Frage: Herr von Bomhard, viele rechnen damit, dass die US-Notenbank Fed im Dezember die Zinsen erhöht. Was ist schlimmer für die Welt: Niedrige Zinsen oder steigende Zinsen?

Nikolaus von Bomhard: Das hängt von der Perspektive ab. Für einen Staat, der hohe Schulden hat, ist ein Zinsanstieg schlecht. Für die Versicherer wäre es dagegen gut, wenn die Zinsen endlich anziehen. Der jetzige Zustand ist jedenfalls in hohem Maße ungesund, weil sich auf den Anleihemärkten bereits Blasen bilden und notwendige politische Reformen verschoben werden.

Frage: Was passiert, wenn die Fed die Zinsen erhöht?

von Bomhard: An den Kapitalmärkten wird nicht viel passieren, das ist bereits eingepreist. Die spannendere Frage ist, was die Europäische Zentralbank machen wird.

Frage: Was erwarten Sie?

von Bomhard: Ich glaube nicht, dass die EZB die Zinsen erhöht. Ich hoffe aber, dass das massive Anleihenkaufprogramm zurückgefahren wird. Und was ganz wichtig ist: EZB-Chef Draghi sollte von seiner "Whatever-it-takes"-Haltung abrücken.

Frage: Sie meinen, das Versprechen, alles zu tun, um den Euro zu retten ...

von Bomhard: Genau. Vor vier Jahren war das Versprechen richtig, um Vertrauen zu schaffen, heute verkehrt sich das ins Gegenteil.

Frage: Investieren Sie mehr in den USA, wenn die Fed die Zinsen erhöht?

von Bomhard: Wir sind jetzt schon sehr stark in den USA engagiert. Rund ein Drittel unseres Umsatzes in der Rückversicherung erwirtschaften wir in den USA, unsere Reserven spiegeln das wider und ein großer Teil unserer Kapitalanlagen ist daher in Dollar angelegt.

Frage:Munich Re ist eine Vorreiterin beim Klimaschutz, der designierte US-Präsident Donald Trump findet das Klima aber bekanntlich nicht so wichtig. Was heißt das für Ihre Geschäfte dort?

von Bomhard: Insgesamt glaube ich nicht, dass der Regierungswechsel unmittelbar großen Einfluss auf unser dortiges Geschäft haben wird. Die Menschen und Unternehmen in den USA werden sich auch künftig gegen Hurrikans und Tornados versichern, ob ihr Präsident an den Klimawandel glaubt oder nicht. Wir sammeln seit Jahrzehnten Daten zu wetterbedingten Schadenereignissen und sehen, dass  solche Naturkatastrophen zunehmen. Daran hat der menschengemachte Klimawandel einen Anteil, was aber nicht heißt, dass man jedes Sturmereignis mit dem Klimawandel begründen kann.

Frage: Ihr Geschäft ist es, Risiken einzuschätzen. Wie groß ist das Risiko Trump?

von Bomhard: Trump löst extreme Reaktionen aus, bis hin zum jüngsten Kursanstieg an der Börse. Wenn man sich seine wirtschaftspolitischen Pläne anschaut, sind die Bewegungen am Aktienmarkt aber überzogen. Sollte Trump verhindern, dass das transpazifische Handelsabkommen TPP ratifiziert wird, dann schadet das den USA mittelfristig. Wenn er die Infrastruktur ausbauen und gleichzeitig die Steuern senken will, dann treibt das Schulden und Inflation. Wenn Trump dann noch die Zuwanderung beschränkt, die einer der größten Konsum- und damit Wachstumstreiber ist, verschärft das den Abwärtstrend. Die Ernüchterung wird kommen.

Frage: Wie stabil ist die Finanzindustrie? Sie haben nach der Finanzkrise die Zerschlagung der Großbanken gefordert. Wenn man sich die Deutsche Bank oder die Commerzbank heute anschaut, so scheinen die Institute das jetzt quasi selbst zu erledigen.

von Bomhard: Sagen wir mal so: Man hat nach der Finanzkrise in den USA alle großen Banken gezwungen, ihr Eigenkapital massiv aufzustocken, in Europa ist das nicht im gleichen Tempo und nicht so rigide passiert. Die europäischen Banken schlagen sich immer noch mit alten Problemen herum, bei einigen kommen sogar neue hinzu. Dennoch ist auch die europäische Finanzwirtschaft heute stabiler als früher. Die Bilanzen sind solider, die Aufsicht  ist viel näher dran an den Banken. Das ist gut so, denn die EZB hat ja ihr Pulver weitgehend verschossen, sie kann bei einem Wiederaufleben der Krise nicht mehr viel helfen.