Ein chronisches, krasses Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage hat außerdem den britischen Wohnungsmarkt zerstört. Der durchschnittliche Wohnungspreis beträgt acht durchschnittliche Jahreseinkommen – ein Rekord. Seit 1997 hat sich dieses Verhältnis verdoppelt. Immer mehr junge Menschen in London sind deshalb gezwungen, ein Zimmer mit einem Fremden zu teilen, um die Mietkosten zu senken. Wohl gemerkt, es handelt sich dabei nicht um Studenten, sondern um Arbeitnehmer.

Man kann nicht leugnen, dass die Einwanderung die Wohnungsnot in Großbritannien verschärft hat, auch wenn das nur einer von vielen Faktoren ist. Und es hilft nicht, diejenigen, die der Einwanderung die Schuld für ihre unmittelbaren Sorgen geben, als Rassisten abzutun, was zu viele im Remain-Lager getan haben. Das soll allerdings nicht heißen, dass es keine Fremdenfeindlichkeit in Großbritannien gibt. Zahlreiche Menschen haben das Referendum genutzt, um ihren persönlichen Hass an unschuldigen Litauern und Slowaken abzureagieren.

Es ist aber unwahrscheinlich, dass der Brexit diese Probleme lösen wird. Laut einer neuen Schätzung wird die Einwanderung ein Jahr, nachdem Großbritannien die EU verlassen haben wird, nur um 50.000 Menschen abnehmen – auf etwa 285.000. Großbritanniens Wirtschaft ist einfach auf die europäischen Arbeitskräfte angewiesen. Schon jetzt gebe es in einigen Branchen einen Arbeitskräftemangel, weil weniger EU-Bürger nach Großbritannien ziehen und andere nach Hause zurückkehren, heißt es in einem Bericht des Chartered Institute of Personnel and Development.

Die EU als permanenter Sündenbock

Die EU ist ebenso wenig für die britischen Infrastrukturprobleme verantwortlich. Schulen und Krankenhäuser mögen mit steigender Nachfrage kämpfen, aber sie leiden auch darunter, dass jahrelang nicht genug investiert wurde. Das Gleiche gilt für die Straßen- und Eisenbahnnetze und den Wohnungsmarkt. Sogar der ehemalige Finanzminister George Osborne, ein Konservativer, hatte 2013 eingeräumt, die staatliche Infrastruktur sei einer "kollektiven nationalen Denkweise" zum Opfer gefallen, die "das Kurzfristige dem Langfristigen vorgezogen und schwierige Entscheidungen aufgeschoben hat".

Für viele Brexiteers eignet sich die EU trotzdem als Sündenbock für alle Krankheiten in einem Land, das nie ein leidenschaftlicher EU-Befürworter war. Die rechte britische Presse ist lange mit Euromythen hausieren gegangen, sie hat die Europäische Kommission als gesichtslose, bürokratische und korrupte Institution dargestellt. Als der heutige britische Außenminister Boris Johnson in den neunziger Jahren Reporter für den Daily Telegraph in Brüssel war, lieferte er Fake-News wie die Geschichte von Jacques Delors' Pressesprecher, der so viel verdiene, dass er in einem Schloss außerhalb von Brüssel lebe. Er berichtete über EU-Vorschriften, die Chips mit Krabbencocktailgeschmack, Gurken und Kondome betrafen.

Es ist leicht, über so offensichtliche Belanglosigkeiten zu lachen, doch sie haben sich erstaunlich tief in die britische Gesellschaft eingegraben. Im vergleichsweise anspruchsvollen BBC Diskussionsprogramm Question Time sagte kürzlich eine Frau, sie habe für den Brexit gestimmt, nachdem sie eine gerade Banane im Supermarkt gefunden habe. "Ich bin der dummen Vorschriften, die aus Europa kommen, nur noch überdrüssig", sagte sie. Ein hartnäckiger Euromythos lautet, die EU-Kommission habe krumme Bananen im Supermarkt verboten.

Der Brexit ist, wie die Wahl von Donald Trump in den USA, das Symptom einer umfassenden hausgemachten Gesellschaftskrise. Und es ist ein Schritt in Richtung Nationalismus und Isolationismus.