Normalerweise tritt Carsten Kengeter ziemlich selbstbewusst auf. Doch im Moment läuft es alles andere als rund für den Vorstandschef der Deutschen Börse. Und so werden Banker, Politiker und Journalisten genau hinhören, wenn er an diesem Donnerstag die Geschäftszahlen für das abgelaufene Jahr präsentiert.

Haben ihn die Ereignisse leiser werden lassen? Hofft Kengeter weiter auf die geplante Fusion mit der britischen Börse London Stock Exchange, der nur noch wenige eine Chance einräumen? Und was sagt der Manager zu den Vorwürfen, er habe sich des Verdachts des Insiderhandels schuldig gemacht? Kengeter kaufte Ende 2015 für 4,5 Millionen Euro Aktien des eigenen Unternehmens – und das rund zwei Monate bevor die Verhandlungen über einen Zusammenschluss mit London bekannt wurden.

Die Vorwürfe stellen Kengeters Integrität infrage. Schlimmer noch: Sie könnten das Fusionsvorhaben endgültig scheitern lassen. Als die Deutsche Börse vor fast einem Jahr ihre Pläne öffentlich machte, stellte sie Kengeter als Chef des künftigen Finanzriesen ins Schaufenster. Mit ihm, so das Signal, sollen die deutschen Interessen gewahrt bleiben, selbst wenn die Holding des Konzerns wie vorgesehen an die Themse wandert. Die Kritik an diesem Detail war von Beginn an groß, sie gewann an Schärfe, als Großbritannien für den Ausstieg aus der EU stimmte. Jetzt droht obendrein auch Kengeter zu stolpern. Welche Sicherheit bliebe dem Finanzplatz Frankfurt da noch?

Aktienkauf vorschriftsgemäß gemeldet

Irritierend ist, dass es bei näherem Hinsehen fast scheint, als könnte Kengeter schuldlos schuldig geworden sein. So spricht vieles dafür, dass sein Aktienkauf kein klassisches Insidergeschäft war, bei dem einer mehr weiß als der Markt, diesen Vorsprung im Geheimen nutzt und direkt abkassiert. Vorstandsmitglieder müssen den Kauf oder Verkauf von Aktien, auch director's dealings genannt, melden und veröffentlichen – und das ist auch geschehen. Vor allem aber muss Kengeter die Aktien bis Ende 2019 halten. Das bedeutet: Selbst wenn der Kurs der Wertpapiere steigt und Kengeter schnell verkaufen und Kasse machen wollte – er kann gar nicht.

Rechtlich könnte es für den Manager trotzdem eng werden, denn ob er tatsächlich Profit macht, ist juristisch unerheblich, es zählt die Absicht. Und Neuigkeiten, die den Kurs einer Aktie erheblich beeinflussen können, galten zum Zeitpunkt des Kaufs bereits dann als Insiderinformationen, wenn "mit hinreichender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden kann, dass sie in Zukunft eintreten werden", heißt es in der relevanten Vorschrift dazu. Wer bedenkt, dass Kengeter die Aktien am 14. Dezember 2015 gekauft hat und die Verhandlungen mit London gerade einmal einen Monat später begannen, kann die Frankfurter Staatsanwaltschaft verstehen, die das als gegeben ansieht und am 1. Februar gemeinsam mit dem hessischen Landeskriminalamt die Privatwohnung des Managers in Frankfurt sowie sein Büro im nahen Eschborn filzte.

Fast eine Woche lang quartierten sich Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft in der Zentrale der Deutschen Börse ein. In einem Raum, der jeden Abend versiegelt wurde, suchten die Ermittler nach Hinweisen, wann aus der Idee für eine Fusion konkrete Pläne wurden. Bisher sprechen sie davon, dass erste Gespräche im Juli 2015 geführt worden seien. Eine Meldung des Spiegel passt da nur allzu gut ins Bild: Demnach hat Kengeter der Bundesregierung schon im November 2015 erklärt, beide Börsen seien sich im Grundsatz einig. Inzwischen liegt auch ein umfangreicher Bericht der Finanzaufsicht vor.

Hakeliger wird es bei der Frage, ob Kengeter seine Aktien nicht nur "in Kenntnis" der Gespräche gekauft hat, wie die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft, sondern auch "unter Verwendung einer Insiderinformation", wie es im relevanten Paragraphen heißt. Letzteres klingt mehr nach Motiv als nach reinem Wissen. Doch können die Ermittler Kengeter nachweisen, dass er die Aktien auch gekauft hat, weil er einen Wissensvorsprung zu Geld zu machen wollte? Oder ging es allein um ein neues Vergütungsprogramm, an dem Kengeter teilnehmen wollte, wie die Deutsche Börse sagt? "Die Vorwürfe sind haltlos", heißt es in Eschborn. Das alles wäre dann ein sehr unglücklicher Zufall.

Sicher ist nur: Carsten Kengeter hat ein Problem – ob aus Hybris, wie manche ihm nachsagen, aus Nachlässigkeit oder aus Gier. An dieser Stelle lohnt ein Blick auf das umstrittene Vergütungsprogramm. Aufgelegt wurde es im Herbst 2015 vom Aufsichtsrat der Deutschen Börse, und zwar nur für den damals gerade neuen Vorstandschef – was allein schon ungewöhnlich ist. Bemerkenswert ist aber vor allem der Umfang des Programms: Mit seiner Investition von 4,5 Millionen Euro hat sich Carsten Kengeter den Zugang zu einem Aktienpaket gesichert, das ihm im besten Fall um 20, 30 oder 40 Millionen Euro reicher machen könnte. In diesem Fall sähe selbst Martin Winterkorn alt aus, der bei VW in der Spitze 17 Millionen Euro im Jahr verdiente.