Trotz ungewöhnlich großer Unsicherheiten prognostiziert die EU-Kommission der europäischen Wirtschaft ein gutes Jahr. Die Behörde erwartet ein Wachstum in sämtlichen Mitgliedstaaten, und das nicht nur 2017, sondern in ihrem gesamten Prognosezeitraum, der von 2016 bis 2018 reicht. Das sei seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr vorgekommen, teilte die Kommission mit. Wichtigster Wachstumstreiber sei die private Binnennachfrage.

Kehrseite dürfte eine höhere Inflation sein. Die Kommission erwartet, dass die Preise in diesem Jahr mit 1,9 Prozent fast fünfmal so stark zulegen wie 2016 – vor allem wegen teurerer Energie. 2018 soll die Inflationsrate dann bei 1,5 Prozent liegen.

Für die gesamte EU erwartet die Kommission in diesem und im kommenden Jahr 1,8 Prozent Wachstum. In der 19 Staaten umfassenden Eurozone werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2017 wohl um 1,6 Prozent und 2018 um 1,8 Prozent zunehmen. Genau die gleichen Wachstumsraten – 1,6 und 1,8 – prognostiziert die Kommission auch für Deutschland. Das ist etwas mehr, als sie noch im Herbst erwartete. Die Bundesregierung war in ihrer Vorhersage Ende Januar nicht ganz so optimistisch.

"Der solide Arbeitsmarkt, robuste Exporte und der boomende Bau dürften Wachstum und Investitionen stützen", erklärte die Kommission, auf Deutschland gemünzt. "Allerdings stellt die mögliche Gefahr von Handelsbarrieren erhebliche Abwärtsrisiken dar."

Erholung in Griechenland, Italien, Frankreich

In Griechenland dürfte die Wirtschaft der Kommission zufolge im laufenden Jahr um 2,7 Prozent wachsen, im kommenden Jahr sogar etwas mehr. Die Arbeitslosenrate könnte dann auf – immer noch hohe – 20,3 Prozent sinken. Allerdings sei die Erholung des Landes davon abhängig, ob das Hilfsprogramm der europäischen Geldgeber umgesetzt werde, erklärte die Kommission. Griechenland hängt finanziell von Euro-Zone und Euro-Rettungsschirm ESM ab. Derzeit weigert sich die Regierung in Athen, die verlangten weiteren Sparpläne in Kraft zu setzen.  

In Frankreich und Italien, die beide mit Haushaltsproblemen kämpfen, bessern sich die Aussichten ebenfalls. Für Frankreich prognostiziert die EU-Kommission ein Wachstum von 1,4 Prozent im laufenden und 1,7 Prozent im kommenden Jahr. Die Arbeitslosenrate werde dann erstmals seit Jahren unter die Zehnprozentmarke fallen. In Frankreich wird in diesem Frühjahr ein neuer Präsident gewählt; in den Umfragen liegt Marine Le Pen, die Kandidatin des Front National, derzeit vorne. 

Für Italien, dessen öffentliche Haushalte mit mehr als 133 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes verschuldet sind, fällt die Prognose etwas schlechter aus. Die EU-Kommission lobte die bis April geplanten, zusätzlichen Sparanstrengungen der Regierung in Rom. In Italien könnten dieses Jahr Neuwahlen angesetzt werden und den Einfluss von Euro-skeptischen Parteien vergrößern. Das Land ringt zudem mit einer Bankenkrise.

"Außergewöhnliche" Risiken

Ihre Prognose sei aber mit "außergewöhnlichen" Unsicherheiten behaftet, erklärte die Kommission. Sie verwies dabei auf "die erwartete scharfe Veränderung" in der US-Politik nach dem Amtsantritt von Präsident Donald Trump, dessen Ausrichtung noch unklar sei, sowie "das unsichere Ergebnis der Brexit-Verhandlungen" mit Großbritannien. Auch die vielen in Europa anstehenden Wahlen sein unwägbar. 

Allerdings habe sich die Wirtschaft in Europa trotz Störungen von außen bisher als widerstandsfähig erwiesen, sagte Wirtschafts- und Finanzkommissar Pierre Moscovici mit Blick auf das Brexit-Votum. Und die erwarteten Steuersenkungen unter Trump wertete die Kommission als einen positiven Faktor. Zusammen mit einem höheren Dollarkurs und stabilem Wachstum in Schwellenländern könne dies europäischen Exporten sowohl bei Waren als auch bei Dienstleistungen "einen Schub" geben.

EU-Kommissionsvize Valdis Dombrovskis mahnte die Staaten, bei ihren Reformanstrengungen nicht nachzulassen. Angesichts der anziehenden Inflation dürften sie sich nicht zu sehr darauf verlassen, dass die für Konjunkturimpulse sorgende ultra-lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) "auf Dauer" bestehen bleibe: "Deshalb sollten Länder mit hohem Haushaltsdefizit und hohem Schuldenniveau diese weiter zurückführen, um widerstandsfähiger gegen wirtschaftliche Schocks zu werden."