Erst nach zwei Stunden konnte Alexander Lukaschenko seiner Empörung freien Lauf lassen. Denn da war der belarussische Präsident in einer großen Pressekonferenz am Freitag endlich beim Thema Russland angelangt. Eigentlich sind die beiden Länder die engsten Verbündeten im postsowjetischen Raum. Doch in einer beinahe 40 Minuten dauernden Tirade ließ Lukaschenko kein gutes Haar am Nachbarn im Osten. Russland habe Angst davor, dass sein Land sich nach Westen abwende und setze es deshalb unter Druck: mit Gaspreisen, Handelsschranken und nun auch mit Grenzkontrollen. "Russland tritt unsere zwischenstaatlichen Verträge mit Füßen", polterte der belarussische Machthaber. Gegen den Chef der russischen Landwirtschaftsaufsicht Sergej Dankwert kündigte er sogar ein Ermittlungsverfahren ein.  

Tatsächlich erreichen die Beziehungen zwischen Minsk und Moskau einen neuen Tiefpunkt, wenn Russland ab dem morgigen Dienstag, wie angekündigt erstmals seit Mitte der 1990er Jahre wieder Kontrollen an der gemeinsamen Grenze einführt. Doch so verärgert sich der belarussische Herrscher gibt, so kalkulierbar war diese verbale Eskalationsstufe.

Erst im Januar hatte Belarus überraschend Besuchern aus 80 Ländern Visafreiheit für bis zu fünf Tage Aufenthalt im Land gewährt. Ein Schritt, den der Westen als lobenswerte Öffnung verstand. Seitdem hatten Beobachter auf eine Reaktion der Russen gewartet, denn damit stellte Lukaschenko die russischen Behörden unter Zugzwang. Schließlich konnten nun Ausländer ohne Visum über die offene Grenze auch nach Russland gelangen.

Russlands Reaktion ist für Lukaschenko ebenso erwartet wie willkommen, denn sie wird es dem Autokraten einfacher machen, sich international endgültig salonfähig zu machen. Seit Russland die Krim annektierte und sich mit dem Westen überworfen hat, bemüht sich Lukaschenko um ein neutrales Image. Seit 2014 hat er es geschafft, dass die EU ihre Einreisesperre gegen ihn und mehr als 150 ihm nahestehende Personen aufhob. Wahlbeobachter der OSZE lobten sogar Fortschritte bei der Parlamentswahl im September.

Gleichzeitig geht es mit den Beziehungen zu Russland seit 2014 bergab. Erst blitzte Moskau mit dem Wunsch nach einem Luftwaffenstützpunkt in Belarus ab. Dann forderte Minsk einen Preisnachlass für russisches Gas, den das Land zu Inlandspreisen, also zu 73 statt 132 Dollar pro Tausend Kubikmeter beziehen will. Weil Minsk die Zahlungen an Gazprom einseitig reduzierte, schränkte Russland als Vergeltung die Versorgung des Nachbarlandes mit günstigem Öl um etwa ein Drittel ein. Ein schmerzhafter Schlag, schließlich macht der Export von Ölprodukten etwa die Hälfte des belarussischen Handels mit der EU aus. Vor wenigen Tagen bezifferte Russlands Vizepremier Arkadi Dworkowitsch Belarus' Gasschulden auf etwa 500 Millionen Euro.

Die belarussische Wirtschaft steckt das zweite Jahr in der Krise. 2016 schrumpfte die Wirtschaft um 2,6 Prozent. Im laufenden Jahr rechnet die Eurasische Entwicklungsbank damit, dass Belarus als einziges Land der GUS in der Rezession bleiben wird. Vor diesem Hintergrund sehen Kremlnahe Experten in Lukaschnekos Westflirt vor allem gewohnte Züge seiner über zwei Jahrzehnte kaum veränderten Russlandpolitik. 

Tatsächlich hatte sich Lukaschenko, der seit 23 Jahren regiert, Mitte der Neunzigerjahre auf eine Annäherung an Moskau eingelassen, als er sich selbst noch eine große politische Zukunft in einem Unionsstaat mit Russland ausrechnete. 1997, als ein entsprechender Vertrag zwischen Belarus und der Russischen Föderation unterzeichnet wurde, war Lukaschenko einer der beliebtesten Politiker in Russland. Anders als der damalige Präsident Boris Jelzin stand er für Ordnung und verhältnismäßige wirtschaftliche Stabilität. 

Moskau bleibt stur

Doch als Wladimir Putin das Ruder übernahm, hatte Russland seinen eigenen Lukaschenko bekommen, während der belarussische Präsident das Interesse an einer Union mit Russland verlor. Jede weitere Annäherung an seinen östlichen Nachbarn hatte sich der Autokrat in Minsk von nun an stets fürstlich vergüten lassen. Sei es mit günstigen Krediten, Rohstoffen zu Schleuderpreisen oder dem Zugang zum russischen Markt. Jeder Streit, wenn Russland etwa Gaslieferungen sperrte oder den Milchimport aus Belarus untersagte, endete mit Zugeständnissen von beiden Seiten. Russland versprach Kredite, Investitionen oder Rabatte, während Belarus sich immer weiter annäherte.

Seit der Ukraine-Krise ist die Skepsis in Belarus gegenüber dem großen Nachbarn im Osten allerdings gewachsen. Das in Litauen ansässige Institut für sozialpolitische und ökonomische Studien hat bei einer Umfrage im vergangenen Juni herausgefunden, dass bei einem Referendum über einen EU-Beitritt oder eine Vereinigung mit Russland nur noch 42 Prozent sich für Russland entscheiden würden. Im vergangenen März hätten noch 48 für Russland gestimmt.

Nur ein Bluff?

Dennoch scheint sich der Kreml kaum Sorgen um den Verlust des Bündnispartners zu machen. Noch vor Wochen galt als ausgemacht, dass Russland sich beim Gaspreis bewegt und dafür einen Teil der Gasschulden bekommt. Doch Gazprom und die Moskauer Regierung bestehen auf eine vollständige Tilgung und halten am einst vereinbarten Gaspreis fest.

Bei einem ähnlichen Konflikt hatten beide Länder vor sechs Jahren noch mehr Kompromissbereitschaft gezeigt. Damals hatte Belarus am Ende der Mitgliedschaft in der von Moskau dominierten Eurasischen Zollunion zugestimmt. Das Ergebnis: Heute hängt das Land wirtschaftlich noch mehr als davor von Russland ab. So gingen 2016 fast 48 Prozent der Exporte nach Russland, während die Ausfuhren insgesamt um 13 Prozent zurückgingen.

Ein Bruch mit Russland würde das Land deshalb in eine katastrophale Krise stürzen. Dieser Umstand gibt dem Kreml viel Spielraum. Russlands sture Reaktion in Sachen Gasschulden und Grenzschließung solle Belarus zeigen, dass "Erpressung nicht mehr funktioniert", sagt Geworg Mirzajan, Dozent an der Finanzuniversität der russischen Regierung. Offenbar hält Putin, der sich bisher zu dem Thema ausschweigt, Lukaschenkos Drohungen für nicht mehr als einen Bluff.