Die Mittelschicht hält die Gesellschaft nicht nur mit ihrem Geld zusammen, sondern auch mit ihrem Wahlverhalten. Sie ist mit ihrer bisherigen Präferenz für moderate Parteien das Fundament einer Demokratie, die Lösungen produziert statt Dauerstreit. Financier und Garant von Wachstum und Demokratie – wie kann es sein, dass die deutsche Politik zulässt, dass die Mittelschicht schrumpft und ihr Einkommen noch dazu?

Politik und Wirtschaft haben genau jene Mechanismen geschwächt, die die deutsche Mittelschicht nach Bosch und Kalina größer gemacht haben als sonst in Europa:

  • Ein Sozialsystem, das die breite Mehrheit vor Risiken schützt, bis hin zum Alter? Sozialleistungen wurden gesenkt. Auch wer einen Mittelschichtsverdienst von 8.000 Euro hatte, landet nach längerer Arbeitslosigkeit bei 400 Euro Hartz IV. Ältere rutschen wegen stagnierender Renten aus der Mittelschicht.
  • Flächentarifverträge, die nahezu alle Betriebe erfassen und so die Lohnunterschiede verringern? Nur 30 Prozent der Firmen zahlen Tariflohn, halb so viel wie vor zwanzig Jahren. Vollzeitstellen mutierten vielfach zu befristeten Jobs, Teilzeit- und Minijobs. Um wettbewerbsfähiger zu werden, verpflichteten die Firmen die geschwächten Gewerkschaften in den nuller Jahren zu Lohnzurückhaltung. Durch die Explosion des Niedriglohnsektors rutschten "Teile der mittleren Schicht relativ nach unten in der Hierarchie", schreibt das DIW.

Dazu kommt, dass die Politik Arbeitseinkommen weit stärker belastet als in anderen Industriestaaten. Millionäre zahlen auf ihre Kapitalerträge 25 Prozent Steuern. Mittelschichtler zahlen ab 4.500 Euro im Monat 42 Prozent Steuern.

Dazu kommen die Privatisierungswellen bei Post, Müllentsorgung und Telefon, die Auslagerung früher beim Staat festangestellter Putzleute, Portiers oder Sicherheitskräfte. "Postboten hatten früher ein gutes Auskommen, konnten sich problemlos eine eigene Wohnung leisten", sagt IAB-Direktor Joachim Möller. "Vergleichen Sie das mal mit den gehetzten Paketboten von heute, die teils nicht viel mehr als 1.000 Euro verdienen."

Und dazu kommen auch noch Menschen wie Margret Meier, die wegen ihrer Kinder den Beruf hinten anstellten und darüber ihre Qualifikation verloren. Als technische Zeichnerin gehörte Meier zur Mittelschicht, mit ihren heutigen Hilfsjobs gehört sie längst nicht mehr dazu. Der Deutsche Gewerkschaftsbund spricht von entwerteten Qualifikationen: "Jeder hat schon von Akademikern gehört, die einfachsten Bürotätigkeiten nachgehen, oder von einer Facharbeiterin, die nach einer familienbedingten Erwerbsunterbrechung irgendeinen Aushilfsjob macht, weil sie in ihrem erlernten Beruf nicht mehr Fuß fassen kann."

Angesichts dieser vielen Ursachen überrascht es nicht mehr, dass die Mittelschicht schrumpft. Es überrascht nur, dass die Politik dabei zusieht. Wenn die Mittelschicht schrumpft, wird zum Schaden der Wirtschaft weniger konsumiert. Es schrumpft die Gruppe, die gemeinhin stärker als die Unterschicht Vermögen bildet und deshalb Krisen übersteht, ohne auf den Sozialstaat angewiesen zu sein. Und das Problem ist noch fundamentaler: Wenn sich das Sehnsuchtsziel Mittelschicht, die Vorstellung vom immer besseren Leben als Illusion entpuppt, kippt die ganze Statik der Bundesrepublik. Denn die ist auf der Mittelschicht als Financier und Garant der Demokratie aufgebaut.

Der finanzielle Abstieg ist schon lange Realität. Von den heute 81-Jährigen bis zu den heute 58-Jährigen funktionierte der Plan von einem immer besseren Leben. Diese Mittelschichtsmänner verdienten im Laufe ihres Berufslebens mehr als die vor ihnen Geborenen. Dann begann die Stagnation. Wer heute 57 oder 50 Jahre alt ist, verdient nicht mehr als ältere Arbeitnehmer. Wer unter 50 Jahre alt ist, verdient sogar weniger. Von wegen immer besseres Leben.

Auch der zweite Teil des Versprechens wackelt: Es ist schwieriger geworden, überhaupt in die Mittelschicht aufzusteigen. Manche Ausbildungsberufe wie Floristen, Friseure oder Verkäuferinnen sind heute so schlecht bezahlt, dass sie nicht mehr dazugehören. "Gerade in der Mitte der Gesellschaft brechen Stellen weg. In der Produktion durch Roboter, in der Verwaltung bei den Sachbearbeitern durch Computerprogramme", analysiert Ifo-Ökonom Ludger Wößmann. "Deshalb ist es schwerer als früher, von unten in die Mitte aufzusteigen. In den 60er Jahren holte man noch Gastarbeiter, um sie an die Maschinen zu stellen. Für Geringqualifizierte gab es früher noch Jobs, die gibt es heute nicht mehr. Die sind nach Asien abgewandert oder durch Roboter ersetzt worden." Die deutsche Gesellschaft ist weniger durchlässig geworden – jedenfalls nach oben.