Die Staatsanwaltschaft hat sich im Prozess gegen die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) gegen eine Verurteilung ausgesprochen. Die Anhörungen hätten keine juristische Grundlage ergeben, um Christine Lagarde wegen des Vorwurfs der Nachlässigkeit im Umgang mit öffentlichen Geldern zu verurteilen. Der Prozess bewege sich "auf dem schmalen Grat zwischen Politik und Justiz", sagte Staatsanwalt Jean-Claude Marin vor dem Pariser Gerichtshof der Republik.

Ob die Richter der Einschätzung der Anklage folgen und Lagarde aus Mangel an Beweisen freisprechen, ist unklar. Der am Montag eröffnete Prozess findet vor einem Sondergerichtshof für Vergehen von Regierungschefs oder Ministern statt, die diese in Ausübung ihres Amtes begangen haben. In dem sogenannten Gerichtshof der Republik sitzen Richter von Frankreichs oberstem Gerichtshof zusammen mit Abgeordneten und Senatoren.

Die Behörde hatte sich bereits im vergangenen Jahr gegen einen Prozess gegen Lagarde ausgesprochen. Die Untersuchungskommission des Gerichts hatte sich aber darüber hinweggesetzt. Lagarde hatte vor Beginn des Prozesses in Paris verneint, den Geschäftsmann Bernard Tapie bevorzugt zu haben, und den Vorwurf der Nachlässigkeit zurückgewiesen.

Lagarde drohten bei einer Verurteilung bis zu ein Jahr Haft und eine Geldstrafe von 15.000 Euro. Womöglich müsste sie dann auch ihr Amt als IWF-Chefin niederlegen. Ihr wird vorgeworfen, als französische Finanzministerin durch fahrlässiges Handeln eine Veruntreuung öffentlicher Gelder ermöglicht zu haben. Sie hatte 2007 einem Schiedsverfahren zugestimmt, das dem Unternehmer Bernard Tapie mehr als 400 Millionen Euro Entschädigung zusprach.

Inzwischen ermittelt die Justiz wegen Betrugsverdachts gegen mehrere Beteiligte. Es soll Verbindungen zwischen Tapie und einem der Schiedsmänner gegeben haben. Tapie hatte sich in den 1990er Jahren beim Verkauf seiner Anteile am Sportartikelhersteller Adidas von der früheren Staatsbank Crédit Lyonnais geprellt gesehen. Er und die Verwalter seiner insolventen Unternehmensgruppe zogen vor Gericht, schließlich verständigte man sich auf das Schiedsverfahren. Die hohe Entschädigung wurde viel kritisiert und inzwischen von Gerichten aufgehoben.

Seit 2011 ist Lagarde Direktorin des IWF in Washington, nachdem ihr Vorgänger Dominique Strauss-Kahn zurückgetreten war. 2007 war sie vom damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy zur Wirtschafts- und Finanzministerin ernannt worden.