Wenn Manager von großen Konzernen bald ein paar Millionen Euro weniger im Jahr verdienen, dann wird es immer noch genug sein. Mit ihrer Begrenzung der Managergehälter tut die Bundesregierung so kurz vor Ende ihrer Amtszeit niemandem wirklich weh. Es ist ein Symbol: Seht her, die Soziale Marktwirtschaft lebt noch, es geht noch gerecht zu.

Dieser Schritt trägt vor allem der diffusen Wahrnehmung vieler Deutscher Rechnung, dass im großen Ganzen etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Im vergangenen Jahr empfanden in einer repräsentativen Umfrage 82 Prozent der Deutschen die soziale Ungleichheit als zu groß. Die Entwicklung der Managergehälter hatte daran Anteil. Schließlich haben sich die Gehälter der Spitzenmanager längst von jeder Verhältnismäßigkeit entfernt: 1991 verdienten Konzernlenker laut einer aktuellen Studie noch das 28-Fache eines durchschnittlichen Arbeitnehmers, heute ist es das 83-Fache. Es ist gut, dass die Politik hier eingreift.

Aber will sie Verhältnisse nicht nur symbolisch gerechter machen, müsste die Politik viel massiver und ganz woanders eingreifen: am unteren Ende der Einkommensskala.  

In 25 Jahren nichts dazugewonnen

Viele Menschen hadern mit unserem Wirtschaftssystem, weil sich auf ihren Kontoauszügen seit langer Zeit kaum etwas bewegt. Vor allem jene, die am unteren Ende der Gehaltsskala stehen, haben real in den vergangenen 25 Jahren nichts dazugewonnen. Ihr Einkommen ist sogar geschrumpft, obwohl das Wirtschaftswachstum stetig zugenommen hat. Die Einkommensschere hat sich auch insgesamt weiter geöffnet, und besonders die jüngere Generation der Arbeitnehmer unter 40 Jahren ist davon betroffen. Unter ihnen ist die Gehaltsungleichheit doppelt so groß wie unter den Gleichaltrigen in den 1970er Jahren.

Profitiert haben von höheren Löhnen in den letzten Jahren vor allem die Arbeitnehmer, die noch nach Tarifverträgen bezahlt werden. Das sind aber immer weniger. Aktuell sind 40 Prozent der Beschäftigten in Westdeutschland und sogar mehr als 50 Prozent im Osten gar nicht tariflich gebunden. Die Lohnentwicklung dieser Arbeitnehmer hinkt stark hinterher. Wenn SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz nun fordert, dass die Löhne der hart arbeitenden Menschen wieder steigen sollen, dann sollte er hier ansetzten.

Ja, in Deutschland legen nicht Politiker Löhne fest, sondern Arbeitgeber und Arbeitnehmer in Verhandlungen. Diese Sozialpartnerschaft ist der Kern der Sozialen Marktwirtschaft. Und dass dieses Gesamtsystem noch funktionert – dafür ist die Politik sehr wohl verantwortlich.

Das Einkommensniveau hoch gehalten

Das wirksamste Instrument könnte sein, die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen wieder zu stärken. Was bedeutet das? Noch bis in die 1990er Jahre war es weit verbreitete Praxis in der deutschen Wirtschaft, dass das Bundesarbeitsministerium einen Tarifabschluss zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern für eine ganze Branche als allgemeinverbindlich erklärt hat. Damit mussten also auch Unternehmen, die nicht Mitglied im Arbeitgeberverband waren, die tariflichen Löhne zahlen. Das hat das Einkommensniveau in der Bundesrepublik insgesamt hoch gehalten.

Heute verhindern die Unternehmen das oft. Im Einzelhandel beispielsweise hat das zu großen Einbußen für die Beschäftigten geführt, von denen viele unter Tarif verdienen. Das könnte die Politik ändern. Sie kann Tarifverträge als allgemeinverbindlich erklären, wenn ein öffentliches Interesse darin besteht, wirtschaftliche Fehlentwicklungen wieder zu korrigieren. Das ist in vielen Branchen heute der Fall.

Eine Regierung, die sich an diese konfliktträchtigen Tariffragen wagt, würde nicht nur Einfluss nehmen auf die Gehaltszettel einiger Millionäre. Sondern auf die Gehälter von Millionen.