Zur Rushhour im Großraum London mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein, geht schon an gewöhnlichen Tagen an die Substanz. Rund 300.000 Pendler im Südosten des Landes hätten sich am Freitag über vollgepackte Abteile, überfüllte Bahnsteige und verspätete Züge wohl noch gefreut – denn sie kamen nirgendwo hin. Die Zugführer der privaten Bahnbetriebsgesellschaft New Southern Railway streikten, alle für diesen Tag geplanten 2.242 Zugfahrten fielen aus.

Es war das dritte Mal innerhalb einer Woche, dass bei Southern gar nichts mehr ging: Schon am Dienstag und Mittwoch streikten die Zugführer. Verhandlungen zwischen der Southern-Mutterfirma Govia Thameslink Railway (GTR) und der Gewerkschaft Aslef scheiterten. Und so blieben auch am Freitag die Züge stehen.

Vordergründig geht es bei dem Streit darum, dass die Betreiberfirma künftig in immer mehr Southern-Zügen auf Schaffner verzichten möchte. Die Zugführer wären dann für alles verantwortlich, was an Bord geschieht. Weil sie dann auch allein die Türen der Wagen schließen müssten, befürchten viele Zugführer, dass es zu schweren Unfällen kommen könnte.

Eine Frage der Sicherheit

"Entlang der Hauptstrecke haben wir selten weniger als acht Waggons", sagte einer von ihnen dem Guardian. "Während der Rushhour sind das mindestens 1.500 Fahrgäste. (..) Und die drängen sich in den Waggons wie Sardinen." Die Schaffner, die derzeit die Türen schließen, könnten sehen, was auf dem Bahnsteig vor sich gehe, erklärte der Zugführer weiter. Er selbst habe nur Videoaufnahmen von bis zu zwölf Waggons zur Verfügung, anhand derer er entscheiden müsse, wann es sicher sei, die Türen zu schließen. "Wenn jemand auf den Zug zurennt und aus dem Bild stolpert, während wir losfahren, sehen wir das nicht. Er könnte unter den Zug rollen."

Die Gewerkschaft RMT wirft Southern vor, für die Profitmaximierung die Sicherheit der Fahrgäste zu gefährden. Der Mutterkonzern GTR wolle mit der Streichung von Schaffnern langfristig Personal- und Ausbildungskosten einsparen und so seine Gewinne erhöhen. GTR weist diese Vorwürfe zurück und verweist darauf, dass auf anderen Strecken in Großbritannien schon seit vielen Jahren Züge unterwegs seien, bei denen keine Schaffner an Bord sind.

Für die Southern-Fahrgäste ist die Misere nicht neu. Als im April die Schaffner wegen der geplanten Änderungen in den Streik traten, kürzte GTR Mitarbeitervergünstigungen wie kostenlose Fahrten für Familienmitglieder. Die Zahl der Krankmeldungen verdoppelte sich, und immer weniger Fahrer meldeten sich freiwillig für Überstunden. Im Juli strich Southern bis auf weiteres rund ein Siebtel aller Fahrten. Viele Fahrgäste kamen zu spät zur Arbeit, verpassten Arzttermine und Vorstellungsgespräche. An den ersten Bahnhöfen kam es zu spontanen Protesten. Ein Spieleentwickler stellte das webbasierte Game Southern Rail Tycoon online. Das Ziel: von möglichst vielen Fahrgästen Geld kassieren und dann möglichst viele Zugfahrten ausfallen lassen.

Auch am Donnerstag machten verärgerte Kunden ihrem Ärger Luft. Im Londoner Bahnhof Victoria versammelten sie sich zu einem kurzfristig angesetzten (und lautstarken) Protest und überreichten dem nahe gelegenen Verkehrsministerium ein Schreiben. Darin forderten sie die Regierung dazu auf, einzuschreiten. "Wir leben hier seit einem Jahr in einem Alptraum wegen des Zusammenbruchs von Southern Rail", sagte einer der Demonstranten der BBC. "Wir haben die Regierung verzweifelt dazu aufgerufen, einzugreifen und sind wiederholt ignoriert worden – selbst als viele von uns Arbeitsplätze verloren haben oder umziehen mussten." Die Demonstranten erklärten, sie hätten von Transportminister Chris Grayling "nichts als aufrührerische und politisch motivierte Stellungnahmen" gehört. Das Ministerium ließ unterdessen wissen, der derzeitige Streit spiele sich zwischen Southern und den Gewerkschaften ab und sei "nichts, worin die Regierung involviert ist".

Eine klare Mehrheit der Briten will Bahnverkehr wieder verstaatlicht sehen

Kunden protestierten am Donnerstag in der Londoner Victoria Station gegen Southern Rail. © Jack Taylor/Getty Images

Der Ärger der Pendler wird erst recht verständlich, wenn man sich vor Augen führt, wie immens teuer Zugtickets in Großbritannien sind. So kostet bei Southern eine Jahreskarte für die Strecke zwischen Brighton, 75 Kilometer südlich von London, und der Victoria Station in der Hauptstadt 4.108 Pfund (rund 4.900 Euro). Der öffentliche Nahverkehr ist nirgendwo sonst in Europa so teuer wie in Großbritannien. Pendler, die in London arbeiten, müssen einen bis zu sechs Mal höheren Anteil ihres Gehalts für Zugtickets ausgeben als Bewohner anderer europäischer Großstädte, hat die Aktionsgruppe Action for Rail ausgerechnet.

Die konservative Regierung macht unterdessen allein die Zugführer und die Gewerkschaften für die Ausfälle verantwortlich. Transportminister Grayling erklärte, er werde sich "ganz genau anschauen", was für Gesetze man erlassen könnte, um Streiks wie den von dieser Woche zu unterbinden. Den Ausstand bezeichnete er als "gegenstandslos", er sei aber auch "leider rechtmäßig".

Aussagen wie diese verdeutlichen, wie hochgradig politisiert das Thema Zugverkehr in Großbritannien ist. Das Land hat in den 1990er Jahren unter dem damaligen Premier John Major seinen gesamten Zugverkehr privatisiert. Zumindest das Schienennetz wurde nach einer Reihe schwerer Unfälle und der Pleite des zuständigen Betreibers einige Jahre später  wieder verstaatlicht – und fährt seitdem Milliardenverluste zulasten des Steuerzahlers ein. Fürsprecher der Privatisierungen führen an, dass sich die Zahl der Fahrgäste seit der Privatisierung mehr als verdoppelt habe und dass die meisten Anbieter zuverlässig arbeiteten. Die Kundenzahlen nähmen weiter zu, während das Bahnnetz mittlerweile das sicherste in Europa sei. Gleichzeitig gingen die direkten Subventionen, die an die Anbieter gezahlt würden, seit Jahren zurück.

Die Streiks gehen im neuen Jahr weiter

Kritiker bemängeln, dass sich die Fahrpreise seit dem Beginn der Privatisierungen drastisch erhöht hätten und dass britische Züge im Schnitt langsamer und überfüllter seien als in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien, wo der Bahnverkehr weiter überwiegend im Staatsbesitz ist. Die Verbesserungen bei der Pünktlichkeit und der Sicherheit sowie das höhere Fahrgastaufkommen seien das Ergebnis der Wiederverstaatlichung des Schienennetzes und der massiven Investitionen, die mit Steuergeldern finanziert worden seien, und nicht eine Folge der Privatisierungen.

Den Bahnverkehr wieder zu verstaatlichen, ist eine der zentralen Forderungen von Labour-Chef Jeremy Corbyn. Eine deutliche Mehrheit der Briten steht in dieser Frage auf seiner Seite: Bei Umfragen sprechen sich regelmäßig etwa 60 Prozent der Befragten für eine solche Verstaatlichung aus. Nur 20 Prozent wollen den Status Quo beibehalten.

Ein Ende der Streiks bei Southern ist nicht in Sicht. Kommende Woche wollen zahlreiche Schaffner des Unternehmens die Arbeit niederlegen. Der Zugverkehr dürfte dann zumindest eingeschränkt weiterlaufen. Für den Januar haben die Gewerkschaften jedoch einen sechstägiger Arbeitskampf angesetzt.