Behäbig, veränderungsresistent, regelversessen: In Deutschland stehen Beamte oft in diesem Ruf. Dass es so schlimm nicht sein kann, zeigen Erfolgsgeschichten wie die des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler. Und ebenso die Karriere seines Vorgängers als Staatssekretär im Finanzministerium, Hans Tietmeyer, der am Dienstag im Alter von 85 Jahren verstarb.

Der Westfale, der nach Anfängen in der Theologie zum ordoliberalen Ökonomen ausgebildet wurde, arbeitete lange im Wirtschaftsministerium, bevor er 1982 zum Finanzstaatssekretär wurde – und zum wichtigen Ratgeber für Bundeskanzler Helmut Kohl. Ohne Tietmeyer hätte Kohl auf die Kanzlerschaft wohl länger warten müssen, schließlich gilt der marktgläubige Katholik als Mann hinter dem sogenannten Lambsdorff-Papier, das den Bruch der sozialliberalen Koalition einleitete und damit den Weg für Kohl erst frei machte. Später entging Tietmeyer, ein Exponent der konservativ-liberalen Macht in Deutschland, einem Terroranschlag nur mit Glück. 

Kurz nach der deutschen Wende erhielt er seinen wohl wichtigsten Posten: Tietmeyer wurde zum letzten Präsidenten einer souveränen Bundesbank, bevor der Euro kam. Er kämpfte für harte Stabilitätsregeln in der gemeinsamen Währung und stand auch sonst zur Tradition der Bundesbank. Als die deutsche Wirtschaft nach der Wiedervereinigung heiß lief, reagierte er mit schnellen Zinserhöhungen, die auch einem Vertrauten wie Helmut Kohl nicht gefallen konnten. Wollte er damit auch ein Zeichen gegen den kommenden Euro oder jedenfalls einen Easy-go-lucky-Euro setzen? Einige warfen ihm das vor.

Verfechter einer unabhängigen Zentralbank

Mit Tietmeyer geht einer der großen Exponenten des deutschen Ordoliberalismus, der im Ausland heute auf viel Unverständnis trifft. Mit seinen Reformgedanken nahm Tietmeyer Gerhard Schröders Agenda 2010 vorweg, und das gleich um zwei Jahrzehnte. Helmut Kohl hatte jedoch mit harten Wirtschaftsreformen nichts im Sinn. Dafür ließ er sich auf die gemeinsame Währung ein, die das neue, größer gewordene Deutschland stärker in Europa einbinden sollte.

Tietmeyer war das Gesicht der harten Mark und der Idee einer Zentralbank, die ganz unabhängig von der Politik die Stabilität der Währung garantiert. Noch 2008 erklärte er die gemeinsame europäische Währung zum Erfolg, doch da hatte der Euro den Härtetest noch vor sich. Heute helfen sich die Staaten gegenseitig über die Eurokrise und die Europäische Zentralbank kauft in riesigen Tranchen die Staatsanleihen der Mitgliedsländer auf. All so etwas wollten die Bundesbank und ihr oberster Chef immer verhindert wissen.

Trotzdem wirkt Tietmeyers Erbe nach. Die Hartz-Reformen haben gezeigt, dass auf einem flexibilisierten Arbeitsmarkt neue Jobs und neues Wachstum entstehen können. Und heute noch versucht der deutsche Finanzminister wacker, die gröbsten "Sünden" in der Europolitik zu verhindern und gleichzeitig die Not leidenden Mitgliedsländer an ihre eigenen Reformpflichten zu erinnern.

Tietmeyer wusste: Beliebt macht man sich damit nicht. Aber auf lange Sicht liegt man mit dieser ordoliberalen Haltung, immerhin der Basis des deutschen Wiederaufstiegs nach dem Krieg, oft richtig.