Der Río Gualcarque © Alexandra Endres

Eine "kaltblütige Oligarchie"

Honduras ist ein Land, in dem Gewaltverbrechen kaum strafrechtlich verfolgt werden, es sei denn, die Opfer sind – wie Berta Cáceres – im Ausland bekannt. Können deutsche Unternehmen in solchen Ländern darauf vertrauen, dass der Staat die Menschenrechte schützt? Und wenn er es nicht tut: Geht es die ausländischen Firmen nichts an?

Voith Hydro hätte wissen können, dass Agua Zarca ein heikles Projekt ist, sagt Pedro Morazán. Er ist Fachmann für Armutsbekämpfung und Partizipation beim Südwind-Institut in Bonn. "Es kann doch nicht sein, dass ein Unternehmen sich über die Renditeaussichten in bestimmten Ländern informiert, aber nicht über die Menschenrechtslage." Morazán kennt die Lage in Honduras gut, er stammt von dort und hat enge Kontakte in sein Geburtsland, auch wenn er seit vielen Jahren in Deutschland lebt.

In Honduras gibt es extrem viel Gewalt. 2015 zählte die Statistik 57 Morde auf 100.000 Einwohner, so viele wie in wenigen anderen Ländern – etwa zwanzigmal so viel wie in Deutschland. In vielen Fällen werden die Täter gar nicht erst ermittelt. Wichtige Routen des Drogenhandels führen durch das Land, kriminelle Banden morden, rauben, erpressen und terrorisieren die Bevölkerung. Die Gewalt kann jeden treffen – die Armen und die Angehörigen von Minderheiten sind am wenigsten geschützt davor.

So wie Bertas Volk, die Lenca. Die Indigenen würden in Honduras von der Politik unterdrückt, sagt Pedro Morazán. "Kein Wunder, dass sie dann gegen Infrastrukturprojekte, die von außen kommen, erst einmal protestieren. Das ist eine ganz normale Schutzreaktion."

Honduras ist arm. Zwei Drittel der Bevölkerung leben in Armut, die meisten auf dem Land. Nirgendwo in Lateinamerika ist die Ungleichheit so groß, besagen Daten der Weltbank. Wenige wohlhabende Familien beherrschen das Land. Sie stellen die Politiker, die Unternehmer, die Bankiers. Pedro Morazán sagt, es sei eine "kaltblütige Oligarchie", die ihre Interessen rücksichtslos durchsetze. Die Regierung unter Präsident Juan Orlando Hernández will das Land durch Privatisierungen entwickeln – das verschafft den Oligarchen neue Geschäftsmöglichkeiten und macht sie noch reicher.

Auch die Armen hätten etwas davon, sagen Regierungspolitiker und Unternehmer. Im Falle von Agua Zarca zum Beispiel Schulen in den Dörfern am Fluss, Elektrizität, eine Krankenstation, Trinkwasser, Straßen, Arbeitsplätze.

Berta Cáceres glaubte das nicht. Das wirtschaftsliberale Entwicklungsmodell des Präsidenten war genau das, was sie für falsch hielt. Das tut auch Gustavo Castro, der einzige Zeuge des Mordes. Gustavo Castro ist Mexikaner; er war nach La Esperanza zu Copinh gekommen, um mit den Aktivisten über alternative Entwicklungswege jenseits des herrschenden Systems zu debattieren.

"Wir brauchen ein neues Modell des Zusammenlebens", sagt Gustavo Castro im Skype-Interview, "eines, das zur indigenen Weltsicht passt. Wir wollen etwas anderes als die großen Projekte, die nur den Interessen der Unternehmen dienen." Denn mit denen sei es überall in Lateinamerika das Gleiche: Regierung und Geschäftsleute versprächen Entwicklung, die aber nie ankomme. "Sie entschädigen die Anwohner nicht adäquat. Sie versperren ihnen den Zugang zum Wasser, sie privatisieren die Energie und verkaufen sie in den großen Städten und an die Bergbauunternehmen, damit sie die Bodenschätze ausbeuten können." Die Armen hätten nichts davon.

Es macht ihn wütend. Für Gustavo Castro geht es nicht um Wirtschaftswachstum, sondern um ungerechte Machtverhältnisse. Und darum, sie zu ändern.

Eine mächtige Oligarchie, eine wirtschaftsliberale Elite, antikapitalistische Aktivisten, ein Land mit viel Gewalt und Straflosigkeit: So sieht die Gemengelage aus, in die sich Voith Hydro begab. Hat sich das Unternehmen an die Regeln der Vereinten Nationen gehalten?

Die Lieferanten aus Deutschland

Voith Hydro erklärt per Mail: "Beim Projekt Agua Zarca lagen zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung alle damals notwendigen Bewertungen und Genehmigungen vor. Zum damaligen Zeitpunkt gab es für uns keine Anhaltspunkte oder Anzeichen, die eine noch umfassendere Analyse der menschenrechtlichen Risiken begründet hätten." 

Voith verurteile jede Art von Gewalt und gesetzwidrigem Verhalten. Als die Baustelle wegen der  Proteste auf die andere Seite des Río Gualcarque verlegt worden sei und aus dem geplanten Kraftwerk mit großem Staudamm ein Laufwasserkraftwerk wurde, "war (dies) für uns ein Indikator, dass der Kraftwerksbetreiber eine Lösung des Konflikts anstrebt." Derzeit sei man dabei, die eigene, unternehmensinterne Risikoabschätzung weiter auszubauen, um künftige Projekte noch besser beurteilen zu können.