Eine typische Woche im Nachbarland Frankreich: Montagnachmittag muss der konservative Präsidentschaftskandidat François Fillon erklären, warum er seine Frau Penelope rechtmäßig beschäftigt haben will. Zahlreiche Antworten blieb er schuldig, etwa, warum seine Frau zeitweise 7.000 Euro als parlamentarische Assistentin erhielt und eine zweite Angestellte nur 900 Euro. Keine zwölf Stunden später wird Nicolas Sarkozy, Ex-Präsident und erst kürzlich als Kandidat bei den Vorwahlen ausgeschieden, vor einem Pariser Gericht erscheinen. Er soll mehrere Millionen Euro mehr für seinen gescheiterten Wahlkampf 2012 ausgegeben haben als zulässig.

Sarkozy wäre nicht der erste französische Präsident auf der Anklagebank. 2011 wurde sein Parteifreund und Vorgänger Jacques Chirac zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, weil er in seiner Zeit als Pariser Bürgermeister ein System von Scheinarbeitsstellen aufgebaut hatte.

Frankreichs politische Elite wird immer wieder dabei überführt, wie sie Grenzen überschreitet und zum Beispiel ihren Familien Wohnungen im teuren Paris für wenig Geld sichert, Menschen mit fiktiven Jobs für ihre Unterstützung belohnt. Dabei ist es mehr als ein Gefühl, dass es im Nachbarland an der Spitze wesentlich korrupter zugeht als in Deutschland: Mehrere Studien belegen, dass sich Frankreichs Elite im europäischen Vergleich besonders häufig schmieren lässt.

Die NGO Transparency International führt Frankreich auf Platz 23 seines weltweiten Korruptionswahrnehmungsindexes – nur einen Platz besser als die Bahamas und weit hinter Deutschland, das auf dem zehnten Platz liegt. Auch die amerikanische Organisation World Justice Project, die Haushalte nach dem Empfinden von Recht und Rechtsstaatlichkeit befragt, setzt Frankreich auf Platz 21 von insgesamt 32 einkommensstarken Ländern. Mit negativen Folgen für die Bevölkerung: Korruption geht immer einher mit Ungleichheit in der Gesellschaft.

"Ein Fehler im System"

"Frankreich hat eine relativ hohe Korruption unter den politischen Eliten", sagt die Politikwissenschaftlerin Sofia Wickberg von der Pariser Universität Sciences Po. "Es ist nicht das Problem von einzelnen Personen, sondern wirklich ein Fehler im System." Korruption ist so verbreitet, dass sie bei den Vorwahlen der Parteien zu einem starken Thema wurde. François Fillon, konservativ und katholisch, punktete damals vor allem mit seiner bislang skandalfreien Karriere. "Können Sie sich auch nur einen Moment vorstellen, dass General de Gaulle in Untersuchungshaft gehen muss?", spielte Fillon auf den immer noch verehrten Präsidenten nach dem Zweiten Weltkrieg an – und zugleich auf die Affären seiner Konkurrenten Sarkozy und Juppé. Eine erfolgreiche Strategie: Mit überwältigender Mehrheit wurde Fillon zum Kandidaten gemacht.

Umso enttäuschter sind seine Anhänger nun, dass auch der Mann mit der angeblich so weißen Weste verdächtigt wird, seiner Frau und seinen Kindern Gehälter für Jobs bezahlt zu haben, die sie womöglich gar nicht ausgeübt haben. In wenigen Wochen sollen die Ermittlungsrichter entscheiden, ob es zu einer Anklage kommt. Das wäre ein politisches Erdbeben kurz vor den Präsidentschaftswahlen Ende April.

Geschäfte unter Freunden

Dabei holt die Konservativen nun ein, was das französische System grundsätzlich befördert: Geschäfte unter Freunden auszumachen und öffentliche Projekte unter der Hand zu vergeben. Politiker und Wirtschaftsmächtige leben zusammen in einer relativ kleinen Blase in Paris: Das zentralistische Land hat nicht wie im föderalen Deutschland beispielsweise eine Bundesbank in Frankfurt und das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, sondern alle Institutionen sind auf die Hauptstadt konzentriert. Man kennt sich untereinander – häufig schon von den wenigen Eliteuniversitäten. 

Von der Verwaltungshochschule ENA kommt immer noch die große Mehrheit der Politiker und auch Manager. "Die Elite bleibt unter sich, es ist ein sehr begrenzter Kreis an Menschen", sagt Forscherin Wickberg. So schafft es auch bei den Sozialisten immer wieder derselbe Zirkel an Leuten nach oben: Zwar zieht diesmal mit Benoît Hamon ein linker Kandidat mit radikalem Programm in den Präsidentschaftswahlkampf. Ein Außenseiter ist er trotzdem nicht. Als Student wohnte Hamon mit dem früheren Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg und Ex-Bildungsminister Vincent Peillon in einer WG – 30 Jahre später kämpften die drei kürzlich im Fernsehduell darum, von den sozialistischen Anhängern aufgestellt zu werden. Die alten Bande setzen sich von der WG-Küche bis in die Sphären der Macht fort.

Männer mit Parteikarriere

In der Folge erneuern sich die Parteien nur wenig. Bei den konservativen und den sozialistischen Vorwahlen standen vor allem Männer mit jahrzehntelanger Parteikarriere zur Wahl. Nicolas Sarkozy war Innenminister und über fünf Jahre Präsident, Alain Juppé war mehrfach Minister und schon einmal Premierminister, und der nun skandalträchtige François Fillon war jahrzehntelang Abgeordneter, Minister und schließlich Premierminister unter Sarkozy. "Wer lange Zeit an einer Position sitzt, umgeben von alten Bekannten, der ist auch eher gefährdet, dies auszunutzen", sagt Politologin Wickberg. Das sei ein zutiefst menschliches Problem: "Wir bevorteilen Personen, die wir schon kennen."

Ob Fillon die mutmaßliche Scheinanstellung seiner Familie langfristig schadet, ist trotzdem noch nicht ausgemacht. In zahlreichen französischen Städten werden selbst schon einmal verurteilte Politiker wiedergewählt, auch Juppé und Sarkozy tauchten nach Skandalen immer wieder von Neuem auf. Vielleicht haben sich die Franzosen auch über Jahrzehnte so sehr an Skandale und Korruption gewöhnt, dass sie sie nicht wirklich übel nehmen.