ZEIT ONLINE: Frau VanGenderen, Herr Nordstrom, Sie beide haben ihr ganzes Berufsleben dem Kampf für Umwelt- und Klimaschutz gewidmet. Wie groß ist Ihr Frust über die neue US-Regierung?

Heidi VanGenderen: Ich arbeite seit mehr als 30 Jahren zu diesen Themen. Das verschafft mir ein wenig Gelassenheit. Jede Präsidentschaft ist vorübergehend – und weil ich für einen Präsidenten der USA gearbeitet habe, kann ich das beurteilen. Wenn Donald Trump wirklich so schlimm ist, dann haben wir einen Mechanismus, der heißt Wahl. Er wird greifen.

Rolf Nordstrom: Ich bin nur Vater, kein Großvater. Aber ich versuche ebenfalls, eine langfristige Perspektive einzunehmen. Ich glaube an unser System der Checks and Balances, und ich glaube, Präsident Trump entdeckt gerade, dass es eine Gerichtsbarkeit gibt und was das bedeutet.

Andererseits ist der Klimawandel dringend, und um ernsthaft etwas gegen ihn zu unternehmen, bleiben uns nur noch rund zwei Dekaden. Persönlich bin ich also frustriert, aber ich bin auch ein Optimist. Natürlich würde ich mir wünschen, dass Donald Trump die Klimawissenschaft ernst nehmen und etwas gegen die Erderwärmung tun würde. Aber ich sehe auch viele Impulse für den Klimaschutz in anderen Teilen der Gesellschaft.

ZEIT ONLINE: Die USA scheinen politisch sehr gespalten. Gibt es einen Dialog zwischen den gegnerischen Positionen?

Nordstrom: Eher nicht – und das ist ein Grund, warum meine Organisation, das Great Plains Institute, so arbeitet, wie wir es tun. Wir suchen uns eine schwierige Energiefrage. Dann identifizieren wir alle Gruppen entlang des ganzen politischen Spektrums, die ein Interesse an ihr haben, und die gehört werden müssen, um die Frage zu lösen. Bildlich gesprochen schließen wir sie dann in ein Zimmer ein und sehen, ob wir einen Konsens vermitteln können. Andere Organisationen betreiben so etwas wie Bürgerjurys, die aus ganz normalen Leuten bestehen. Die Idee ist, eine Brücke zu schlagen. Einen Raum zu schaffen, in dem Leute mit ganz unterschiedlichen Lebenserfahrungen, Weltsichten und finanziellen Interessen zusammenkommen können, damit sie am Ende eine Einigung erreichen. Läuft es gut, finden sie Lösungen, die einzelne Interessengruppen nie gefunden hätten.

Wenn ich Präsident Trump um eine einzige Sache bitten könnte, dann wäre es dies: solche Gespräche zu fördern. Ich glaube nicht, dass er das tun wird, es entspricht ihm nicht. Aber wäre ich Präsident, würde ich das tun.

VanGenderen: Macht Rolf zum Präsidenten! Das wird wohl nicht passieren. Das Interessante an Trump ist ja, dass er lange ein moderater Demokrat war, der sogar einen Aufruf für mehr Klimaschutz unterzeichnet hat. Womöglich bedeutet das, dass er in Wahrheit – entgegen seiner jüngeren öffentlichen Äußerungen – an den Klimawandel glaubt. Wenn man das zurückbringen könnte ...

ZEIT ONLINE: Überhaupt lässt sich nur schwer unterscheiden, wie viel an Präsident Trumps Äußerungen bloße Rhetorik ist – und was einen reellen Hintergrund hat. Geben Sie uns einen Überblick? Was hat seine Regierung bisher in der Energie- und Klimapolitik tatsächlich getan, und was ist zu erwarten?

VanGenderen: Wir können nichts vorhersagen. Aber er hat Personen in wichtige Ämter berufen, die zeigen könnten, welche Richtung die neue Regierung einschlagen wird. Der neue Chef der Umweltbehörde EPA ist Scott Pruitt: ein Mann, der die EPA 14-mal verklagt hat, als er noch Generalstaatsanwalt von Oklahoma war, und der angekündigt hat, das Budget und die Zahl der Angestellten der Behörde deutlich zu senken. Der neue Energieminister ist Rick Perry. Innenminister ist Ryan Zinke, der angekündigt hat, öffentliches Land schützen zu wollen. Wie gut das zu der Absicht von Präsident Trump passt, öffentliches Land für die Förderung fossiler Energieträger zu öffnen, muss man sehen.

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ZEIT ONLINE: Medienberichten zufolge will das Weiße Haus die Zahl der Angestellten bei der EPA um ein Fünftel kürzen und Dutzende Programme streichen, um das gesparte Geld dann für Investitionen ins Militär zu nutzen. Was sagen Sie dazu?

Nordstrom: Der Klimaschutz sollte nicht für Investitionen in die nationale Sicherheit aufgegeben werden, im Gegenteil: Wenn die Regierung in Washington eine starke Rolle darin spielte, die akute Bedrohung des Klimawandels zu verstehen und etwas dagegen zu unternehmen, dann sollte das als wichtiger Beitrag zu unserer langfristigen nationalen Sicherheit gesehen werden. Das US-Militär hat das seit längerer Zeit begriffen: Der Klimawandel multipliziert die Bedrohungen. Wenn wir das ignorieren, bringen wir uns alle in Gefahr.

Der Klimawandel multipliziert die Bedrohungen. Wenn wir das ignorieren, bringen wir uns alle in Gefahr.
Rolf Nordstrom

VanGenderen: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Ich kann nur der früheren EPA-Chefin Gina McCarthy zustimmen. Sie hat erklärt, unter diesen Kürzungen könne die Behörde die öffentliche Gesundheit nicht mehr schützen. Und ich fand es ermutigend, dass der republikanische Abgeordnete Mike Simpson gesagt hat, der Kongress werde Kürzungen in diesem Ausmaß wohl nicht zustimmen. Ich hoffe, dass am Ende des Gesetzgebungsverfahrens eine durchdachtere Version des Budgets steht, die auf besseren Informationen beruht.

ZEIT ONLINE: Kommen wir zurück zur konkreten Politik. Was hat die neue Regierung nun bereits getan?

VanGenderen: Sie hat den Congressional Review Act genutzt, das ist eine Verordnung, die besagt, dass Präsident und Kongress – wenn sie sich einig sind – Bundesrecht innerhalb von 60 Tagen nach dessen Inkrafttreten widerrufen können. Das heißt, sie können Regeln aus den letzten 60 Tagen der Obama-Regierung angreifen.

ZEIT ONLINE: Welche Regeln sind das?