In einer beispiellosen Aktion hat Indiens Regierung unter Premier Narendra Modi in der Nacht auf Mittwoch viele indische Banknoten entwerten lassen. Plötzlich sind alle 500- und 1.000-Rupienscheine nichts mehr wert und müssen umgetauscht werden. Seit Freitag gibt es neue 500- und 2.000-Rupienscheine, die die 1.000-Rupiennote ersetzen. Die neuen Geldnoten werden allerdings nur langsam verbreitet. Derzeit gibt es an allen Geldautomaten im Land ein Tageslimit von 2.000 Rupien pro Tag. An den Bankschaltern können maximal 10.000 Rupien pro Tag abgehoben werden – aber nicht mehr als 20.000 Rupien in der Woche. Die Limitierung soll noch bis mindestens Donnerstag, den 24. November, gelten und könnte auch verlängert werden.

Die Maßnahme kam über Nacht und traf das Land völlig unvorbereitet. Verkündet hatte Modi den ungewöhnlichen Schritt in einer Fernsehansprache an die Nation am Dienstagabend – schon um Mitternacht waren die Geldscheine wertlos. Seither herrscht vor und in Indiens Banken Chaos.

Es sind gerade die 500- und 1.000-Rupienscheine, die am häufigsten im Umlauf sind. Zum Vergleich: Derzeit steht der Umrechnungskurs für einen Euro bei 73,22 Rupien – 500 Rupien entsprechen damit etwas mehr als 6,80 Euro, 1.000 Rupien sind rund 13,60 Euro wert.

Ob Lebensmitteleinkauf, an Tankstellen oder alltägliche Geschäfte tätigen: Es sind gerade Summen in dieser Größenordnung, die Inder mit diesen Geldscheinen abwickeln und gerade in den unzähligen kleinen Läden und Geschäften wird nur mit Bargeld bezahlt. Auch wenn das Zahlen mit Karte stärker zunimmt – der Großteil der indischen Wirtschaft funktioniert überwiegend mit Bargeld. Nicht zuletzt auch, weil die ärmere Bevölkerung oft nicht über ein Bankkonto verfügt.

Aber warum zieht die Regierung das verbreitetste Zahlungsmittel aus dem Verkehr? Indien leidet seit Jahrzehnten unter starker Korruption und Schattenwirtschaft. Hunderte Milliarden Euro Schwarzgeld sollen mittlerweile im Umlauf sein. Und man kann nur spekulieren, wie viel Schwarzgeld auf ausländischen Konten liegt.

Modi, der im Mai 2014 mit einer großen Mehrheit zum Premier gewählt wurde und mit seiner Bharatiya Janata Party (BJP) den Konservativen Manmohan Singh und eine lange Regentschaft der Kongresspartei ablöste, hatte schon in seinem Wahlkampf versprochen, Indien aufzuräumen und hart gegen die Korruption vorgehen zu wollen. Vor allem Jüngere hatten den enthaltsam lebenden Politiker gewählt. Er steht für ein modernes Indien und einen Wandel.

Die Entwertung der Geldnoten stellt nun einen neuen Höhepunkt dar. Bereits Ende September war eine Amnestiefrist für Steuerhinterzieher ausgelaufen. Bis dahin konnten sich alle Steuersünder selbst anzeigen. Immerhin: Viele machten von dem Angebot Gebrauch, mehr als zehn Milliarden Euro Schwarzgeld konnte der Staat so einkassieren.

Jetzt also die Geldentwertung. Noch in der Nacht begannen die Inder, ihre 500- und 1.000-Rupienscheine umzutauschen. Oder wenigstens so viele 100-Rupienscheine wie möglich aus den Automaten zu ziehen. Die alten Geldnoten können derzeit noch in den Banken umgetauscht werden, die Frist war zuletzt noch einmal verlängert worden, weil das Chaos in den Banken und Geldinstituten zu groß geworden war. In vielen Städten hatten Banken schon nach kurzer Zeit kein Bargeld mehr. Die Kunden zogen verärgert und oft auch verzweifelt ab. An manchen Orten kam es auch zu handgreiflichen Auseinandersetzungen.

Geld kann noch bis Jahresende eingetauscht werden

Die Times of India berichtete, dass sogar zwei Menschen beim Warten in der Schlange und im Gedränge gestorben seien. In einer Bankfiliale in einem Vorort von Mumbai brach ein 73-Jähriger tot zusammen, in einer Bank in Kerala starb ein 48-Jähriger, als er aus dem zweiten Stock des Bankgebäudes stürzte. Mittlerweile haben viele Bankinstitute ihre Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Die Polizei unterstützt die Sicherheitsdienste der Banken dabei, den enormen Andrang der Kunden bewältigen zu können. In Indien ist es aber alltäglich, dass selbst die Geldautomaten von Wachpersonal beschützt werden – insofern ist der Einsatz von bewaffneten Staatsbediensteten für die meisten Inder keine ungewöhnliche Maßnahme.

Noch bis Jahresende können die alten Banknoten in den Instituten gegen Vorlage des Personalausweises eingetauscht werden. Die Sache hat nur einen Haken: Nicht jeder Inder hat einen gültigen Personalausweis. Und wegen der Limitierung der neuen Geldscheine können größere Summen gar nicht vollständig umgetauscht werden. Sie müssen auf ein Konto eingezahlt werden. Auf diese Weise hat der Staat die Möglichkeit, auffällig großen Beträgen nachgehen zu können. Und wie der Finanzminister Arun Jaitley ankündigte, will die Regierung diesmal keine Milde gegen Steuerhinterzieher walten lassen – eine Amnestie wird es für Steuersünder also nicht mehr geben.