Nun ist einer der  teuersten politischen Fehler in der europäischen Geschichte amtlich: Die frühere Finanzministerin Frankreichs Christine Lagarde wurde am Montag schuldig gesprochen, die Rekordsumme von 400 Millionen Euro Entschädigung für den Geschäftsmann Bernard Tapie "fahrlässig" durchgewunken zu haben. Eine Gefängnis- oder Geldstrafe erhielt die erst in diesem Jahr wiedergewählte Chefin des Internationalen Währungsfonds dafür aber nicht.

Das Urteil wurde von einer speziellen Institution gesprochen. Der Gerichtshof der Republik ist reserviert für Prozesse gegen ehemalige oder aktive Regierungsangehörige. Neben drei Berufsjuristen sind es Senatoren und Abgeordnete, die das Urteil über ihre Kollegen fällen, und auch diesmal haben sie die Angeklagte wie erwartet geschont. Lagarde selbst hat offenbar mit einem milden Urteil gerechnet: Laut ihrem Anwalt ist sie schon am Samstag nach Washington zurückgekehrt.

Dabei zählt die Affäre zur größten und kostspieligsten in der Amtszeit des konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Dessen Freund, der frühere Besitzer der Sportmarke Adidas, Bernard Tapie, hatte vom französischen Staat 2007 eine millionenschwere Entschädigung dafür gefordert, dass die ehemals staatliche Bank Crédit Lyonnais seine Anteile an Adidas unter Wert aufgekauft haben soll. Lagarde hatte entschieden, diesen Fall außergerichtlich vor einem Schiedsgericht klären zu lassen. Als von diesem die Rekordsumme beschlossen wurde, entschied sie sich gegen eine Anfechtung.

Auch gegen die Entschädigung in Höhe von 45 Millionen Euro für den "immateriellen Schaden", die Tapie zusätzlich zugesprochen wurde, legte sie als Ministerin kein Veto ein. Inzwischen aber laufen Betrugsermittlungen gegen mehrere Beteiligte von damals, weil es Verbindungen zwischen Tapie und einem der Schiedsleute gegeben haben soll. Der Schiedsspruch wurde bereits von Gerichten aufgehoben, Tapie muss zudem die Entschädigung zurückzahlen.

Lagarde ignorierte Warnungen

"Für den Tod eines Kindes gibt es 40.000 Euro, und hier erhält Tapie 45 Millionen Euro – das muss Sie doch aufgeschreckt haben", sagte die Vorsitzende Richterin Martine Ract-Madoux. Nein, verneinte Lagarde am zweiten Prozesstag in der vergangenen Woche. Sie habe sich erschrocken. Aber sie wollte den jahrelangen Prozess beenden, der hohe Anwaltskosten verursachte.

Das Urteil fiel nun härter aus als das Plädoyer der Staatsanwaltschaft, denn in diesem seltsamen Verfahren wurde ausgerechnet der Staatsanwalt zu Lagardes bestem Verteidiger. Sie habe möglicherweise einen politischen Fehler begangen, aber keinen illegalen, sagte Jean-Claude Marin – und übernahm damit die Worte von Lagardes Anwalt. Jeder Mensch handle doch manchmal fahrlässig, sagte sie selbst zu ihrer Verteidigung.

Die ehemalige Ministerin musste das Kunststück vollbringen, sich als ahnungslos hinzustellen und doch den Eindruck zu vermitteln, dass sie ihr Amt damals sachkundig ausfüllte. Sie entschuldigte sich damit, im Jahr 2008 vor allem mit der aufziehenden Finanzkrise beschäftigt gewesen zu sein – und die Freundschaft zwischen dem Präsidenten Nicolas Sarkozy und dem Unternehmer Bernard Tapie ignoriert zu haben. Warnungen von Mitarbeitern habe sie nicht gehört, Zeitungsberichte über eine Besetzung des Schiedsgerichts mit Freunden von Tapie nicht gelesen, und sie habe auch nicht mitbekommen, dass Tapie mehrfach von Sarkozy im Élysée-Palast empfangen wurde. Auch sie selbst hatte einmal mit Tapie, einem der reichsten Männer Frankreichs, zu Mittag gegessen, aber angeblich nur, weil er "Ideen hatte, um Jobs zu schaffen".

Zivilprozess steht noch aus

Lagarde wurde 2011 als erste Frau an die Spitze des IWF gewählt, nachdem ihr Vorgänger Dominique Strauss-Kahn nach der Affäre um die sexuelle Belästigung eines Zimmermädchens in New York zurücktreten musste. Sie war erst wenige Tage im Amt, als die Pariser Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen in der Tapie-Affäre aufnahmen. Ihr laufender Prozess hat die Repräsentanten des IWF allerdings nie sonderlich beeindruckt: Sie wählten sie Anfang des Jahres einstimmig wieder an die Spitze des Verbandes. 

Vielleicht hat sie der astronomischen Entschädigung ausgerechnet für einen Multimilliardär zugestimmt, weil sie selbst seit Jahrzehnten mit großen Summen jongliert – und damit den Bezug zum finanziellen Alltag der Französinnen und Franzosen verloren hat. Ihre Karriere startete als Wirtschaftsanwältin großer Konzerne in den USA, ihr Partner ist Vermögensberater und berät Firmen darin, Steuern zu sparen. Als die Benzinkosten 2007 rasant anstiegen, riet sie dazu, statt mit dem Auto doch mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Das französische Volk reagierte entrüstet, schließlich müssen Millionen von ihnen täglich aus weit entfernten Vorstädten nach Paris pendeln, weil die Wohnungen dort unerschwinglich geworden sind.

Für Lagarde ist mit dem heutigen Urteil der Prozess beendet. Dabei sind entscheidende Zeugen aus ihrer Amtszeit, etwa Mitarbeiter in ihrem Ministerium, gar nicht gehört worden. Sie werden erst in einem späteren Zivilprozess auftreten. Doch selbst wenn sie der vorgetragenen Ahnungslosigkeit von Lagarde widersprechen: Dann wird es zu spät sein, sie noch einmal zur Verantwortung zu ziehen.