Nicht einmal ein Jahr ist es her, da beschlossen 195 Regierungen in Paris ein bislang einzigartiges Abkommen zum globalen Klimaschutz. Erstmals bezieht es alle Staaten mit ein: die Industrie-, die Schwellen- und die Entwicklungsländer. Am heutigen Freitag tritt es in Kraft.

Das Abkommen enthält anspruchsvolle Ziele. Doch auf ein gleichermaßen ehrgeiziges Handeln haben die Vereinten Nationen sich nicht verständigen können.

Der Pariser Gipfel hat entschieden, die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad beschränken zu wollen. Nach Möglichkeit will man sogar bei 1,5 Grad landen. Auf dem gleichen Gipfel etablierten die Klimadiplomaten ein System freiwilliger nationaler Klimaschutzzusagen. Die bislang abgegebenen Versprechen erlauben aber nicht nur einen weiteren leichten Anstieg der globalen Emissionen bis 2030, sie laufen sogar auf eine Erwärmung von 3 bis 3,5 Grad Celsius bis zum Jahr 2100 hinaus.

Dass die in Paris beschlossenen Temperaturziele vom Weltklimarat IPCC überhaupt noch für erreichbar gehalten werden, liegt im Wesentlichen daran, dass klimaökonomische Modelle den Einsatz von Technologien voraussetzen, mit denen der Erdatmosphäre im Lauf des Jahrhunderts in enorm hohem Maße Kohlendioxid entzogen werden kann.

Falls es schiefgeht, ist niemand verantwortlich

Der Kern des Paris-Abkommens wirkt wie ein Musterbeispiel klimapolitischer Inkonsistenz. Die verabschiedeten Temperaturziele sind integraler Bestandteil des Problems, denn sie sind als Handlungsanleitung für Regierungen und Wirtschaft kaum effektiv. Es wäre weit besser, die UN-Klimapolitik würde sich fortan auf das Ziel der Nullemissionen konzentrieren.

Ziele wie 2 oder 1,5 Grad adressieren das ganze Erdsystem – aber sie verpflichten nicht die einzelnen Akteure zum Handeln. Globale Temperaturziele sagen nichts darüber aus, wie viel Klimaschutz ein einzelnes Land zu leisten hat. Den Regierungen fällt es deshalb relativ leicht, ein ehrgeiziges Globalziel zu unterstützen, aber gleichzeitig wenig für den nationalen Klimaschutz zu tun.

Da es der IPCC aus guten Gründen ablehnt, eine wissenschaftliche Formel für die gerechte Aufteilung von Klimaschutzverpflichtungen auf einzelne Staaten zu präsentieren, kann jede Regierung selbstbewusst erklären, ihre nationalen Klimapläne stünden im Einklang mit den globalen Temperaturzielen. Eine kritische Evaluierung der Fortschritte ist nur auf globaler Ebene möglich. Kein einzelnes Land kann für die Verfehlung des 2- oder des 1,5-Grad-Ziels verantwortlich gemacht werden.

Doch komplexe Langfristpolitik funktioniert nur mit ehrgeizigen Zielen. Aber sie müssen präzise, evaluierbar, erreichbar und motivierend sein. Sind sie das nicht, bleiben sie wirkungslos.

Klimaschutz - "Die Erde wird wärmer und der Mensch ist daran schuld" Hans Joachim Schellnhuber ist Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung. Am Rande einer ZEIT-Konferenz sagte er, Klimaschutz sei die stärkste Bekämpfung von Fluchtursachen. © Foto: Die ZEIT