Manche nennen sie Medizin, für andere ist sie ein purer Marketinggag: die Homöopathie. Ihre Gegner finden es unmöglich, dass manche Krankenkassen für die extrem verdünnten Tropfen und Globuli Geld ausgeben, obwohl die Naturwissenschaft ihre Wirksamkeit bestreitet. Homöopathie-Freunde aber argumentieren: Nur weil sich die Wirkung der Tropfen und Kügelchen nicht belegen lasse, bedeute das noch lange nicht, dass es keine gebe. Fakt ist: Über kaum einen Bereich wird im Gesundheitswesen so anhaltend und erbittert gestritten wie über die Frage, ob homöopathische Präparate den Patienten helfen können oder ob sie reiner Humbug sind.

Fakt ist auch: Übernimmt eine Krankenkasse die Kosten für die homöopathischen Anwendungen, bezahlt das letztlich die Allgemeinheit, obwohl sich bislang in etlichen Studien weder eine physikalische noch eine pharmakologische Wirkung nachweisen ließ. Gesundheitsbehörden in den USA fordern deshalb nun, man müsse einen Warnhinweis auf homöopathischen Medikamenten aufbringen. In Deutschland hingegen wächst die Zahl der Krankenkassen, die den Globuli vertrauen. Inzwischen übernehmen rund 80 gesetzliche Kassen wenigstens einen Teil der homöopathischen Behandlungskosten. Die allermeisten privaten Krankenversicherer zahlen sie sogar komplett.

Dabei könnte das Geld in einem finanziell angeschlagenen Gesundheitssystem sicherlich sinnvoller verwendet werden. Karl Lauterbach, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD, forderte vor einigen Jahren: "Man sollte den Kassen schlicht verbieten, für Homöopathie zu bezahlen." Inzwischen mag er diese Forderung nicht mehr wiederholen und will sich gar nicht mehr zum Thema äußern. Doch der Vorwurf der unnützen Gesundheitsausgaben steht im Raum.

Fragt man bei den Kassen nach, warum sie die Kosten für homöopathische Mittel übernehmen, erhält man eine schlichte Antwort: "Wir sehen, dass es von vielen Versicherten gewünscht wird", sagt Andrea Röder, stellvertretende Pressesprecherin des BKK Bundesverbands. Ellen Zimmermann, Sprecherin der BKK VBU, einer gesetzlichen Kasse mit immerhin 400.000 Mitgliedern, bestätigt: "Das Interesse und die Nachfrage nach homöopathischen Leistungen ist sehr gestiegen. Deshalb ist es uns wert, dafür zu bezahlen." Umfragen des Instituts für empirische Gesundheitsforschung belegen: Rund zwei Drittel der Bevölkerung wünschen sich, dass Krankenkassen auch alternative Heilverfahren fördern, und 80 Prozent erwarten, dass zumindest Homöopathie und Akupunktur von den Kassen übernommen werden. Das ist ein sehr klares Votum.

Junge und Gesunde wechseln ihre Kasse leicht

Es gibt einen weiteren Grund für die Kostenübernahme, den die Kassen aber ungern ausdrücklich nennen: Sie wollen Kunden locken. Vor allem junge, gesunde, gut verdienende Kunden – denn die brauchen sie, um in Zeiten steigender Kosten profitabel zu arbeiten. Seit der Gesetzgeber den Wettbewerb unter den Krankenkassen fördert, konkurrieren diese nicht nur über die Höhe der Beiträge, sondern auch über die Qualität ihrer Leistungen. Das bedeutet: Wer möglichst interessante Zusatzleistungen anbietet, hat gute Aussichten. Denn die Jungen und Gesunden sind besonders wechselfreudig. Sie lassen sich von den zusätzlichen Leistungen leichter locken als die Alten und Kranken.

© Peter Macdiarmid/Getty Images
Was bringen Globuli?

Was bringen Globuli?

Die Deutschen lieben Homöopathie. Auch wenn Experten sie seit 200 Jahren anzweifeln. Denn sie kann gar nicht wirken.

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Wann entstand die Homöopathie?

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Falsch. Die Homöopathie hat sich Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt. Die Menschen suchten Alternativen zur damals oft brutalen Schulmedizin. Die Nationalsozialisten überprüften tatsächlich die Homöopathie auf ihre Wirkung, stellten aber fest, dass sie nicht wirkt.

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Hulton Archive/Getty Images
Er begründete die Homöopathie

Er begründete die Homöopathie

Samuel Hahnemann ist der Vater der vermeintlichen Heilmethode. Das Konzept dachte er sich allein aus – und prüfte es in Selbstversuchen.

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Samuel Hahnemann

Samuel Hahnemann

Begründer der Homöopathie.

"Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden."

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Die Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld hat ermittelt, dass das teuerste Fünftel der Versicherten 80 Prozent der Krankenkassenausgaben verursacht. Von diesen Kunden möchte jede Kasse so wenige wie möglich versichern. Und um die Kosten wieder reinzuholen, braucht sie die Jungen und Gesunden.

Sie sollen auch durch die Kostenübernahme für Naturheilverfahren gelockt werden, glaubt Gesundheitsökonom Jürgen Wasem, Professor an der Uni Duisburg: "Man darf schon vermuten, dass es den Kassen darum geht, für bestimmte Versichertengruppen attraktiv zu sein." Die Jungen und Gesunden schauen nämlich nach niedrigen Beiträgen, weil sie davon ausgehen, dass sie ohnehin nicht viele Leistungen in Anspruch nehmen; und sie achten auf zusätzliche Leistungen – zum Beispiel auf die Homöopathie.