Aus Sicht der BKK-BVU geht die Strategie auf, sagt Ellen Zimmermann: "Für Neukunden sind Homöopathie und Naturheilverfahren natürlich Leistungen, wegen derer sie zu uns wechseln." Es seien allerdings Versicherte "durch alle Altersgruppen und Einkommensklassen", also längst nicht nur die Jungen und Gutverdienenden, die sich dafür interessierten. 

Dabei geht es nicht nur um Homöopathie, sondern auch um vielerlei andere Verfahren, die auf Selbstheilungskräfte setzen oder auf die Einheit von Körper und Geist: wie Akupunktur etwa, Anthroposophische Heilverfahren, Atemtherapie, Ayurveda, Heileurythmie, Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Yoga und QiGong. Für viele dieser Methoden gibt es keinen wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis. Trotzdem werden sie ebenfalls von Dutzenden gesetzlichen Krankenkassen und sehr vielen privaten bezahlt, zumindest teilweise.

Einer, der das verteidigt, ist Christoph Kranich von der Abteilung für Gesundheit und Patientenschutz bei der Verbraucherzentrale Hamburg: "Traditionelle Chinesische Medizin etwa wird an Krankenhäusern mit Erfolg angewandt, zum Beispiel am Uniklinikum in Hamburg, das kann also nicht nur Scharlatanerie sein. Naturheilverfahren ist außerdem ein sehr weiter Begriff, in den auch sehr anerkannte Verfahren fallen wie Kneipp-Behandlungen und andere Verfahren der manuellen und physikalischen Medizin." Sollte man die etwa auch nicht mehr bezahlen?

Ausgaben für Homöopathie sind gering

Den Vorwurf, dass hier eine große Verschwendung von Gesundheitsausgaben durch die Naturheiler stattfinde, kontert der Verband der Homöopathieärzte so: "Die Ausgaben für homöopathische Behandlungen inklusive Arzneimittel machen etwa 0,003 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen aus." Umgerechnet sind das 0,03 Promille oder 30 parts per million (ppm): Das liegt ähnlich weit unter der Nachweisgrenze, wie es die Inhaltsstoffe in den Globuli durch die Verdünnung tun.

Tatsächlich nimmt bisher nur eine verschwindend geringe Anzahl von Patienten die Naturheilverfahren in Anspruch, die von den Kassen erstattet werden. Bei der BKK BVU zum Beispiel haben sich 2015 nur 0,006 Prozent der Mitglieder von Naturheilern behandeln lassen, was der Kasse zufolge 0,025 Prozent der Leistungsausgaben ausgemacht habe, insgesamt 151.000 Euro. Das ist nicht sehr viel.

"Ob sich das ökonomisch auch für die Kassen rechnet – etwa, weil die Versicherten weniger andere Medikamente nehmen, kann ich nicht beurteilen", sagt Wasem, "dafür dürften bundesweit keine verlässlichen Daten vorliegen." Im Einzelfall der BKK BVU lohne es sich sehr wohl, sagt Ellen Zimmermann: Genau jene Homöopathiekunden verursachten auch sonst nur unterdurchschnittliche Kosten bei Arzneimitteln und Krankenhausaufenthalten, sagt sie. Sie seien also insgesamt die billigeren Versicherten. In etlichen Studien berichteten die Patienten zuhauf von einer Besserung ihres Zustands, erklärt der Verband der Homöopathieärzte: "Die Versorgungsforschung zeigt, dass die Homöopathie in der Praxis effektiv und kostengünstig ist."

"Sinnvoll, preiswert und nützlich"

Das sieht Verbraucherschützer Christoph Kranich genauso: "Die magere Studienlage ist noch kein Beweis für fehlende Wirkung. Selbst wenn es wirklich nur Placeboeffekte sind – wenn die Medikamente also wirken, obwohl die Substanz nicht als Ursache für die Wirkung gilt, da ab der Verdünnung D23 keine Substanz mehr nachgewiesen werden kann: Solange keine Nebenwirkungen festgestellt werden, ist das Ganze sehr sinnvoll, weil preiswert und nützlich."

Schließlich aktiviere die Homöopathie die Selbstheilungskräfte des Körpers, sagen die Verfechter, das aber könne keine Studie messen. Ellen Zimmermann dreht die Argumentation einfach um: "Es hat auch noch niemand den Beweis geführt, dass Homöopathie schädlich ist. Es gibt außerdem viele schulmedizinische Medikamente, deren Nutzen zweifelhaft ist und debattiert werden könnte."

Zudem seien viele Ärzte, die Homöopathie anböten, Schulmediziner, die eine Zusatzausbildung gemacht hätten und auf beiden Ebenen praktizierten: "Warum sollte man also den Patienten die Möglichkeit verwehren, sich auszusuchen, mit welcher Methode sie behandelt werden wollen?"