Versorgt werden diese Menschen von privaten Hilfsorganisationen und den Vereinten Nationen in Lagern. Die meisten aber kommen bei Familien oder Verwandten im Nachbarland unter, oder sie leben in städtischen Siedlungen. Dort benötigen sie Trinkwasser, Gesundheitszentren und Schulen. Sie beanspruchen also eine Infrastruktur, die meist ohnehin nur unzulänglich ausgestattet ist – wenn es sie gibt.

Nicht nur deshalb wachsen auch in afrikanischen Gesellschaften oft Vorbehalte und Spannungen gegenüber Flüchtlingen. Kenia wollte das große Flüchtlingslager Daadab auflösen, weil dort somalische Terrororganisationen Gewalt stiften könnten; die Pläne liegen derzeit auf Eis. In Südafrika brandeten mehrmals Gewaltkonflikte auf. Einwanderer wurden als Konkurrenz um Jobs gesehen.

Doch einige Regierungen haben sehr liberale Integrationspolitiken. Tansania etwa nimmt schon seit den siebziger Jahren in Wellen immer wieder Flüchtlinge aus Burundi auf und hat im vergangenen Jahr fast 200.000 von ihnen eingebürgert. Uganda stellt den Familien ein kleines Stück Land zur Verfügung, damit sie sich selbst versorgen können, und sie dürfen von Anfang an arbeiten.

19 Millionen überschreiten Grenzen

Bezieht man jene Menschen ein, die auf der Suche nach Jobs oder einer Ausbildung ihr Land verlassen, so gibt es heute laut UN-Angaben insgesamt 19 Millionen internationale Migranten aus afrikanischen Staaten. Weniger als ein Viertel von ihnen lebt in Europa. Der Migrationsforscher Jochen Oltmer resümiert: "Die Länder Afrikas leisten deutlich mehr als wir."

Und das, obwohl sie meist ohnehin schon enorme interne Wanderungsbewegungen ihrer eigenen Bevölkerung bewältigen müssen. Viele Bauern entfliehen der Armut oder den knappen Ressourcen in trockenen Binnenregionen und ziehen an die Küsten. Dort erhoffen sie sich Arbeit in Häfen oder auf Plantagen. Große Städte platzen aus allen Nähten.

Die Überforderung dieses Urbanisierungsprozesses und alle anderen Krisen machen es zwar sehr wahrscheinlich, dass sich in Zukunft vor allem mehr junge Leute auch in reichere Länder aufmachen werden. Doch wie viele, das wird von einer Vielzahl von unvorhersehbaren Entwicklungen und politischen Entscheidungen bestimmt.

Viele gehen nach China

So könnte sich die Richtung der Migration in Zukunft auch stärker nach Osten ändern, wenn es dort Chancen geben sollte, Arbeit zu finden. China zum Beispiel nimmt bereits mehr Menschen aus Afrika auf als früher.

Ob sich Menschen auf den Weg machen, wird zudem davon abhängen, wie gut internationale Geber die Versorgung der Flüchtlinge in Afrika unterstützen. Die Welternährungsorganisation WFP muss ebenso wie das UN-Flüchtlingswerk UNHCR immer wieder betteln gehen und oft lange auf Zuwendungen warten, sodass die Menschen schlecht versorgt werden. Afrikanische Aufnahmeländer bräuchten auch mehr Unterstützung bei nationalen und überregionalen Migrations- und Integrationsprojekten, fordern Wissenschaftler. Eine entschlossene Klima- und Ressourcenpolitik kann Umweltmigration verhindern. Vor allem müssen ernst gemeinte entwicklungspolitische Anstrengungen und fairere Handelsregeln bessere Lebensbedingungen in afrikanischen Ländern ermöglichen.

Tatsächlich wollte auch der EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani in seinem Welt-Interview mit der 30 Millionen-Beschwörung seine Aufforderung an die Europäer unterstreichen, dass sie sich stärker für die Lösung der "zentralen Probleme in afrikanischen Staaten" einsetzen sollten. Überzeugender wären solche Appelle allerdings ohne einseitige Darstellungen und Scheinprognosen, die eher Ressentiments schüren als die Bereitschaft wecken, zu teilen.