Dieser Text ist ein Auszug aus Alexander Hagelükens Buch "Das gespaltene Land".

Jemand hat blütenweiße Wolken auf den Himmel über Berg-Kempfenhausen gemalt. Rechts von der Straße leuchtet der Starnberger See. Links erheben sich hinter Hecken und diskreten Kameras grandiose Villen, gern in Ockergelb. Hier möchte man wohnen. Die Bewohner pflegen ein entsprechendes Selbstverständnis. Wer eine Stunde entlang der Seestraße in Berg spaziert, begegnet gleich mehreren Limousinen mit dem Nummernschild STA-R. Die Botschaft ist klar: Hier ist jeder ein Star.

Die Orte um den See sind das Revier von Carmen Gottschalk. Die Luxusmaklerin legt Wert auf die Feststellung, ihre Klientel sei keineswegs geltungsbedürftig. Am See siedelten Familien, die ihre Kinder normal aufwachsen lassen wollten. "Das ist keine Champagnergesellschaft", beteuert Gottschalk. "Man ist sehr downgesized und möchte es auch sein."

Wenig downgesized sind die Summen, die um den See herum bewegt werden. Die Preise von Grundstücken in guten bis sehr guten Lagen haben sich binnen fünf bis zehn Jahren mehr als verdoppelt. Gerade hat Gottschalk das Anwesen einer Familie für mehrere Millionen verkauft, Minimum doppelt so teuer wie beim Erwerb. Am anderen Ufer bietet sie ein Objekt als "Villenhälfte" an, das anderswo in Deutschland Doppelhaushälfte hieße. Nur dass es anderswo vermutlich weder Natursteinterrasse noch frei stehende Badewanne hätte – und auch keine 1,4 Millionen Euro kosten würde. Der Verkäufer, ein internationaler Manager, hat in der Nähe für mehr als eine Million Euro ein Grundstück mit Seeblick erworben. Darauf war nur ein Haus mit läppischen 70 Quadratmetern genehmigt. Also arbeitete er ein paar Jahre daran, dass die Behörden den Plan änderten. Wer beim Immobilien-Monopoly rund um den Starnberger See mitspielt, kann es sich leisten, eine Million jahrelang herumliegen zu lassen.

Alexander Hagelüken ist Leitender Redakteur Wirtschaftspolitik bei der Süddeutsche Zeitung © privat

Völlig anders wird im Rathaus von Pirmasens gerechnet, Deutschlands höchstverschuldeter Stadt, in der jedes dritte Kind unter 15 von Hartz IV lebt. Bürgermeister Bernhard Matheis kalkuliert ganz vorsichtig, wenn es um sein Förderprojekt für sozial schwache Familien und ihre Kinder geht. In seinem Büro im Rathaus würde es der Bürgermeister schon für einen Erfolg halten, wenn jedes vierte betreute Kind überhaupt eine Ausbildung schafft.

In ihrem Büro in Berg-Kempfenhausen wartet die Maklerin Carmen Gottschalk darauf, dass die nächsten Anfragen hereinkommen. Vielleicht für den "repräsentativen Familien und Firmensitz" für 3,3 Millionen? Oder den "Meister der Form – Villa in Bestlage Starnberg" für 3,85 Millionen? Oder doch für das "Meisterstück für Wohnästheten und Autoliebhaber" für 8,4 Millionen?

Geld war immer da in Deutschland, aber seit einiger Zeit entwickelt sich das Land auseinander. Das Vermögen der oberen 20 Prozent stieg nach der Jahrtausendwende deutlich, während die unteren 30 Prozent nichts haben oder sogar Schulden. In keinem deutschen Landkreis sind die Bewohner so kaufkräftig wie in Starnberg: Jeder hat monatlich knapp 3.000 Euro zum Ausgeben, fast doppelt so viel wie ein Durchschnittsdeutscher. In Pirmasens sind es noch weniger.

© Droemer Knaur Verlag

Das Starnberger Landratsamt residiert an der Strandbadstraße. Es räumte mit seinem japanischen Baustil Architekturpreise ab und liegt an einem Kanal wie Klein-Venedig. Landrat Karl Roth empfängt den Besucher freundlich. Der frühere Kripobeamte wirkt unprätentiös.

Wenn Roth auf andere Landräte aus Bayern trifft,  gucken die ihn manchmal auf bestimmte Weise an. Ja, der aus Starnberg. Sie müssen Schulen zusammenlegen und Schwimmbäder schließen. Die örtliche Klinik macht  zu, der Bus fährt nicht  mehr. "Deine Probleme möchte  ich haben", sagen  sie zu Roth. Roth erwidert, dass er eben andere Probleme hat. Das Anspruchsdenken mancher Landkreisbewohner etwa. Viele melden sich gleich, wenn ihnen eine Kleinigkeit nicht passt. "Die rühren sich massiv." Und wollen direkt mit dem Landrat sprechen. Wenn einer zehn Jahre mit Blick auf die Zugspitze wohnte, soll das so bleiben, da soll bloß kein anderer bauen. In keinem anderen Landkreis gibt es so viele Klagen wegen Bauplänen, entweder von Bauherren oder Anwohnern.

Roth weiß natürlich, dass andere Landräte trotzdem gern mit ihm tauschen würden. Und er tut gemeinsam mit seinem Wirtschaftsförderer Christoph Winkelkötter eine Menge, um die Wirtschaftskraft im Landkreis zu halten. Schnelles Internet, flächendeckend Kitas, Ortsumfahrungen. Der Landkreis hat im vergangenen Jahrzehnt noch mal richtig Schwung aufgenommen: Zehntausend neue Arbeitsplätze, ein sagenhaftes Drittel mehr. Darunter viele Premium-Stellen in Forschung und Entwicklung. Gern erzählt Roth von hidden champions, die weltweit Erfolg haben, ob mit Satelliten, Entgiftungsanlagen oder Medizindisplays. Den Verantwortlichen gelang es auch, die Attraktivität des Landstrichs an den Seen nahe der Alpen zu bewahren. Zwischen den Ortschaften gibt es viel Grün statt Zersiedelung, in  den Orten Geschäfte statt Discounter außerhalb. Deshalb ziehen weiter die Reichen und Schönen her. Deshalb wohnen hier Schlagersternchen und  Industrielle genauso wie der Philosoph Jürgen Habermas.

Die Selbstbedienung der Manager passt zur Ära

Im Landkreis Starnberg lässt sich studieren, wer von den wirtschaftlichen Trends der Epoche profitiert. Anfang der 90er Jahre exportierten deutsche Unternehmen erst 20 Prozent aller Produkte, inzwischen ist es fast die Hälfte. Viele deutsche Unternehmen machten mit der Globalisierung ihr Glück. Das hilft dem gesamten Land. Eigentümer und Gutverdiener aber profitieren von Internationalisierung und Gewinnexplosion besonders. Im Landkreis Starnberg entstehen hoch bezahlte Stellen. Und wer in München hoch bezahlt wird, zieht gern raus. Carmen Gottschalk verkauft inzwischen acht von zehn Immobilien an Zugereiste. Meist waren sie zuvor schon ein paar Jahre für deutsche Firmen im Ausland tätig und können eine oder mehrere Millionen lockermachen.

Manager verdienen heute drastisch viel mehr als früher. "Millionenvergütungen für Topmanager waren vor noch nicht allzu langer Zeit eher die Ausnahme", analysiert der langjährige Topmanager Manfred Lange und verrät die Kniffe seiner Kollegen: Oft wird die Supergage mit dem Hinweis durchgesetzt, der Betreffende könnte sonst in die USA abwandern, wo häufig zweistellige Millionensummen fließen. Tatsächlich wandert kaum einer in die USA ab. Die Vielverdiener maximieren einfach ihr Gehalt in Deutschland. Dax-Vorstände verdienen 57-mal so viel wie ihre Mitarbeiter. Der frühere Porsche-Chef Wendelin Wiedeking verdiente in einem einzelnen Jahr dank Gewinnbeteiligung 100 Millionen Euro, dafür muss ein Durchschnittsverdiener etwa 3.000 Jahre arbeiten. Selbst als Wiedeking geschasst wurde, sollte er als Abfindung 3.500 Durchschnittsverdiener-Jahre erhalten. Nach dem Protest von Gewerkschaftern im Aufsichtsrat erhielt er nur 1.300 Jahre.

Die Selbstbedienung der Manager passt zu der Ära, die das Land nach Dekaden der Annäherung scharf teilt. Der Anteil der Löhne am Volkseinkommen kletterte in Deutschland bis in die 80er Jahre auf nahezu 80 Prozent. Inzwischen fiel er dank starker Kapitaleinkünfte dauerhaft unter 70 Prozent. In Deutschland klaffen Reich und Arm weiter auseinander als in anderen Industriestaaten, stellt die OECD fest. Das Vermögen ist so ungleich verteilt wie nirgends in der Eurozone, deren wirtschaftlicher Motor Deutschland doch ist. Wer keinen höheren Schulabschluss schafft, besitzt signifikant weniger als ein Uniabsolvent – so groß sind die Unterschiede nach Bildung sonst nur in den USA. Ob die einen sehr viel besitzen und die anderen nichts, bedeutet  wenig, denn jeder hat sein Schicksal in der Hand – das würden Konservative gern glauben machen.

"Es gibt keinen Zweifel darüber, welchen Einfluss Reichtum hat", widersprechen die Forscher der OECD, "sowohl durch Gestalten der persönlichen Lebensumstände durch Kapitaleinkünfte wie als breite sozioökonomische Kraft". Kapitaleinkünfte vergrößern die Ungleichheit der Einkommen in Deutschland doppelt so stark wie vor ein paar Jahren. Und: "Die Kapitaleinkünfte, die durch die Konzentration des Vermögens entstehen, werden die Ungleichheit weiter vergrößern."

Es gibt neben den Trends zur Ungleichheit auch historische Gründe, die erklären, warum das Vermögen in der Bundesrepublik so ungleich verteilt ist. Zum Beispiel macht eine außergewöhnliche Zahl von Familienfirmen ihre Eigner reich. Zum Beispiel stießen mit der Wiedervereinigung Millionen Ostdeutsche mit wenig Besitz dazu. Zum Beispiel legt die große Masse der Bürger ihr Geld schlecht an. Wie immer diese Einflüsse zu gewichten sind: Klar wird aus alldem, dass die extreme Ungleichheit der Vermögen für die Politik schon lange eine große Aufgabe darstellt. Sie ist daran nicht etwa gescheitert. Sie hat die Ungleichheit durch ihre Entscheidungen signifikant vergrößert.

Sie tut das, seit Ronald Reagan und Margaret Thatcher in den 80er Jahren ihre neoliberale Revolution ausriefen – und weniger Staat, weniger Einfluss für Gewerkschaften und weniger Steuern für Reiche forderten. Seitdem wurden die Steuern für Topverdiener und Reiche gewaltig gesenkt. So lag der amerikanische Spitzensteuersatz auf Gehälter in den 30 Jahren vor Reagans Amtsantritt im Schnitt bei 75 Prozent. In den 30 Jahren danach war er nur noch halb so hoch. Diesem Signal wollten oder mussten die anderen Industriestaaten folgen. In Deutschland wurde der Spitzensteuersatz um ein volles Viertel auf 42 Prozent gesenkt. Zu den Profiteuren der staatlichen Maßnahmen gehören auch Kapitalbesitzer: Die Bundesregierung besteuert  Dividenden und Zinsen nur noch mit 25 Prozent. Millionäre halbierten ihren Steuersatz.

Schien der Neoliberalismus zunächst als Reaktion auf die Wirtschaftsflaute der 70er Jahre verständlich, hat er sich längst zu einer Kraft verselbstständigt, die Reiche reicher und Mächtige mächtiger macht. Der von Thatcher ausgerufene people's capitalism verkam zum rich people's capitalism. Dabei wachsen die Industriestaaten seit den 70er Jahren nur schwach. Der Liberalismus gibt jenen, die schon haben. Die reichsten zehn Prozent der Deutschen halten ihre Hand auf mehr als 60 Prozent des gesamten Reichtums. "Am anderen Ende hat mehr als die Hälfte der Bevölkerung kaum etwas oder ist sogar verschuldet", konstatiert Verteilungsforscher Markus Grabka. Die Hälfte der Menschen in Europas stärkster Wirtschaft besitzt so gut wie nichts – zwischen höchstens 17.000 Euro  und Schulden.

Wer Vermögen hat, erhält daraus Einkommen. Er kann in die eigene Qualifikation investieren und seine Kinder unterstützen. Er kann einen Puffer für berufliche Schwierigkeiten und persönliche Schicksalsschläge einsetzen und sein Alter angenehmer gestalten. Wer nichts hat, kann das alles nicht.

Während die Hälfte der Deutschen so gut wie nichts besitzt, dürfen Firmen dank der neoliberalen Steuersenkungen mehr von ihren Gewinnen behalten. Gleichzeitig schieben sie in der globalen Ära Gewinne so lange zwischen Länderfilialen herum, bis die ohnehin niedrige Steuer minimiert ist. Statt das zu stoppen, jagen sich die Regierungen im Zeichen liberalen Wettbewerbs die Firmen gegenseitig ab. In Europa profilieren sich etwa Irland, Luxemburg und die Niederlande beim Steuerdumping – zulasten normaler Arbeitnehmer, die ihren Lohn nicht vor der Steuer wegzaubern können, dafür aber die Tricks der Firmen mit ihren Steuern ausgleichen müssen. Das zeigt sich an der Forderung der EU-Kommission an Apple, 13 Milliarden Euro Steuern nachzuzahlen, die der Konzern durch Deals mit Irland sparte: Mit dieser Summe ließe sich das gesamte irische Gesundheitssystem ein Jahr lang finanzieren.

Zur Steuer-Bonanza kommt, dass die Liberalisierung Geldverdienen gefährlich erleichtert. Die Deregulierungslogik von Reagan und Thatcher entfesselte die Wirtschaft.

Und dabei keine Branche so stark wie die Finanzbranche. Die Geldhäuser jonglieren mit Billionen, die einem Vielfachen realer Waren entsprechen.

Nackter konnte sich eine Kultur der Gier nicht entblößen

Etwas  vom Starnberger See entfernt, mit teurem Blick darauf, logiert ein Banker-Paar, das sich in den Nullerjahren zur Ruhe setzte – mit Mitte 40. Sie haben ihr Vermögen angesammelt, als in den entfesselten Banken die Gewinne durch die Decke  schossen. Geldhäuser zahlten Millionenboni für die höheren Angestellten. Für ihre Arbeitgeber gingen die beiden von Frankfurt nach London.

"Es war eine schnelle Zeit", sagt sie.

Die beiden geben für den guten Zweck, sie unterstützen Ärzte ohne Grenzen. Sie erzählen davon, ohne Aufhebens zu machen. Es ist eben etwas, was sie tun, weil sie es können. Als die Geschäfte ihrer Branche 2008 die schlimmste Rezession seit 80 Jahren auslösten und damit Millionen Stellen vernichteten, war es die Allgemeinheit, die den Schaden hatte. Wer wie die Banker mit Seeblick Millionen verdient hatte, musste davon keinen Cent zurückerstatten. Spricht der Besucher das an, wird die Stimmung eisig. Es ist das Zeichen dafür, das von einem Bekannten vermittelte Gespräch zu beenden. "Wir sind nach privatwirtschaftlichen Verträgen bezahlt worden und niemandem Rechenschaft schuldig", sagt die Bankerin brüsk.

Das Geschäftsmodell ihrer Branche war darauf aufgebaut, dass beim Crash die Allgemeinheit haftet. Die Steuerzahler zahlten Hunderte Milliarden Euro für Konjunkturpakete gegen die Not. Und allein in Europa 1,6 Billionen Euro an Hilfen und Garantien für die Geldhäuser.

Diese Summe entspricht zwei Dritteln des Jahreslohns aller Deutscher. Und trotzdem durften die Herren des Geldes ihre Millionenboni behalten? Nackter konnte sich eine Kultur der Gier, die die Gesellschaft als Geisel nimmt, nicht entblößen. Deshalb hätte die Kernschmelze der Finanzkrise erwarten lassen, dass der Vulgär-Liberalismus abdanken muss. Stattdessen prägt er weiter die Politik. Viele Banken sind seit der Finanzkrise noch größer und damit noch gefährlicher geworden. Alle Vorschläge, sie zu zerschlagen oder die risikoreichen Geschäfte in separat haftende Einheiten abzuspalten, wurden vereitelt. Der Liberalismus setzte sich durch. Die nächste Finanzkrise bezahlt wieder die Allgemeinheit.

Der Liberalismus boxt auch weiter eine Begünstigung der Reichen durch, obwohl die mit der wachsenden Ungleichheit längst zum Stachel im Fleisch der vielen Besitzlosen wurde. Seit 20 Jahren gibt es in der Bundesrepublik keine Vermögensteuer. Auf die 200 bis 300 Milliarden Euro, die jährlich vererbt und verschenkt werden, werden gerade mal fünf Milliarden Steuern bezahlt. Das entspricht einem Steuersatz von zwei Prozent – davon kann ein Geringverdiener nur träumen. Profiteure sind die zwei Prozent Reichsten, die ein Drittel der Erbschaftssumme hinterlassen, während sehr viele Bundesbürger nichts oder kaum etwas vererben.

Trotz dieser eklatanten Differenzen setzten die Familienunternehmer 2016 nach eineinhalb Jahren Lobbykampf durch, dass sie ihre Firmen weiterhin weitgehend steuerfrei vererben. Und das, obwohl Bundesverfassungsrichter die Privilegien kassiert hatten. In den vergangenen Jahren bekamen etwa 100 Kinder unter 14 Jahren steuerfrei Firmen im Wert von 30 Milliarden Euro übertragen, ohne dafür irgendeine Leistung erbracht zu haben. Für jeden waren das 320 Millionen Euro. Diese schönen Privilegien sind nun für die Zukunft gesichert.

Falls es noch eines Beweises bedurfte, hier ist er: Der Neoliberalismus regiert trotz der Finanzkrise einfach weiter. Während Millionenfirmen steuerfrei vererbt werden, rangieren Aufstiegschancen von Normalbürgern auf der Agenda ganz unten. In Deutschland sind die Vermögen so ungleich verteilt wie nirgends in der  Eurozone – und das soll bitte so bleiben. Der Neoliberalismus ist mittlerweile so mächtig, dass er keiner FDP im Bundestag mehr bedarf.

Während die Vermögenden entlastet werden, leisten Normalverdiener in Deutschland im internationalen Vergleich hohe Abgaben. Die Renten wurden kaum an die Löhne angepasst, nach Inflation sanken sie seit der Jahrtausendwende um bis zu 15 Prozent. Sozialleistungen wurden ebenfalls kaum angepasst und teilweise reduziert. Wer länger ohne Stelle ist, bekam vor 20 Jahren im Schnitt 75 Prozent des früheren Nettoeinkommens als Arbeitslosengeld. Heute sind es 61 Prozent. Wer auf Hartz IV abstürzt, hat nur 400 Euro im Monat.

Der Vergleich mit anderen Industriestaaten zeigt, dass die Bundesrepublik die Reichen besonders schont, während sie die Armen bedrängt. Steuern auf Vermögen machen weniger als ein Prozent der Wirtschaftsleistung aus, halb so viel wie im Schnitt der OECD-Staaten.

Solche Widersprüche beginnen den Rest der Gesellschaft zu ärgern. Genauso wie die Logik, wonach die Globalisierung höhere Gehälter für die Manager, aber Bescheidenheit für die übrigen Arbeitnehmer erzwingt. "Auch die Globalisierung wird gern als Begründung für höhere Managereinkommen herangezogen", berichtet der Topmanager Manfred Lange. "Umgekehrt muss sie als Grund herhalten, wenn Mitarbeitern höhere Lohnabschlüsse verweigert werden. Wegen dieser und anderer Ungereimtheiten, wegen der Auswüchse des verhassten 'Finanzkapitalismus' und wegen der Steuertricks vieler Vermögender kann es nicht verwundern, dass der Normalbürger immer stärker daran zweifelt, ob die Erfolge unserer Marktwirtschaft wirklich gerecht verteilt werden." Während Vorstände der DAX-Konzerne 57-mal so viel verdienen wie ihre Mitarbeiter, zahlen nur halb so viele Firmen Tariflohn wie vor 20 Jahren.

Gewinnexplosion, Millionen für Manager, Steuersenkungen für Reiche und  ein kargerer  Sozialstaat: Aus diesem Mix entsteht Ungleichheit.

Es ist wichtig, zu verstehen, dass die Politik diese Entwicklung bewusst hinnimmt. Bis zur neoliberalen Revolution von Reagan und  Thatcher verteilten die Regierungen so von oben nach unten um, dass die Ungleichheit abnahm. Seither nimmt sie zu. "Die unmittelbaren Nachkriegsjahrzehnte waren für die europäischen Wohlfahrtsstaaten  eine erfolgreiche Zeit. Doch in allen Ländern geht das Wettrennen am Ende verloren", resümiert der Ökonom Tony Atkinson. "Generell kam es zu einem Abbau der Umverteilungspolitik mit sehr nachteiligen Konsequenzen für die Einkommensverteilung."

"Wer hier eine Immobilie kauft, soll damit Geld verdienen"

Dass die Politik die zunehmende Ungleichheit nicht als Missstand begreift, ist angenehm für jene, die die Früchte ihres Reichtums unbehelligt genießen. Und diskret. Diskretion ist wichtig, auch im Landkreis Starnberg. Knapp die Hälfte der Immobilien, die Carmen Gottschalk anbietet, erscheinen nie auf ihrer Website. Da muss keiner von erfahren. "Sie sehen hier Häuser, da denken Sie, das hat nicht so viel gekostet", sagt sie. "In Wahrheit hat es doppelt so viel gekostet."

Wie groß manche Villen am See sind, erfährt ein normaler Besucher nie, sagt der Arzt Rüdiger Kuntz, der hier mehr als 30 Jahre praktizierte. "Da müssen Sie sich schon verdammt gut auskennen. Da müssen Sie mit dem Boot vorbeifahren. Dann sind die Grundstücke so groß, dass Sie das Haus gar nicht sehen."

Mitte der 90er Jahre, erinnert sich Kuntz, gab es beim Reichtum noch mal einen Schub. In Deutschland gingen die Einkommen auseinander. Zu Kuntz in die Praxis kam ein begüterter Patient, der sich ganz schnell untersuchen lassen wollte. Er müsse rasch weg, in der Toskana ein altes Kloster kaufen.

Willkommen zum Monopoly rund um den See. "Wer hier eine Immobilie kauft, soll damit Geld verdienen", sagt die Maklerin Gottschalk. "Wer hier Immobilien verkaufte, hat riesige Gewinne gescheffelt", sagt der Arzt Kuntz. Am Immobilien-Monopoly können manche teilnehmen, andere nicht. Die Kinder des höchsten politischen Vertreters im Landkreis etwa. Bevor das Monopoly richtig begann, konnte sich der Polizeibeamte Karl Roth 1980 ein Grundstück in Andechs leisten, dem Ort des bekannten Klosters und des noch bekannteren Biers. Der Quadratmeter kostete 100 Mark. Inzwischen ist für unter 600 Euro nichts mehr zu haben, sagt der heutige Landrat Roth. Seine Kinder zogen weg.

Der Arzt Rüdiger Kuntz erlebte viele Patienten, die sich Starnberg nicht mehr leisten konnten, nachdem sie in Rente gingen. Menschen, die ihr ganzes Leben im Ort verbracht hatten. Die Lebenshaltungskosten machen Normalverdienern zu schaffen, Kindergärtnerinnen, Sachbearbeitern des Landratsamts. Viele arbeiten abends nebenbei im Sonnenstudio oder an der Tankstelle. Der Landrat lässt bezahlbare Wohnungen bauen. Doch ihn sorgt, dass das nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist.

Das Immobilien-Monopoly macht auch anderswo Vermögende reich und grenzt Schwächere aus, in vielen Städten, in München, Frankfurt und Berlin.

Zum Monopoly gehört, Kostbarkeiten ungeschmälert zu genießen. Wenn eine Villa mit Zugang zum Starnberger See verkauft wird, hat die Gemeinde ein Vorkaufsrecht auf den Seestreifen, um ihn vielleicht der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Verkäufer taxieren deshalb den Streifen separat, auf 15.000 Euro pro Quadratmeter, damit die Gemeinde nicht kaufen kann.

Wenn riesige Grundstücke aufgeteilt werden, gibt es ebenfalls Tricks. So wie kürzlich bei 5.000 Quadratmetern in Starnberger Villenlage, Max-Emanuel-Straße. Hätte der Eigentümer einfach an die vier Käufer verkauft, wäre das ein Fall von gewerblichem Grundstückshandel gewesen. Er hätte die Millionen aus dem Verkauf voll versteuern müssen. Um das zu umgehen, bildeten die Käufer extra eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, erwarben das Grundstück gemeinsam und dividierten sich später auseinander. Der Verkäufer musste den Gewinn nicht mit dem Finanzamt teilen.

Deutschlands Problem ist nicht, dass es die schöne Welt des Landkreises Starnberg gibt, die Villen, die guten Schulen, das gute Leben. Deutschlands Problem ist, dass zu wenig von Starnberg auf andere Regionen und andere gesellschaftliche Gruppen ausstrahlt. Dass die Politik den Reichen zu wenig nimmt, um es anderen zu geben.

Die andere Seite des Reichtums ist in der Bundesrepublik ebenfalls zu besichtigen, wenn auch selten mit Seeblick. In Deutschland ist nicht nur das Vermögen besonders ungleich verteilt, es gibt auch besonders viele überschuldete Haushalte. Betroffen sind im Vergleich zu anderen Ländern besonders viele 45 bis 65-Jährige mit mittlerer Bildung. Mit dieser Ausbildung ist jemand nach vielen Berufsjahren normalerweise finanziell abgesichert.

"In vielen Gegenden Deutschlands ist die Verschuldenssituation schon dramatisch", stellt die Kreditagentur Schufa fest. Nirgends ist die private Verschuldung dramatischer als in der einst so stolzen Industriestadt Pirmasens. Im Schufa-Index für mehr als 400 Städte und Landkreise landete Pirmasens 2016 auf dem letzten Platz. Es geht um Menschen wie die Familie Heigert. Die Eltern Eva und Stefan, beide ohne Berufsabschluss, haben beide Privatinsolvenz angemeldet. Eva Heigert ärgert sich darüber, wie es zu den Schulden gekommen ist. Mal haben sie Produkte für Freunde bestellt, die ihnen nachher nicht das Geld gaben. Mal nutzte ihr Vater ein Handy, das er auf ihren Namen anmeldete. Mal kauften sie den Kindern Geburtstagsgeschenke, obwohl sie nichts mehr auf dem Konto hatten. 28.000 Euro Schulden drücken sie. Bei jedem Job stottern sie etwas ab.

Eva Heigert zählt die Jahre. In fünf Jahren sind alle Kinder in der Schule. In fünf Jahren sind sie aus der Privatinsolvenz raus. Dann arbeiten beide, stellt sie sich vor, und endlich bleibt vom Lohn etwas übrig. Dann könnten sie vielleicht zum allerersten Mal in Urlaub fahren. Sie möchte ans Meer. Das hat sie noch nie gesehen.

Armut in Deutschland: Zweieinhalb Millionen Kinder unter 15 wachsen in einer Familie auf, die Hartz IV bezieht oder einkommensarm ist. Drei Viertel der Hartz-IV-Familien fahren nicht wenigstens ein Mal im Jahr in den Urlaub. Die Mehrheit kann mangels Geld keine abgenutzten Möbel ersetzen, nicht ins Kino gehen oder unerwartete Ausgaben bezahlen. 

So spaltet sich das Land. Pirmasens ist hinter Gelsenkirchen, Duisburg oder Bremerhaven die Stadt mit den meisten Schuldnern. Die wenigsten Schuldner leben in den bayerischen Landkreisen München, Eichstätt, Erlangen – und Starnberg.

Ein Drittel der Hartz-IV-Familien kann nicht ab und zu neue Kleidung kaufen. Ein Drittel kann keine ärztliche Behandlung bezahlen, die die Krankenkasse nicht übernimmt, und keine Freunde nach Hause zum  Essen einladen.

Das "Porsche Zentrum Fünf  Seen" wirbt damit, Kunden aus dem Landkreis Starnberg könnten hier "die Faszination Porsche in allen Facetten live erleben" und "hautnah  erfahren". Zum Beispiel in einem 911 Turbo S ab 200.000 Euro. Oder doch lieber in einem 918 Spyder mit Weissach-Paket ab 840.000 Euro? Das ist eine Summe, die ein  Durchschnittsverdiener sein ganzes langes Berufsleben von 38 Jahren nicht zusammenbekommt.

Für ein Auto.