Ein Großteil der
verarbeitenden Industrie ist verloren und kann gegen die starke Konkurrenz Kontinentaleuropas nicht zurückgeholt werden. Das
zeigt sich beispielhaft in der britischen Automobilindustrie: Nissan, Jaguar Land
Rover, BMW (Mini und Rolls-Royce), Toyota, Honda und General Motors,
McLaren, Bentley (VW) und Aston Martin beschäftigen zusammen 169.000
Mitarbeiter in Großbritannien. Die Branche produzierte im vergangenen mehr als 1,7 Millionen Autos. Nur: Wer die Produktion des Mini von BMW in der Nähe von
Oxford besucht, erlebt, wie modernste Kuka-Roboter die Autos
zusammensetzen.
Und etwa 60 Prozent der Komponenten und Halbfertigprodukte stammen aus dem Ausland, zuzüglich der Roboter, die die Autos bauen. Beim Astra sind es sogar 75 Prozent. Die britischen Zulieferer fehlen. Das ist so lange kein kein Problem, wie Großbritannien Mitglied des EU-Binnenmarktes und der Zollunion ist und die Zulieferung vom Kontinent unbürokratisch und ohne Zölle funktioniert. Können sich Großbritannien und die EU aber künftig nicht auf ein Handelsabkommen einigen, dann greifen die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO). Die Folge: Es werden zehn Prozent Zoll auf Autos und etwa 4,5 Prozent auf Zulieferteile fällig. Das würde die Branche Milliarden kosten. Nach den Regeln der WTO darf die EU Großbritannien keine niedrigeren Zölle zugestehen, ohne diese nicht auch anderen Mitgliedsstaaten einzuräumen.
Aber selbst wenn ein Handelsabkommen ausgehandelt wird, gibt es Fallstricke. Derzeit genießen EU-Produkte in vielen Ländern Zollvorteile, egal woher die Komponenten kommen. Sobald Großbritannien nicht mehr Teil der EU ist, wird sich dies ändern. Ein EU-Produkt mit einem zu hohen Anteil britischer Komponenten ist dann kein EU-Produkt mehr, genießt also nicht die EU-Vorteile in anderen Ländern. Umgekehrt gilt dies auch für Großbritannien, was dazu führen kann, dass Produzenten ihre Zulieferer wechseln. Großbritannien wird mehr britische Zulieferer brauchen. Oder es müssen Sonderabkommen ausgehandelt werden.
Erst wenn all das zuverlässig geregelt ist, wird Nissan sein Werk in Sunderland möglicherweise ausbauen, wird BMW vielleicht den neuen E-Mini in Großbritannien fertigen lassen, und wird Peugeot die Produktionsanlagen von Vauxhall in Großbritannien vielleicht nicht schließen. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie dann längst für einen anderen Standort entschieden haben.
Vieles funktioniert nur im Zusammenhang mit der EU
Die gesamte britische Wirtschaft ist von den
jetzt beginnenden Verhandlungen abhängig: Die britische Fluglinie easyJet beispielsweise verbindet
mehr Großstädte in Kontinentaleuropa miteinander als jede andere
Airline – alles im Rahmen des Einheitlichen Europäischen
Luftraumes. Eine Airline, die nicht aus der EU kommt, darf das nicht. Die
britische Landwirtschaft kann in die EU zollfrei exportieren. Kommen die Produkte aus Ländern außerhalb des EU-Binnenmarktes, werden bis zu 22,3 Prozent Zoll fällig. Platzen die Verhandlungen mit der EU, würden 90 Prozent der britischen Exporte in die EU mit Zöllen belegt, warnt der britische
Industrieverband CBI. Nicht jeder will mit dieser
Unsicherheit leben. Viele Unternehmen halten ihre Investitionspläne in Großbritannien jetzt zurück.
Großbritannien hatte immer gehofft, mit einem abwertenden Pfund als billiger Produktionsstandort Direktinvestitionen anzulocken. Das hat auch – in Verbindung mit der EU – mehr oder weniger gut funktioniert. Ein billiges Pfund ohne die EU ist vielen Investoren jedoch zu wenig. Diese Entwicklung betrifft auch den Dienstleistungssektor. Als Tony Blair und New Labour 1997 die Macht übernahmen, lautete die Parole: Die Zukunft des Landes liegt in Dienstleistungen. Hier erzielt Großbritannien auch einen Handelsüberschuss. Aber der Branche ging es in Großbritannien vor allem deshalb gut, weil das Land für Unternehmen ein Sprungbrett in die EU war.
Und nicht jeder in Großbritannien profitierte vom diesem Boom. Anspruchsvolle Dienstleistungsjobs werden in den Metropolen, vor allem in London angeboten, weniger im eher rückständigen Norden des Landes. In London konzentrieren sich nicht nur die Finanz- und Versicherungswelt, Wirtschaftsprüfer und Anwaltskanzleien, sondern auch Forschungseinrichtungen, Ministerien sowie die Film- und Medienwelt. Globale Investoren schleusen Hunderte von Milliarden Pfund über die Offshore-Zentren in den Bausektor Londons. Zudem bilden die fünf Flughäfen Londons – Heathrow, Gatwick, Stansted, Luton und der City Airport – das größte Luftdrehkreuz der Welt. Da finden viele einen Job.
Ein Großteil der
verarbeitenden Industrie ist verloren und kann gegen die starke Konkurrenz Kontinentaleuropas nicht zurückgeholt werden. Das
zeigt sich beispielhaft in der britischen Automobilindustrie: Nissan, Jaguar Land
Rover, BMW (Mini und Rolls-Royce), Toyota, Honda und General Motors,
McLaren, Bentley (VW) und Aston Martin beschäftigen zusammen 169.000
Mitarbeiter in Großbritannien. Die Branche produzierte im vergangenen mehr als 1,7 Millionen Autos. Nur: Wer die Produktion des Mini von BMW in der Nähe von
Oxford besucht, erlebt, wie modernste Kuka-Roboter die Autos
zusammensetzen.