Für viele Menschen in Deutschland ist es eine Enttäuschung. Mario Draghi ändert erst einmal wenig an der ultralockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Das hat der EZB-Präsident an diesem Dienstag verkündet. Damit dürften auf absehbare Zeit auch die Zinsen auf den Sparkonten der Deutschen kaum steigen.

Die EZB belässt den Leitzins auf nahe null und kauft weiterhin Staatsanleihen von Eurostaaten auf. Damit verfolgt die Zentralbank im Wesentlichen zwei Ziele: Zum einen soll die Wirtschaft in der Eurozone gestützt werden. Zum anderen will die EZB, dass die Preise stärker steigen. Die Inflation soll sich wieder stärker dem EZB-Ziel von zwei Prozent nähern. Warum hält sie an dieser Geldpolitik fest?

Seit 2008, als mit der Pleite von Lehman Brothers die Finanzkrise ausbrach, ist die EZB damit beschäftigt, die Währungsunion als Einheit zu erhalten. Die geplatzte Immobilienblase in den USA brachte viele Banken so stark unter Druck, dass sie damit anfingen, Staatsanleihen von angeschlagenen Eurostaaten zu verkaufen. Die Risikoaufschläge für Anleihen von Italien, Spanien und Griechenland stiegen drastisch. Die Eurozone rutschte in eine tiefe Rezession, einige Länder mussten mit milliardenschweren Hilfskrediten vor der Pleite bewahrt werden.

Zunächst griff die EZB nicht direkt in den Markt für Staatsanleihen ein. Sie unterstützte die Rettungsprogramme für die Krisenländer und senkte vor allem den Leitzins, um damit das Wirtschaftswachstum zu fördern. Dahinter steht die Annahme: Wenn die Zinsen in der Eurozone gering sind, dann vergeben die Banken mehr Kredite an Unternehmen, die diese wiederum für neue Investitionen ausgeben.

Parallel zur Zinspolitik aber setzte ein weiterer Prozess ein. Die EZB weitete ihre Bilanzsumme stark aus, und zwar um das Dreifache: Aus etwas über einer Billion Euro im Jahr 2006 sind heute fast drei Billionen Euro geworden. Was bedeutet das? Im Zuge der Finanz- und später der Eurokrise gewährte die EZB den Geschäftsbanken in der Eurozone Liquiditätshilfen zu sehr günstigen Zinsbedingungen. 2012 kündigte Mario Draghi an, notfalls sogar Staatsanleihen von gefährdeten Eurostaaten zu kaufen – allerdings ohne dies damals tatsächlich zu tun. Ein Auseinanderbrechen der Eurozone sollte in jedem Fall verhindert werden.

Das aktuelle Anleihekaufprogramm der EZB läuft erst seit März 2015 und führt dazu, dass sich die Bilanz der Zentralbank weiter aufbläht. Die Eurostaaten können sich günstig Geld am Kapitalmarkt leihen, und trotz politisch unruhiger Lage wie etwa in Italien und Spanien trauen sich internationale Investoren nicht, gegen diese Länder zu wetten. Schließlich hält die Zentralbank mit ihren Anleihekäufen die Nachfrage hoch und damit den Preis stabil.

Die Eurozone hat die Krise bislang überstanden. Aber sind mit der Bilanzsumme der EZB gleichzeitig die Geldmenge und die Inflation in der Eurozone stark gestiegen, wie viele Kritiker befürchtet haben? Nicht wirklich. Entscheidend ist, wie die Banken und die Konsumenten damit umgehen, dass Kredite zu günstigen Konditionen verfügbar sind. Die Geschäftsbanken haben das zusätzliche Geld zum größten Teil nicht an Unternehmen und Verbraucher weitergereicht. Zu düster waren die ökonomischen Aussichten, zu problematisch die Bilanzen der Banken. Wenn die Banken das zusätzliche Zentralbankgeld aber nicht weitergeben, hat es kaum einen Effekt auf die Inflation.

Doch was hat Inflation mit Wirtschaftswachstum zu tun? Viele der Eurokrisen-Staaten erlebten seit 2010 einen heftigen Einbruch ihrer Wirtschaftsleistung, die Menschen und die Unternehmen reagierten vorsichtig und gaben weniger Geld aus. Das wiederum beschleunigte den Effekt der Rezession. Wenn die Nachfrage über einen längeren Zeitraum sinkt, dann sinken auch die Preise, und für eine Volkswirtschaft wird es schwer, diesem Negativkreislauf zu entkommen. Mit dem vielen billigen Geld hat die EZB deshalb versucht, die Inflation wieder auf ein moderates Niveau steigen zu lassen.  

Da das Wachstum in der Eurozone seit 2013 wieder einigermaßen stabil ist und die Wirtschaft selbst in Problemgebieten wie Griechenland auch 2017 stärker zulegen dürfte, finden sich vor allem in Deutschland viele Kritiker, die von der EZB einen allmählichen Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik verlangen. Und das zeichnet sich auch langsam ab: Ab März 2017 will die EZB das Volumen der Anleihekäufe verringern – zumindest ein bisschen.