Die Energiewende steckt in Schwierigkeiten; das ist offensichtlich. Deutschland könnte gleich zwei der Ziele verfehlen, zu denen es sich verpflichtet hat: Seine Treibhausgasemissionen werden 2020 mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht wie versprochen 40 Prozent unter dem Wert des Jahres 1990 liegen, denn fast alle Anstrengungen zur Emissionsreduktion im Lande werden dadurch konterkariert, dass gerade die alten Kohlekraftwerke nun für den Export weiter betrieben werden. Und obwohl die erneuerbaren Energien massiv ausgebaut werden, könnte Deutschland die verbindliche Vorgabe der Europäischen Union – 18 Prozent des Bruttoendenergieverbrauchs aus Erneuerbaren bis zum Jahr 2020 – verfehlen. Auch die hohen Investitionen in Ökostrom werden möglicherweise nicht ausreichen, um die Lücken zu schließen, die es im Wärme- und Verkehrssektor immer noch gibt.

Für den Erfolg der Energiewende sind vier aufeinander abgestimmte Strategien notwendig. Doch ihre Balance ist aus dem Blick geraten. Erstens sind wir bei der Stärkung von erneuerbarer Energie und Energieeffizienz im Stromsektor zwar einigermaßen gut unterwegs, doch im Gebäude- und Verkehrssektor bleibt viel zu tun. Zweitens hat sich Politik bisher sehr weitgehend der Notwendigkeit verweigert, den Ausstieg aus den alten und emissionsintensiven Kraftwerken, Fahrzeug- und Anlagenkonzepten zu beschleunigen und wirklich aktiv voranzutreiben. Drittens geschieht der mit relativ langen Vorlaufzeiten verbundene Ausbau der für die Energiewende notwendigen Energie- und Verkehrsinfrastrukturen – Stromleitungen, Schienennetze, Ladestationen für Elektroautos – viel zu langsam. Viertens spielen Innovationen eine große Rolle – die gibt es zwar, sogar in schier überbordender Zahl, aber welche sinnvoll sind und wann sie wie am besten einzusetzen wären, das spielt im politischen Diskurs eine viel zu geringe Rolle.

Vor allem der Ausstieg aus der alten, emissionsintensiven Technik – zum Beispiel veraltetete Kohlekraftwerke oder Verbrennungsmotoren – ist mit Tabus behaftet. Die weitgehende Unwilligkeit der Politik, ihn umfassend aktiv zu gestalten, führt inzwischen dazu, dass sich im Diskurs bestimmte Geschichten verselbstständigen. So werden zum Beispiel alle Herausforderungen der Energiewende auf die Kohlekraftwerke projiziert. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ein ehrgeiziger und umfassender Plan für den Kohleausstieg wäre wichtig und dringend notwendig. Aber sind Kohlekraftwerke wirklich der zentrale Grund dafür, dass die Schere zwischen den Vergütungen für erneuerbare Energien und den Börsenpreisen für Strom – und damit die EEG-Umlage – so groß geworden ist?

Ein Blick in die vielfältigen Untersuchungen zu diesem Thema hilft weiter: Die Studien kommen zu dem Ergebnis, dass selbst ein relativ zügiges Auslaufen der Kohleverstromung nur zu geringen Preiseffekten auf den Strommärkten führen würde. Die Hauptursache für die hohe EEG-Umlage ist damit eben nicht die Kohleverstromung, sondern es sind die niedrigen Brennstoffpreise auf den globalen Energiemärkten – und die anhaltende Weigerung der politisch Verantwortlichen, den Ausstoß von Treibhausgasen in welcher Form auch immer wirksam zu bepreisen.

Netze für die Windkraft

Das größte Ausmaß an Beliebigkeit erreicht die Debatte jedoch, wenn es um den Umbau der Stromnetze geht. Mit großer Verve werden die Trassen, die gebaut werden sollen, als vermeintliche Kohleleitungen diskreditiert. Man entwirft unrealistische Bilder eines zukünftigen dezentralen, digital gesteuerten Stromsystems, in dem kein Transport von Elektrizität über lange Strecken mehr notwendig sein werde. Der Blick auf die Zahlen und in die vielfältigen Modelluntersuchungen jedoch zeigt, dass die Wirklichkeit eine ganz andere ist.

Kann man wirklich von Kohleleitungen sprechen, wenn die Modellierung der künftigen Stromnetze – einmal mit und einmal ohne die neuen Trassen – zeigt, dass allein die Abwesenheit der neuen Leitungen das Niveau der Kohleverstromung so gut wie gar nicht senken würde? Und ist es aus wissenschaftlicher Sicht verantwortbar, die vermeintliche Überflüssigkeit von Leitungsprojekten dadurch zu begründen, dass im Modell große Windenergie-Kapazitäten einfach von Nord- nach Süddeutschland verschoben werden – obwohl es gerade dort nur wenige freie Flächen und dazu noch besonders große Akzeptanzprobleme gibt?

Es stimmt: Die Kosten und Probleme des Netzengpassmanagements, vor allem für Abregelung von fossilen Kraftwerken, aber eben auch von Windkraftanlagen, sind in den letzten beiden Jahren oft übertrieben worden. Aber sie haben einen rationalen Kern. Die massiven Investitionen in die Windenergie in Norddeutschland und auf See werden dazu führen, dass künftig sehr viel Strom im Norden erzeugt wird – er wird aber ganz überwiegend im Süden gebraucht. Dieses Ungleichgewicht bleibt selbst dann, wenn der Ausbau der Solarenergie in Süddeutschland noch stärker zunehmen sollte als bisher. Und um die Energie von Nord nach Süd zu transportieren, brauchen wir Netze. Wir brauchen die Stromleitungen im Übrigen auch, um die Energiewende robust zu machen gegen regionale Störmanöver. Gerade die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt: Ohne eine Netzinfrastruktur, die unterschiedliche regionale Entwicklungsmuster zulässt, kann und wird die Energiewende kein robustes Projekt werden.

Nachhaltigkeit - "Wir sollten erneuerbare Energien und Rohstoffe nutzen" Fossile Brennstoffe schaden der Umwelt. Warum machen wir nicht mehr aus Pflanzen? Ein Zwischenruf von Lukas Hinkelmann © Foto: Zeit Online

Für eine radikal ehrliche Debatte

Was bedeutet das für die Politik der Energiewende auf dem Stromsektor während der kommenden Legislaturperiode? Erstens muss die Debatte um den Kohleausstieg politisch enttabuisiert werden. Man muss sie breit und strukturiert führen – und in konkretes politisches Handeln umsetzen, denn nur so können wir im Klimaschutz und im regionalen Umbau des Stromsystems überhaupt weiter vorankommen. Und nur so können wir verhindern, dass sich beliebige Narrative, etwa zum Netzausbau, weiter verselbstständigen.

Zweitens müssen wir die derzeitigen Prozesse zur Planung der Stromnetze ergänzen. Bisher richtete man die Konzepte auf den Bedarf der kommenden zehn, fünfzehn Jahre aus. Aber das reicht nicht mehr. Vielmehr muss ein breiter Verständigungsprozess darüber initiiert werden, welchen Grundbestand an zukünftigen Netzen (das "Zielnetz")  wir brauchen, wenn wir einerseits wirklich die längerfristig ambitionierten Ziele der Energiewende, nämlich die Vollversorgung mit erneuerbaren Energien, in den Blick nehmen und andererseits die große Vielfalt an Rahmenbedingungen umfassend, offen, realitätsnah und kritisch einordnen wollen – vom Kohleausstieg über Flächen- und Kostenrestriktionen, von regionalen Flexibilitäten bis hin zu einer möglichen Revolution der Speichertechnik in der mittleren Frist.

Drittens werden wir der Versuchung widerstehen müssen, den Energiewende-Diskurs weiter von Denunziationen dominieren zu lassen. Die EEG-Umlage repräsentiert eben nicht die Kosten der Energiewende. Netzengpassmanagement ist eben nicht per se problematisch. Der Stromnetzausbau besteht eben nicht aus Kohleleitungen. Die Übertragungsnetzbetreiber sind eben nicht die neuen Feinde.

Die Ethik-Kommission von Klaus Töpfer hatte die Energiewende im Jahr 2011 als Gemeinschaftsprojekt ausgerufen. Darauf sollten wir uns wieder besinnen. Nicht nur im Sinne des gemeinschaftlichen Willens zur Veränderung, sondern auch im Sinne des gemeinschaftlichen Diskurses und des gemeinschaftlichen Handelns, möglichst ohne Tabuzonen, aber auch und gerade in einer Zeit populistischer Herausforderungen mit mehr Ernsthaftigkeit, mit weniger Beliebigkeit und möglichst ohne Denunziation. Eben radikal realistisch.