ZEIT ONLINE: Herr Professor Deaton, wenn Sie auf die kommenden vier Jahre mit dem US-Präsidenten Donald Trump schauen: Machen Sie sich Sorgen?

Angus Deaton: Wirtschaftspolitisch und rein auf die USA bezogen sind meine Sorgen nicht größer als im Jahr 2001. Damals zog George W. Bush ins Weiße Haus ein, der eine ähnliche Politik betrieben hat. Der Einfluss einer Regierung auf die Wirtschaft und die ökonomische Entwicklung eines Landes ist kleiner, als viele Experten und Journalisten glauben. Unternehmen und Geschäftsleute sind ziemlich unabhängig von dem, was eine Regierung so alles anstellt.

ZEIT ONLINE: Donald Trump hat Großes vor. Er will "der großartigste Jobproduzent werden, den Gott jemals schuf". Was halten Sie von solchen Ankündigungen?

Sir Angus Deaton ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre und Internationale Beziehungen an der Princeton University und erhielt 2015 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften. © Reuters

Deaton: Der US-Wirtschaft geht es gerade gut, die Zahl der Arbeitslosen ist niedrig – ein Trend, der mindestens zwölf bis 18 Monate anhalten wird. Diese positive Entwicklung erbt Donald Trump als 45. Präsident der Vereinigten Staaten. Er wird es als eindeutigen Beleg für den Erfolg seiner Politik werten. Dabei hat er dafür überhaupt nichts getan. Wie erfolgreich er am Ende auf dem Arbeitsmarkt sein wird, ist nur schwer vorhersehbar.

ZEIT ONLINE: Trump will die marode amerikanische Infrastruktur modernisieren und dafür Milliarden Dollar ausgeben. Könnte das viele Jobs schaffen?

Deaton: Grundsätzlich halte ich das für eine hervorragende Idee – es muss dringend in den USA investiert werden. Das Geld ist dafür vorhanden, über einen staatlichen Fonds ließe sich das gut finanzieren. Die USA können sich ja gerade quasi zum Nulltarif verschulden. Wie so vieles bei Trump ist aber auch hier fraglich, ob und wie er es am Ende umsetzen wird. Die Republikaner hassen öffentliche Investitionen in die Infrastruktur, für viele ist das purer Sozialismus. Der Widerstand im Kongress wird enorm sein.

ZEIT ONLINE: Trump will auch Obamacare abschaffen. Das dürfte mit den Republikaner doch schnell zu machen sein.

Deaton: Anders als Trump glaube ich, dass Obamacare gerettet werden kann. Es ist ein sehr kompliziertes Gesetz, das einige Anpassungen benötigt. Das Problem der vergangenen Jahre war nur: Die Republikaner haben mit ihrer Mehrheit im Kongress genau das verhindert. Obamacare jetzt einfach abzuwickeln, würde zur Folge haben, dass Millionen von Amerikanern ihre Krankenversicherung verlieren.

Deshalb bin davon überzeugt, dass Trump die Reform nicht komplett zurücknehmen wird. Das kann sich die neue Regierung einfach nicht leisten. Einige Republikaner weichen angesichts der extrem harschen Konsequenzen auch bereits von ihrer harten Position ab. Aber auch hier gilt: Niemand weiß genau was Trump vorhat, durch was er Obamacare ersetzen will.

ZEIT ONLINE: Sie reagieren scheinbar sehr gelassen auf einen US-Präsidenten Donald Trump. Warum?

Deaton: Die heimische Wirtschaftspolitik ist die eine Seite, die andere ist die Außenpolitik, seine geopolitische Strategie, wenn man so will. Hier kann einem schon Angst und Bange werden.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie genau?

Deaton: An einem Tag hält er die Nato für obsolet, an einem anderen verkündet er eine engere Allianz mit Russland. Wladimir Putin ist ein versierter und erfahrener Politiker, was man von Donald Trump nicht sagen kann. Auf wen von beiden würden Sie im Falle eines Falles wetten? Und dann ist da noch China: Trump ist der chinesischen Regierung bereits mehrfach schmerzhaft auf die Füße getreten. Er scheint sogar bereit zu sein, einen Handelskrieg zu riskieren.