die vollständige Aufklärung des Mordes. "Sonst sind wir als Nächste dran."

Die Recherche in Honduras wurde finanziert durch ein Stipendium des Deutschen Instituts für Menschenrechte.