Wie gut ein Gesundheitssystem funktioniert, merkt man meist erst, wenn man es wirklich braucht. In einer repräsentativen Umfrage der Unternehmensberatung PWC, die Anfang des Jahres veröffentlicht wurde, waren nur 15 Prozent der Befragten nicht mit den Leistungen ihrer Krankenversicherung zufrieden. Alles gut, könnte man also meinen.

Doch im politischen Berlin herrscht Unruhe. Die gesetzlichen Krankenkassen warnen vor steigenden Beiträgen. Sie erwarten, dass der durchschnittliche Zusatzbeitrag, den jeder der 72 Millionen Versicherten alleine tragen muss, von derzeit 1,1 Prozent bis 2019 auf 1,8 Prozent steigen wird. Für einen Angestellten mit einem Einkommen von 3.000 Euro bedeutet das: 252 Euro mehr im Jahr für die Krankenversicherung. Einen Preisanstieg im Wahljahr konnte Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) nur durch einen Extra-Zuschuss aus dem Gesundheitsfonds verhindern.

So kommt erneut die Diskussion auf, wie eine gute Gesundheitsversorgung für die breite Masse langfristig bezahlbar bleiben kann. In einem ist die deutsche Gesundheitsversorgung nämlich einzigartig: Hier gibt es zwei vollwertige Systeme, die nebeneinander existieren und sich um die guten Kunden balgen – die gesetzliche und die private Krankenversicherung. Doch das Nebeneinander von zwei Systemen verursacht Fehlanreize bei Versicherten und Ärzten.

Durch die private Krankenversicherung (PKV) können sich ausgerechnet wirtschaftlich starke Mitglieder unserer Gesellschaft vor einer solidarischen Finanzierung der Gesundheitsversorgung drücken. Alte, Kranke oder körperlich arbeitende Menschen haben dagegen kaum einen Zugang zur PKV. Das verhindern sowohl die Versicherer, die sich ihre Kunden aussuchen dürfen, als auch das Gesetz, das derzeit einen Mindestverdienst von 57.600 Euro im Jahr vorschreibt, um wechseln zu dürfen. Während also vermehrt die Krankheitsanfälligen im gesetzlichen System bleiben, wandern die Gesunden ab.

Privatpatienten locken Ärzte

Für Ärzte sind Privatversicherte wie das goldene Vließ. Für die gleiche Behandlung bekommen sie mehr Geld von der privaten als von der gesetzlichen Krankenversicherung. Ein Symptom dieser ungleichen Abrechnungspraxis kennt jeder gesetzlich Versicherte, der schon mal versucht hat, kurzfristig einen Termin beim Facharzt zu bekommen. Privatversicherte bekommen nicht nur schneller einen Termin, sie kommen auch schneller dran. Damit das nicht so auffällt, sitzen sie oft getrennt von den Kassenpatienten im eigenen Wartezimmer. Das Nebeneinander von zwei Systemen führt zu einer ungleichen Behandlung von Menschen, die doch dieselben Bedürfnisse haben.

Die privaten Anbieter argumentieren gerne, dass sie mit ihren höheren Honoraren dazu beitragen, das Gesundheitssystem zu finanzieren und Arztpraxen am Leben zu halten. Doch eine Studie der Bertelsmann Stiftung von 2013 zeigt, dass gerade die PKV dazu beiträgt, eine bedarfsgerechte Versorgung zu verhindern. Regionen, in denen es viele privat Krankenversicherte gibt, sind tendenziell überversorgt mit Ärzten. Dort lässt sich einfach mehr verdienen. In Regionen mit wenigen Privatversicherten fehlt es dagegen tendenziell an Ärzten.

Teure PKV

Doch auch für die Privatversicherten ist nicht alles Gold, was glänzt. Zunächst beginnt alles recht vielversprechend: Die Privaten Krankenversicherungen locken junge Gutverdiener mit günstigen Beiträgen, die sicher sind, damit nicht nur günstiger, sondern automatisch auch besser abgesichert zu sein. Ein Irrtum: Die wenigsten Privatversicherungen sichern die Grundleistungen ab, die die vermeintlich schlechteren gesetzlichen Kassen bieten. Zwar gibt es meistens eine Chefarztbehandlung, aber andere sehr wichtige Leistungen fallen bei den Privaten oft hinten runter: Bei einigen billigen Angeboten mit geringem Leistungsumfang sind Bereiche wie Psychotherapie, Kur oder Logopädie kaum mitversichert. Wer nach einem Burnout die Unterstützung eines Psychotherapeuten braucht oder nach einem Schlaganfall mit einem Logopäden das Sprechen wieder lernt, muss dann für die lange dauernde Therapie selbst aufkommen.

Solche Lücken lassen sich hinterher auch nur schwer beheben: Ein Aufstocken der Leistungen wird mit zunehmendem Alter immer schwieriger. Wer bereits Beschwerden hat, muss Risikozuschläge zahlen oder seine Krankheiten vom Versicherungsschutz ausschließen.

Die private Krankenversicherung wird zum finanziellen Risiko

Vielen ist außerdem nicht klar, dass sie ihre Kinder nicht kostenfrei mitversichern können und selbst nur schwer wieder aus der PKV herauskommen. Nicht jeder, der zur privaten Krankenversicherung wechseln darf, kann sich das auch langfristig leisten.

Denn anders als die gesetzlichen Krankenkassen orientiert sich die Private beim Beitrag nicht am Einkommen, sondern am Leistungsumfang und dem individuellen Risiko. Das bedeutet: Auch wenn das Einkommen im Laufe des Lebens sinkt, der Preis für die Krankenversicherung verringert sich dadurch nicht. Stattdessen steigt er durchschnittlich um drei Prozent pro Jahr.

Zurück ins Solidarsystem

In Zeiten, in denen durchgehende Erwerbsbiografien nicht mehr die Regel sind, wird die private Krankenversicherung zu einem finanziellen Risiko. Wer das früh genug bemerkt, dehnt die Regelungen und sucht sich einen Weg zurück in die gesetzlichen Kassen. So kommt es, dass Gutverdiener zuerst von günstigeren Beiträgen und besseren Leistungen profitieren, statt mit ihrem Beitrag die Versorgung anderer mitzutragen. Sobald es finanziell eng wird, retten sie sich aber zurück in das Solidarsystem, an dem sie sich nicht beteiligen wollten.

Doch einige kommen zu spät: Ab 55 Jahren gibt es keinen Weg zurück in die gesetzliche Krankenversicherung. Also bleiben sie in der privaten Krankenversicherung und versuchen, den Beitrag zu senken. Das zeigen die Statistiken der privaten Krankenversicherer. Laut PKV Verband waren 2015 fast 75.000 Menschen im Basis- oder Standardtarif versichert. Diese Tarife sind ein Sicherheitsnetz für alle Versicherten, denen die Beiträge über den Kopf wachsen. Während aber in der GKV der Beitrag sinkt, wenn auch das Einkommen niedrig ist, zahlen die privat Versicherten beispielsweise im Basistarif den gleichen Preis wie die leistungsstärksten Beitragszahler in der GKV. Für 683 Euro im Monat bekommen Privatversicherte dann doch nur Kassenleistungen.

Wer ohnehin knapp bei Kasse ist, wird von der Krankenversicherung zusätzlich belastet. Sie wird zum Armutsbeschleuniger: Wenn es ganz schlimm kommt, landet man im Notlagentarif, bis man seine Beiträge wieder bezahlen kann. 116.000 Menschen waren 2015 dort versichert. Sie erhielten nur eine medizinische Versorgung in absoluten Notfällen. Gebrochene Arme, ein Herzinfarkt oder eine Entbindung sind dort versichert. Erst beim Bezug von Arbeitslosengeld II beteiligt sich das Jobcenter an den Beiträgen zur Krankenversicherung.

Wenn sie denn könnten, würden sicher viele dieser Menschen wieder in die gesetzliche Kasse wechseln. Wie vielen Versicherten dies ein Anliegen ist, könnte auch eine weitere Zahl zeigen: Im vergangenen Jahr wurde unser Finanztip-Ratgeber zum Thema "Rückkehr in die GKV" mehr als 210.000 Mal aufgerufen.

Natürlich ist auch die gesetzliche Krankenversicherung kein perfektes System, es gibt an verschiedenen Stellen Reformbedarf. In den nächsten Jahrzehnten kommen auf unsere Sozialkassen die Herausforderungen des demografischen Wandels zu. Aber es ist eine Frage der Gerechtigkeit und Solidarität, dass wir die Rosinenpickerei der privaten Krankenversicherung beenden. Die wirtschaftlich Starken unserer Gesellschaft sollten an der Finanzierung einer bezahlbaren Gesundheitsversorgung beteiligt werden, anstatt sich herauskaufen zu können. Eine Bürgerversicherung hat das Potential, langfristig eine gerechte und gute Krankenversicherung zu ermöglichen. Dabei geht es um eine umfassende und qualitativ gute Grundversorgung.

Wer sich darüber hinaus eine bessere Gesundheitsversorgung leisten kann und möchte, wird das auch in Zukunft können: Mit privaten Zusatzversicherungen. Zahnzusatzversicherung, Chefarztbehandlung oder die Privatklinik sind so für Gutverdiener weiterhin zugänglich. Das ist bereits heute möglich und hat außerdem den Charme, den privaten Krankenversicherungen ein Geschäftsfeld offenzuhalten: Sie könnten dann einfach die "Bürgerversicherung plus" anbieten.