Florian Leibert, 34, begann seine digitale Karriere als Schüler in Schweinfurt. Mit 10 Jahren hackte er den PC seines Vaters, mit 15 startete er seine erste Firma. Nach einem Informatik-Studium im badischen Bruchsal, Stationen beim Kurznachrichtendienst Twitter und der Mitwohnzentrale Airbnb gründete er mit zwei Schulfreunden in San Francisco ein Start-up.

Mesosphere will eine Art Betriebssystem für das 21. Jahrhundert bauen. Mit der Software Mesos, auf der das Start-up aufbaut, lassen sich Zehntausende von Rechnern steuern, als seien sie einer. Die Technik wird bereits von großen Autoherstellern, von Apple, Twitter, Netflix, Airbnb, eBay, PayPal, Yelp, Verizon oder SAP eingesetzt. Führende Risikokapitalgeber wie Google-Investor Kleiner Perkins oder Facebook-Investor Andreessen Horowitz finanzieren Mesosphere, außerdem Microsoft und, so heißt es, die CIA.

ZEIT ONLINE: Herr Leibert, ist Ihnen aufgefallen, dass Ihre Lebensgeschichte wie ein schlechtes TV-Drehbuch klingt? Der Florian aus Schweinfurt, der als Schüler immer Websites gebastelt hat, geht ins Silicon Valley und rettet die kollabierende Technik von Twitter. Sein bester Schulfreund Tobias ist zufällig auch da und baut gerade die Technik von Airbnb auf. Da gründen die beiden mit Ende 20 im sonnigen San Francisco eine Firma, die flugs um die 100 Millionen Dollar wert ist. So etwas würde nicht einmal das deutsche Fernsehen verfilmen.

Florian Leibert: Wie unglaubwürdig unsere Story klingt, ist mir tatsächlich erst aufgefallen, als wir Risikokapital gesucht haben. Da waren wir gezwungen, sie zu erzählen, denn Investoren wollen natürlich die Gründungsgeschichte eines Start-ups hören. Es gab bei uns schon viele glückliche Zufälle.

ZEIT ONLINE: Rein zufällig auch ist der dritte im Bunde ein Sohn der Gastfamilie, bei der Sie während eines US-Schuljahrs mal gewohnt und den Sie zum Programmieren gebracht haben. Ben Hindman ist heute Schöpfer eines weltweit eingesetzten Systems für Cloud Computing, auf dem Ihr Start-up aufbaut.

Leibert: Ja, das klingt absurd. Aber es ist natürlich die beste Ausgangslage: Meinen beiden Freunden kann ich völlig vertrauen, was sonst eines der größten Probleme ist, wenn man gemeinsam ein Start-up gründet.

ZEIT ONLINE: Erklären Sie bitte, was Sie da genau machen? Und bitte so, als wäre es für die Sendung mit der Maus?

Leibert: Klar. Alle zwei Jahre verdoppelt sich die weltweite Datenmenge. Nicht nur, weil wir Menschen immer mehr Daten erzeugen, wenn wir Fotos machen, Whatsappen oder auf Facebook posten. Mittlerweile produzieren viele unserer Geräte, die wir zum Beispiel im Haushalt nutzen oder bei der Arbeit, noch viel größere Datenberge. Das ist ein Riesenproblem, weil man die ja irgendwie verarbeiten muss, und zwar am besten live, während sie entstehen, damit Dienste zuverlässig laufen und ohne Aussetzer genutzt werden können. Für all das braucht man gigantische Rechenzentren, in denen Tausende oder Zehntausende von Computern parallel arbeiten. Wir machen eine Software, die diese Schwärme aus Computern so einfach steuert, als wären sie bloß ein einziger Computer.

ZEIT ONLINE: Sie sind also eine Art Bill Gates für die Cloud. Sie machen ein Betriebssystem dafür. 

Leibert: Wenn Sie so wollen. Denken Sie nur an selbstfahrende Autos. Wenn die jetzt in Serie produziert werden, wird jedes davon am Tag ein halbes Petabyte produzieren...

ZEIT ONLINE: ...eine halbe Million Gigabyte...

Leibert: ...und die müssen schleunigst weiterverarbeitet werden. Die Autos sollen ja dazulernen, immer besser fahren und weniger Unfälle bauen.

ZEIT ONLINE: Es ist bemerkenswert, dass nicht nur Telekom-Konzerne und Autohersteller, sondern auch tonangebende Software-Hersteller wie Apple oder SAP einen Code nutzen, der maßgeblich von Schulfreunden aus Schweinfurt entwickelt wird.

Leibert: Das sind jetzt nicht alles unsere Kunden.

ZEIT ONLINE: Aber Sie nutzen die Software Mesos, die von Ihrem Freund Ben mit entwickelt wurde und von Ihnen maßgeblich ausgebaut wird.

Leibert: Ja, gerade viele große Firmen haben begonnen, sie einzusetzen. Mesos ist heute eine Plattform für alle nur erdenklichen, riesigen Rechenzentrums-Anwendungen von Siri bis zu ganzen Mobilfunk-Infrastrukturen. Und sie ist Open Source, das heißt, jeder kann sie einfach kostenlos herunterladen und sogar umschreiben.

ZEIT ONLINE: Wie gerät man aus der Schweinfurter Informatik-AG ins Zentrum des Silicon Valley?

Leibert: Tobias Knaup und ich haben, als wir 15 waren, im Gymnasium unsere Firma Knaup Multimedia gegründet. Wir haben Onlineshops programmiert. Ein Kunde war zum Beispiel ein führender Eishockey-Versandhändler. Für uns war klar, dass wir Informatik studieren wollen. Als ich 17 war, bin ich dann im Austauschjahr auf eine High School in Colorado gegangen. Der Sohn meiner Gastfamilie dort, Benjamin, ist heute unser dritter Mitgründer. Ben konnte ich damals auch fürs Coden begeistern. Weil wir immer zusammen programmiert haben, hat er später auch Informatik studiert.

ZEIT ONLINE: Wieso sind Sie überhaupt dazu gekommen, sich als Schüler mit diesen Dingen zu beschäftigen?

Leibert: Mein Vater hatte früher immer Computer zu Hause rumstehen. Es ging am Anfang eher darum, in diese Rechner reinzukommen, um Spiele zu spielen. Meine Eltern wollten natürlich nicht, dass ich den ganzen Tag spiele. Also installierte mein Vater irgendwann eine Schutzvorrichtung. Ich musste versuchen, das Spiel trotzdem irgendwie zu laden.

ZEIT ONLINE: Sie wurden zum Hacker.

Leibert: Genau, ganz am Anfang haben wir spezielle Ladeprogramme geschrieben, um das Betriebssystem auszutricksen.

ZEIT ONLINE: Wie alt waren Sie da?

Leibert: Zehn vielleicht.

ZEIT ONLINE: Dann waren Sie wirklich früh dran.

Leibert: Ich fand das Programmieren von Anfang an interessant. Tobi habe ich dann in der fünften Klasse kennengelernt. Ich saß mit ihm in einem Kurs zur Programmiersprache Pascal, Informatik war damals ein Wahlfach. Man hat also keine Noten bekommen, weil Religionslehre und der Musikunterricht als wichtiger angesehen wurden. Aber Tobi und ich waren sehr competitive. Es ging zum Beispiel darum, wer coolere Effekte kreieren oder mit bunteren Farben Text-Output anzeigen kann. Das hat richtig Spaß gemacht.

ZEIT ONLINE: Waren Sie ein guter Schüler?

In Mathe war ich ganz ok
Florian Leibert

Leibert: Ich war nicht besonders gut. Ich habe mich damals nicht wirklich um die Schule gekümmert.

ZEIT ONLINE: Auch nicht in Mathematik?

Leibert: In Mathe war ich ganz ok. Aber ich habe relativ wenig Hausaufgaben gemacht. In meiner Schulzeit in Colorado hat sich das dann geändert.

ZEIT ONLINE: Warum wollten Sie in die USA?

Leibert: Ich wollte mal raus aus Schweinfurt. Ich sollte eigentlich nur ein Jahr bleiben. Aber aus einem wurden zwei und ich habe beschlossen, meinen High-School-Abschluss in den USA zu machen. Und danach bin ich auch noch geblieben. Ich habe mich in Colorado nämlich ins Skifahren verliebt. Wir wohnten sehr nah an Aspen und sind viermal die Woche Ski gefahren in der High School.

ZEIT ONLINE: Das klingt nicht nach einer Klischee-Kindheit als Nerd. War damals schon klar, dass Sie im Silicon Valley enden?

Leibert: Nein. Allerdings hatte ich im Auftrag meiner High School ein Programm geschrieben, das aufzeichnet, ob die Schüler ihre Kurse besuchen. Wenn jemand nicht zum Unterricht erschienen ist, konnte der Lehrer es eintragen. Wer eine bestimmte Anzahl Stunden in einem Quartal verpasste, musste am Sonntag nachsitzen.

ZEIT ONLINE: Eine böse Software. Sie waren damit sicher nicht gerade der beliebteste Schüler.

Leibert: Das Beste daran war, dass ich den Administrationszugriff für die Anwesenheitslisten hatte.

"Ich wollte nicht lange rumstudieren und zurück in die USA"

Florian Leibert (l.) im Gespräch mit Jochen Wegner, Chefredakteur von ZEIT ONLINE © Carlos Chavarria für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Okay, Sie waren ganz sicher ein sehr beliebter Schüler. Teenager, die das Schulsystem hacken, sind ein Topos des 80er-Jahre-Hollywood, von Ferris Bueller's Day Off bis War Games. Der Plot: Nerd wählt sich in das Computersystem ein und korrigiert Noten oder Anwesenheit von sich selbst und, wichtiger, von seiner Liebsten.

Leibert: Meine eigene Anwesenheit habe ich natürlich nicht adjustiert, aber für andere kann es schon mal vorgekommen sein. Unsere Software wurde aber auch von den Schülern selbst stark genutzt: Sie konnten Ihren Mitschülern oder Lehrern Nachrichten schreiben. Das war eigentlich das killer feature. Deshalb haben sich die Schüler so oft eingeloggt. Man brauchte keine E-Mail, man konnte einfach in einem Texteingabefeld eine kurze Nachricht schreiben.

ZEIT ONLINE: Das klingt ein wenig nach der Gründungsgeschichte von Facebook. Mark Zuckerberg wollte ein Studentenverzeichnis für Harvard bauen, aber schnell wurde die Kommunikation wichtiger als das eigentliche Verzeichnis.

Leibert: Ben und ich hatten damals tatsächlich überlegt, ob wir eine Firma gründen sollten. Inzwischen gibt es auch eine, sie heißt Blackboard und bedient einen Großteil der US-Schulen. Aber wir haben gedacht, wir sollten erst mal studieren. Im Nachhinein vielleicht nicht die beste Entscheidung, man weiß nicht, wie es gelaufen wäre. Wir sind dann beide getrennte Wege gegangen. Ich wollte zum Studieren nach Hause.

ZEIT ONLINE: Warum?

Leibert: Zum einen war Studieren in den USA extrem teuer, auch wegen des Wechselkurses damals. Außerdem war die Uni, an der ich begonnen hatte, nicht so anspruchsvoll. In Deutschland gab es hingegen eine interessante Uni, die sich International University in Germany nannte. Sie war in Bruchsal.

Ich wollte nicht lange rumstudieren
Florian Leibert

ZEIT ONLINE: An die erinnert sich heute kaum jemand.

Leibert: Sie hat sich auch nicht durchgesetzt. In den USA sind die meisten Universitäten privat. In Deutschland war zumindest diese Privatuni eine politische Totgeburt.

ZEIT ONLINE: Sie hatten ja offensichtlich einen gewissen Qualitätsanspruch. Hat die kleine private Universität in Bruchsal den erfüllt?

Leibert: Sie war super, sehr industrienah, ein SAP-Gründer hat sie mitfinanziert und viele Leute sind dann nach ihrem Abschluss auch zu SAP gegangen. Es gab auch Projekte, die von SAP gesponsert wurden.

ZEIT ONLINE: Wie lange haben Sie für das Studium gebraucht?

Leibert: Drei Jahre. Ich wollte nicht lange rumstudieren und zurück in die USA. Wegen meiner Anwesenheits-Software hatte ich während der High School in Colorado noch ein Praktikum bei einem Start-up bekommen. Wir sind in Kontakt geblieben und nach meinem Studium bekam ich ein Jobangebot von Headcase Labs in Los Angeles, bei deren Gründern ich früher das Praktikum gemacht hatte. Die übernahmen das Visum und holten mich in die USA.

ZEIT ONLINE: Also waren Sie schon einen Schritt näher am Silicon Valley.

Leibert: Ich hatte an der Uni ziemlich viel im Bereich machine learning gemacht und an einem Projekt zur Semantischen Suche gearbeitet – das bedeutet, mit natürlicher Spracheingabe eine Suche durchzuführen.

ZEIT ONLINE: "Siri, wie heißt der Bürgermeister von Wesel?"

Leibert: Ich fand das Thema sehr interessant, weil es darum ging, die Bedeutung aus einem Text zu extrahieren. Wir hatten an der Uni ein paar wirklich interessante Algorithmen gebaut und das war von Bedeutung für die Firma, bei der ich dann angefangen habe. Damals war Second Life riesig, Virtual Reality. Wir wollten Virtual-Reality-Charaktere bauen, die smart genug sind, einem Menschen vorzugaukeln, dass er mit einem anderen Menschen spricht. Wir haben daran gearbeitet, dass diese Charaktere den Turing-Test bestehen.

ZEIT ONLINE: Also ein Test, bei dem Menschen erkennen müssen, ob sie mit einer Maschine oder einem Menschen kommunizieren. Falls nicht, hat die Maschine den Test bestanden.

Leibert: Ich war dafür zuständig, den eingegebenen Text in Konzepte umzuwandeln und eine Suche daraus zu entwickeln, also eine Datenbank mit Antworten, die Sinn ergeben.

ZEIT ONLINE: Ein Problem, an dem Firmen wie Google, Apple und Facebook bis heute mit mehr oder weniger Erfolg arbeiten.

Leibert: Wenn es unsere Firma nicht gäbe, würde ich heute wahrscheinlich in diesem Bereich arbeiten, weil es natürlich derzeit sehr interessant ist. Was uns aber damals schon gefehlt hat, war eine Plattform wie Mesos, weil wir große Datenmengen schnell und effizient verarbeiten mussten, es dafür aber noch keine Software gab. Wir mussten so viele Komponenten selbst bauen, Sachen, die es heute in der Cloud oder bei unseren Produkten schon fertig gibt. Wir hatten aber kein Geschäftsmodell und nicht genug Finanzierung. Also wurden wir irgendwann an die Firma Adknowledge in Kansas City verkauft.

ZEIT ONLINE: Kaum hatten sie angefangen, wurde die Firma verkauft?

Leibert: Das war dann meine nächste Station. Adknowledge war darauf spezialisiert, Werbekampagnen auf allen Internetplattformen zu machen. Für die war unser geistiges Eigentum und unser Technik-Team interessant, um ihre Klickkampagnen besser zu gestalten.

ZEIT ONLINE: "Die größten Geister meiner Generation denken darüber nach, wie sie Menschen dazu bringen, auf Anzeigen zu klicken", lautet die viel zitierte Sentenz des ehemaligen Chefwissenschaftlers von Facebook – nachdem er gekündigt hatte.

Leibert: Und doch habe ich damals viel gelernt, denn ich konnte Erfahrung mit der neuen Big-Data-Architektur sammeln. Damals kam eine neue Open-Source-Plattform namens Hadoop raus. Jetzt gibt es ein paar Multimilliarden-Dollar-Firmen, die darum ein kommerzielles Produkt bauten. Ich war acht, neun Monate bei Adknowledge, aber mir hat Kansas City überhaupt nicht gefallen. Also bin ich zu Ning gegangen, einer Firma, die damals von Marc Andreessen gegründet und finanziert wurde.

"Einem Menschen vorgaukeln, dass er mit anderen Menschen spricht"

Florian Leibert in seinem Büro in San Francisco. © Carlos Chavarria für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Damals legendärer Schöpfer des ersten Browsers und heute ein tonangebender Risikoinvestor. Ihr dritter Schritt in kurzer Zeit.

Leibert: Ning war eine Plattform, mit der man sein eigenes Social Network bauen konnte. Nach vier oder fünf Monaten habe ich allerdings erkannt, dass Ning Probleme haben wird. Wir wuchsen zwar stärker als Facebook, aber die Nutzer kamen nie zurück. Mir schwante, dass meine Aktienoptionen eines Tages nicht viel wert sein würden.

ZEIT ONLINE: Also ein vierter Wechsel?

Mir schwante, dass meine Aktienoptionen eines Tages nicht viel wert sein würden
Florian Leibert

Leibert: Genau, ich wurde von Twitter kontaktiert, als es noch weniger als 100 Mitarbeiter hatte. Ich fand die Firma super, das Produkt genial. Auch Twitter hatte wegen der Big-Data-Plattform, die dort eingesetzt wurde, Interesse an mir. Das war Ende 2009. Genau zu dieser Zeit stellte Twitter fest, dass es ein riesiges Skalierungsproblem hat. Ich wurde in der Forschungsabteilung eingestellt. Wir haben versucht, die Architektur, auf der Twitter läuft, neu zu erfinden.

ZEIT ONLINE: Twitter wurde vom eigenen Wachstum erdrückt?

Leibert: Wir nannten es damals das Justin-Bieber-Problem: Twitter funktioniert in Echtzeit und war sehr stark auf mobile User ausgelegt, viele nutzten den Dienst in den Anfangszeiten tatsächlich über SMS. Sobald ein Tweet einging, musste er sofort auf alle Follower verteilt werden. Und es gab keine Obergrenze für Follower. Facebook hatte zu der Zeit eine Obergrenze, man konnte nur 2.000 Leute als Freunde haben. Justin Bieber twitterte und die Nachricht musste sofort auf seine zehn Millionen Follower verteilt werden. Das war ein riesiges technisches Problem, weil Twitters Wachstum noch im hypergrowth mode war. Wir haben alle drei, vier Monate die Zahl der Benutzer verdoppelt. Die technische Architektur war durch riesige Datenberge überlastet. Wir sind jeden Tag 20 bis 30 Minuten ausgefallen.

ZEIT ONLINE: Die Älteren unter uns erinnern sich an den lustigen Comic-Wal, den Twitter bei Ausfällen anzeigte. Der Wal wurde von kleinen Vögelchen aus dem Wasser gezogen.

Leibert: Genau, der Fail Whale.

ZEIT ONLINE: Heute kennt den niemand mehr.

Leibert: Weil sich die Infrastruktur von Twitter wesentlich verbessert hat. Jede Minute downtime wirkte sich krass auf unsere Wachstumszahlen aus. Wir brauchten also dringend eine Plattform, die mitwachsen kann. Deswegen habe ich damals meinen alten Schulfreund Ben kontaktiert, der gerade an seiner Promotion an der Universität in Berkeley arbeitete. Das Projekt, das er im Rahmen seiner Doktorarbeit entwickelte, war eben dieses schon erwähnte Mesos und schien perfekt geeignet, um unser Problem zu lösen. Ben wollte mich davon überzeugen. Wir sind dann im Januar 2010 nach Lake Tahoe zum Skifahren gefahren. Es war Schneechaos und wir haben im Auto drei oder vier Stunden lang darüber geredet, wie man mit diesem System Twitter helfen könnte. Und mein Chef von Twitter war zufällig an dem Wochenende auch am Lake Tahoe.

ZEIT ONLINE: Nicht noch so ein Zufall, bitte.

Leibert: Doch! Er war nicht nur der Forschungschef von Twitter, sondern auch begeisterter Skifahrer. Ich habe ihm damals spontan eine SMS geschickt: Hey, ich bin hier mit Ben und ich glaube, seine Software kann uns richtig helfen. Wir haben uns dann nach dem Skifahren am Samstag zum Weintrinken getroffen. Ben hat dann gleich am Montag vor den ganzen Ingenieuren bei Twitter einen Vortrag über Mesos gehalten und fing kurz darauf bei uns an. Seine Doktorarbeit hat er bis heute nicht beendet. Als erste Anwendung haben wir die Twitter-Suche, die ich damals mitgebaut hatte, auf Bens Plattform zum Laufen gebracht.

ZEIT ONLINE: Das war der erste richtige Einsatz von Mesos?

Leibert: Ja. Kurz darauf haben auch Firmen wie eBay und PayPal angefangen, Mesos einzusetzen. Ich war knapp zwei Jahre bei Twitter und in dem Zeitraum liefen fast alle neuen Anwendungen direkt darauf. Am Schluss waren das fast 40.000 oder 50.000 Server. Im Dezember 2011 habe ich mich dann mit meinem Schulfreund Tobi getroffen, der mittlerweile auch in San Francisco wohnte und beim neu gegründeten Airbnb arbeitete. Er war der Hauptarchitekt.

ZEIT ONLINE: Zufälligerweise.

Leibert: Und Tobi sagte, hey, wir haben da dieses Problem. Wir haben zu große Datenmengen, aus denen wir endlich Sinn machen müssen. Ich habe mir die Zahlen angeschaut, die Airbnb damals schon hatte und mir gedacht, nach zwei Jahren Twitter mache ich jetzt mal Airbnb.

Die Gründung selbst hat dann nur ein paar Tage gedauert
Florian Leibert

ZEIT ONLINE: Wechsel Nr. 5.

Leibert: Auch bei Airbnb haben wir sofort Mesos eingesetzt und es war wirklich ein Déjà-vu. Wir haben die gleichen Sachen wie bei Twitter erlebt. Schon damals meinte ich zu Ben und Tobi, dass es eine Riesenmöglichkeit gibt, unser System für jeden zugänglich zu machen.

ZEIT ONLINE: Schließlich haben Sie Mesosphere gegründet. Wie schnell ging das?

Leibert: Wir haben zwei, drei Monate geschaut, ob unser Produkt interessant sein könnte und mit einer großen Bank und einem Chemie-Konzern gesprochen. Dann haben Tobi und ich die Kündigung eingereicht. Airbnb hat uns damals überredet, noch sechs Wochen länger zu bleiben. Eigentlich wollten wir schon am nächsten Tag gehen, was auch möglich gewesen wäre. In den sechs Wochen nahmen wir dann zumindest schon Kontakt zu Risikoinvestoren auf und trafen uns mit Anwälten. Die Gründung selbst hat dann nur ein paar Tage gedauert. Danach haben wir angefangen, unsere Ideen auf der Sand Hill Road zu pitchen...

ZEIT ONLINE: ...einem Sträßchen im kalifornischen Menlo Park, in dem die meisten global relevanten Risikoinvestoren eine Dependance haben...

Leibert: ...bei Kleiner Perkins, Andreessen Horowitz, und eigentlich allen großen Namen.

ZEIT ONLINE: Und die haben alle investiert?

Leibert: Die meisten, mit denen wir gesprochen haben, haben investiert.

ZEIT ONLINE: Warum bloß?

Leibert: Ausschlaggebend war, dass eine Version der Software, die wir bauen wollten, ja in vielen Firmen schon eingesetzt wurde. Damals war nur unklar, wie groß so etwas werden könnte. Ist es ein Produkt, das nur 50 Firmen in der Welt brauchen, oder aber jede?

ZEIT ONLINE: Es heißt, auch die CIA sei durch ihre Investment-Firma In-Q-Tel bei Ihnen beteiligt?

Leibert: Dazu kann ich leider nichts sagen.

ZEIT ONLINE: Wie schade. Kleiner Perkins, Andreessen Horowitz – wie ist es eigentlich, mit den Google- und Facebookinvestoren zusammenzuarbeiten?

Leibert: Bei Andreessen Horowitz saßen wir am Anfang in einem Raum mit 20 oder 30 Partnern der Firma. Da sitzen Vertriebsexperten, PR-Experten und so weiter. Das ist natürlich erst mal scary.

ZEIT ONLINE: Hat der Florian aus Schweinfurt vorher schon mal so etwas gemacht?

Leibert: Nein, wir sind ja gleich in der ersten Woche rausgegangen und haben gepitcht. Wir haben dann versucht, ein Konsortium an VCs zusammenzustellen, um herauszufinden, mit wem wir am besten arbeiten könnten und wen wir in den folgenden Investitionsrunden dabeihaben möchten.

ZEIT ONLINE: Man bewarb sich also eher bei Ihnen?

Leibert: So würde ich es nicht ausdrücken. Es ist eine Zusammenarbeit, denn so etwas kann man nicht alleine aufbauen. Man braucht viel Hilfe, gerade bei einer Firma, deren Kunden andere, sehr große Firmen sein sollen. Selbst wenn sich ein Konzern entschieden hat, mit uns zusammenzuarbeiten, bleibt die Frage, wie man die Software implementiert, wie man die Partnerschaft zum Erfolg bringt. Wir bekommen deshalb viel Hilfe von unseren Investoren, die Erfahrung darin haben, eine Enterprise-Firma aufzubauen.

ZEIT ONLINE: Was heißt das?

Leibert: Ich texte wöchentlich mit Marc Andreessen oder Vinod Khosla. Beide sind sehr involviert. Es ist natürlich toll, von solchen Leuten zu lernen.

ZEIT ONLINE: Was kann man von denen lernen?

Leibert: Vinod hat Sun Microsystems mit gegründet, welches später Teil von Oracle wurde. Ich habe selten jemanden getroffen, der solch ein Visionär ist. Er investiert in einfach alles, von Elektroautos bis zu künstlichem Fleisch. Unser Investor Marc Andreessen hatte natürlich auch schon immer große Visionen, er hat immerhin den ersten Web-Browser gebaut und später Netscape gegründet. Danach haben Marc Andreessen und Ben Horowitz eine Firma in unserem Bereich gestartet. Ihr pitch damals war unserem gar nicht so unähnlich. Wir sind die nächste Generation von Software, die das vervollständigt, was sie damals angefangen haben. Marc hat natürlich viel Wissen, wenn es darum geht, Verträge mit großen Unternehmen zu schließen. Wir arbeiten ja eng mit Konzernen wie Microsoft und HP zusammen – aber wie navigiert man eine Firma, die mehr Senior Vice Presidents hat als wir Angestellte?

ZEIT ONLINE: Viele Investoren im Silicon Valley sollen ziemlich üble Zeitgenossen mit zweifelhaftem Charakter sein. Sie persönlich wirken nicht so. Wie kommen Sie miteinander aus?

Wie navigiert man eine Firma, die mehr Senior Vice Presidents hat als wir Angestellte?
Florian Leibert

Leibert: Es gibt solche und solche. Ben Horowitz ist auf dem Boden geblieben. Wenn ich Ben eine E-Mail schreibe, antwortet er innerhalb von einer Stunde. Der hängt sich wirklich rein, um auch mit den Firmen zu arbeiten. Dabei hat er mit Sicherheit genügend Geld, um nie mehr arbeiten zu müssen. Einmal im Jahr macht er das CEO-Barbecue-Dinner und lädt alle Gründer der Portfolio-Firmen ein, Leute wie Larry Page, die Kardashians, Serena Williams, also ein ganz bunter Mix. Er steht an dem Tag dann immer um drei, vier Uhr morgens auf und fängt an, Spareribs für 400 Leute zu machen. Das gleiche macht er dann auch noch einmal im Jahr für die Mitarbeiter seiner Firma.

"Mein Tag beginnt um sieben im Büro. Um 23 Uhr bin ich zu Hause."

Florian Leibert in seinem Büro in San Francisco. © Carlos Chavarria für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Es ist Montag, es war ein sonniges Wochenende in San Francisco. Hatten Sie gestern frei?

Leibert: Nein. Wir hatten gestern Media-Training, davor ging es um die Budgetplanung. Ich bin allerdings spät ins Büro gekommen, so gegen elf, und war relativ früh zu Hause, kurz vor sechs.

ZEIT ONLINE: Ein Sonntag von elf bis sechs ist also ein kurzer Arbeitstag für Sie. Wie sieht dann ein normaler Montag aus?

Leibert: Ein Montag wie heute beginnt meist um sieben Uhr im Büro. An den meisten Wochentagen habe ich dann abends ein work dinner, das um 20 oder 21 Uhr anfängt, sodass ich um 23 Uhr zu Hause bin.

ZEIT ONLINE: So eine Geschichte wie Ihre, wäre die in Deutschland mittlerweile denkbar? Könnte man von Berlin, Hamburg oder München aus als Start-up so einen Effekt auf die weltweite digitale Infrastruktur haben?

Leibert: Bei Software speziell für Unternehmen ist es von Deutschland aus schwieriger, etwas richtig Großes zu schaffen, als bei Software für Konsumenten. SAP hat es natürlich geschafft, das ist die Ausnahme. So ein Wachstum ist sehr, sehr kapitalintensiv, dafür fehlt in Deutschland das Ökosystem. Auf der anderen Seite ist es im Silicon Valley von den Lebenshaltungskosten, von den Gehältern her wie an der Wall Street in den 90ern. Es ist irre teuer, software engineers einzustellen, es braucht ein enormes Investment, um so eine Software zu bauen.

ZEIT ONLINE: Was kostet denn so ein engineer?

Leibert: Die Grundgehälter liegen zwischen 150.000 und 200.000 Dollar im Jahr. Das komplette Paket kann natürlich noch wesentlich größer sein, wenn man die Aktienoptionen miteinbezieht. Dafür kostet eine Einzimmerwohnung hier oft 4.000 Dollar oder mehr pro Monat.

ZEIT ONLINE: Bei aller digitaler Vernetzung scheint die Magie des Ortes, das Silicon Valley als Region, immer noch ein entscheidender Faktor zu sein. Man kann das gut an ihrer Geschichte sehen. Die Synergien, die vermeintlichen Zufälle, die sich daraus ergeben, scheinen nur möglich, wenn man all diese Irren auf engem Raum zusammensperrt.

Leibert: Ich glaube, man ist wesentlich kreativer, ja. Nichts auf der Welt ersetzt eine persönliche Unterhaltung. Wer weiß, was Virtual Reality noch bringen wird, aber im Moment kann ich mir das noch nicht vorstellen.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass in Deutschland im Moment eine kritische Masse an Irren entsteht, die solche Momente ebenfalls ermöglicht?

Leibert: Da tut sich wirklich Einiges. Wir sehen ja schon, was es zum Beispiel im Fintech-Bereich in Deutschland gibt.

ZEIT ONLINE: Also bei Finanz-Software, die das Bankensystem revolutionieren soll.

Leibert: Aber im Infrastruktur-Bereich, der darunter liegt und in dem ich arbeite, tut sich Deutschland noch schwer. Da ist dieses Ökosystem noch nicht so ausgeprägt. Wenn SAP anfangen würde, in Deutschland massiv Firmen zu kaufen, die Infrastruktur bauen, gerade um Nachwuchsingenieure einstellen zu können – das wäre das Öl, das es bräuchte, um diese Maschine in Gang zu bekommen.

ZEIT ONLINE: Sie würden heute immer noch nicht in Deutschland gründen?

Leibert: Im Moment würde ich schon noch ins Silicon Valley gehen. Für unser Projekt ist es unabdingbar, hier zu sein.

ZEIT ONLINE: Sie haben aber eine Hamburger Dependance. Wie viele Leute haben Sie schon eingestellt?

Leibert: Rund 30. Wir haben in Hamburg vor zwei Jahren angefangen und wollen das Büro weiter ausbauen. Wir haben viele offene Stellen und wollen dort auch unseren Beitrag dazu leisten, dass es ein attraktiver Standort für Ingenieure wird. 

ZEIT ONLINE: Es wird ja immer die Verkaufs- und die PR-Abteilung nach Deutschland geschickt, richtige Entwicklungszentren leisten sich wenige. Bei Ihnen ist das anders?

Leibert: Ja, Deutschland hat große Talente, die deutschen Unis sind super, es gibt dort eine Spitzenausbildung, die mit Amerika mithalten kann. Was in Deutschland fehlt, sind diese Riesenfirmen, in denen man Wachstum lernt. Also zum Beispiel Netflix, Twitter, Airbnb, Google, Facebook. Die Ingenieure, die dort anfangen, interessieren sich sehr schnell dafür, Infrastruktur zu bauen, die diese Millionen oder Milliarden Benutzer und somit das Wachstum der Firma unterstützen. Die Art der Softwareentwicklung hat sich krass verändert, seit man Milliarden von Nutzern und ein riesiges Datenwachstum verarbeiten muss.

ZEIT ONLINE: War es für Sie als kleines Start-up kompliziert, eine deutsche Dependance zu gründen? Angeblich ist hier die Bürokratie ja ein großes Hindernis.

Leibert: Wir mussten ein Konto bei einer führenden deutschen Bank nachweisen. Alleine dafür bin ich dreimal persönlich zum Konsulat gefahren. Weil es irgendwelche Gesetze im Bereich Geldwäsche gibt, die es verbieten, das online oder per Scan zu machen. In Amerika geht selbst die Besetzung eines Sitzes in der Geschäftsführung per E-Mail durch. Das war total nervig, wir mussten für das Konsulat natürlich erstmal einen Termin bekommen oder wir hätten nach Deutschland fliegen müssen. Was es in Deutschland außerdem ein bisschen schwierig macht, ist die Haftung von Gesellschaftern in einer Firma. Es gibt dieses deutsche Sprichwort, dass man schon mit einem Fuß im Knast steht, wenn man eine Firma gründet.

Meine Eltern haben mir von Start-ups abgeraten.
Florian Leibert

ZEIT ONLINE: Hatten Sie schon mal Probleme mit dem deutschen Arbeitsrecht?

Leibert: Ja, wenn wir in Deutschland Mitarbeiter gewinnen wollen, haben die in ihren Jobs meist drei oder sogar sechs Monate Kündigungsfrist. Das ist in Kalifornien unvorstellbar. Hier ist es schon vorgekommen, dass Leute am Tag nach dem Vertragsschluss angefangen haben. Das deutsche Arbeitsrecht macht die Mobilität schwieriger und sorgt auch dafür, dass man viel vorausschauender planen muss. In Deutschland ist es schwerer, nach der Gründung schnell Leute einzustellen und diejenigen wieder zu verabschieden, die für ein Start-up nicht so geeignet sind. Das ist natürlich ein ganz anderes Umfeld als eine etablierte Firma.

ZEIT ONLINE: Nach einer Umfrage des Digital-Branchenverbandes Bitcom rät ein Drittel der deutschen Eltern seinen Kindern "auf jeden Fall" von der Gründung eines Start-ups ab. Ein weiteres Drittel rät "eher nicht" dazu. Nur ein Drittel aller deutschen Eltern kann sich also vorstellen, dass das ein guter Weg ist. War das bei Ihnen anders?

Leibert: Meine Eltern haben mir auch von Start-ups abgeraten.

ZEIT ONLINE: Obwohl Ihr Vater Unternehmer war?

Leibert: Als ich beim kleinen Start-up Twitter angefangen habe, da war Twitter schon bekannt in Deutschland. Es war trotzdem für jeden Deutschen komisch, schließlich gibt es ja Siemens. Siemens ist mit Sicherheit auch eine tolle Firma. Aber es ist eine ganz andere Umgebung. Bei Siemens kann man sich darauf verlassen, dass die in den nächsten 20 Jahren nicht pleitegehen. Aber ich denke, wenn man eine gute Ausbildung hat, kann man auch größere Risiken eingehen. Die Ausbildung ist ja wie eine Versicherung.

ZEIT ONLINE: Die Ausbildung in Deutschland hatten Sie bereits ausdrücklich gelobt. Allerdings gibt es bis heute eine Debatte darüber, ob und ab wann Kinder in der Schule mit Computern zu tun haben sollen.

Leibert: In der Zukunft sollten Programmiersprachen in der Schule wie Fremdsprachen behandelt werden. Es sollte auf jeden Fall Teil der Ausbildung sein. Es ist mit Sicherheit eine der am schnellsten wachsenden Branchen.

"Fortschritt kann man nicht aufhalten"

Florian Leibert (l.) im Gespräch mit Jochen Wegner, Chefredakteur von ZEIT ONLINE © Carlos Chavarria für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Sie haben von vielen größeren Firmen in Ihrem Bereich Leute abgeworben, die für Sie wahrscheinlich besser dotierte Jobs aufgeben. Warum?

Leibert: Wir arbeiten hier zum Großteil an Open-Source-Software. Und für Entwickler ist öffentlich zugänglicher, cooler Code unter dem eigenen Namen wichtiger als der Lebenslauf.

ZEIT ONLINE: Die öffentlich einsehbare Programmier-Historie auf einschlägigen Plattformen, wo man seinen Code hochlädt?

Leibert: Genau. Und das in so einem Bereich wie unserem, in dem man viele Programmiersprachen abdeckt. In unserer Firma werden acht Programmiersprachen geschrieben.

ZEIT ONLINE: Das heißt, ich könnte das größte Genie im Deep Learning bei Apple sein, aber es weiß keiner. Hier hingegen…

Leibert: Richtig. Hier hingegen kommt es einem öffentlichen Aushang gleich, wer was geschrieben hat. Das ist auch für unsere Leute in Deutschland sehr attraktiv. Wenn man für uns in Deutschland arbeitet und sich reinhängt, bieten wir auch die Möglichkeit, nach San Francisco zu kommen und hier zu arbeiten.

ZEIT ONLINE: Das klingt jetzt, als würden Sie sich bei denen bewerben. Die Entwickler und Unternehmer kommen tatsächlich aus der ganzen Welt hierher. Wie geht es dem Silicon Valley nach den ersten Monaten Donald Trump und "America first"?

Leibert: Das Valley war zunächst schockiert. Andererseits verlässt man sich hier nicht besonders auf Politiker. Jeder glaubt, er könne seinen Beitrag dazu leisten, dass es nicht so schlimm kommen wird, wie alle fürchten.

ZEIT ONLINE: Einige CEOs wurden dafür kritisiert, dass Sie die Regierung von Donald Trump beraten. Wie würden Sie sich entscheiden, wenn Sie gefragt würden?

Leibert: Ich habe derzeit wirklich viel mit Mesosphere zu tun und keine Zeit für politische Projekte.

ZEIT ONLINE: Viele Entwickler haben mit dem Gedanken gespielt, die USA zu verlassen, wenn Donald Trump gewählt wird – und etwa nach Europa oder Asien zu gehen. Sehen Sie bereits einen Exodus?

Leibert: Eigentlich nicht. Die meisten Leute verlassen sich darauf, dass es Berater der Regierung gibt, die dort Vernunft walten lassen. Natürlich wurde Wahlkampf gemacht und das war sehr emotionsgeladen. Ich glaube, beide Seiten sind dabei ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen.

ZEIT ONLINE: Trump steht für ein libertäres, kapitalistisches Denken, das dem Mainstream im Silicon Valley durchaus entspricht. Der Staat möge sich aus der Wirtschaft heraushalten, jeder ist auf sich gestellt, Pflichtversicherungen schränken nur die Freiheit ein. Wie sehen Sie das mit Ihrer deutschen Sozialisation?

Leibert: Ich finde es wichtig, dass jeder eine solide Ausbildung und eine medizinische Grundversorgung erhält. In den USA werden fast 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für ein überteuertes Gesundheitssystem ausgegeben, trotzdem sind viele nicht versichert. Vielen Leuten im Silicon Valley geht Obamacare noch nicht weit genug.

ZEIT ONLINE: Bleiben wir noch kurz beim libertären Gedankengut. Sie bauen ebenfalls an einer neuen Welt mit, die dazu führt, dass viele Menschen nicht mehr den Job machen werden, den Sie jetzt machen. Taxifahrer, Lastwagenfahrer, Hotelbesitzer, Ladeninhaber, Mitarbeiter in Verwaltung und Verkauf. Die Cloud führt heute schon zu deutlichen Umwälzungen. Haben Sie darüber nachgedacht, dass Ihre neue Welt für viele ein persönlicher Weltuntergang ist?

Leibert: Darüber habe ich mir natürlich schon Gedanken gemacht. Fortschritt kann man aber nicht aufhalten. Ich glaube daran, dass die Zukunft besser wird als das, was wir jetzt haben. Es wird viele Durchbrüche geben, etwa in der Medizin. Personalisierte Medizin wird ein riesiges Feld werden. Die kostenlose Bildung, die durch das Internet ermöglicht wird, kann den ganzen Planeten verändern. Jeder wird Zugang zu Wissen haben. Ich glaube, das ist das wichtigste, was es gibt. Wenn wir nur lokal denken und uns auf einen kleinen Markt beschränken wie die Taxibranche, dann ist es natürlich einfach, alles schwarz zu malen.

ZEIT ONLINE: Angeblich wird ein Gutteil der aktuellen Tätigkeiten in nicht allzu ferner Zeit durch Software ersetzt. Ihr Investor Vinod Khosla meinte, selbst in Rechenzentren würden durch künstliche Intelligenz bald 80 Prozent der Jobs wegfallen. Wenn ich Sachbearbeiter bei einer Versicherung, Truckerfahrer oder Taxiunternehmer bin, sehe ich das Ende vielleicht schon kommen. Was raten Sie diesen Menschen?

Leibert: Sie könnten Programmieren lernen. Sie wären damit nicht nur gefragt, sondern Sie halten sich auch geistig jung. Es mag für Sie seltsam klingen, dass ich dafür plädiere, vom Taxifahren aufs Programmieren umzuschulen, aber genau da liegt das eigentliche, große Problem. Das Bildungssystem war in der Vergangenheit auf eine statische Gesellschaft ausgerichtet. Ist dieses System zukunftssicher? Da bin ich mir nicht sicher. Wir machen eine Art frontloading von Bildung, wir lernen in den ersten 25 Lebensjahren und dann nicht mehr. Man muss heute aber kontinuierlich lernen und wachsen. Firmen wie Udacity sind mittlerweile sehr populär, weil Sie jedem ununterbrochen Zugang zu Bildung verschaffen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie als erfolgreicher Unternehmer eine Verantwortung, selbst in die Bildung der Zukunft zu investieren?

Leibert: Mit Sicherheit haben wir dafür Verantwortung. Einen Teil dieser Verantwortung nehmen wir wahr, indem wir Steuern zahlen, die auch Bildung finanzieren.

ZEIT ONLINE: Da Sie noch nicht profitabel sind, dürften Ihre Beiträge gering sein. Es gibt aber florierende Unternehmen – Apple, Google, Facebook, Microsoft, Starbucks – die zumindest in Europa Modelle verfolgen, um möglichst wenig oder gar keine Steuern zu zahlen. Ist das dann nicht böse?

Leibert: Sie dürfen das nicht emotional sehen. In jeder großen Firma gibt es Leute, deren Job es ist, die Struktur so zu aufzubauen. Es ist ja auch nicht unbedingt die Schuld dieser Firmen, dass manche Länder solche Schlupflöcher bieten. Und es ist auch wieder nur eine lokale Optimierung und keine globale, für die gesamte Welt. Hier ist die Politik verantwortlich, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, dass so etwas nicht passieren kann.

ZEIT ONLINE: Man könnte als Facebook oder Google auch sagen, in Deutschland mache ich einen gewissen Umsatz, natürlich gebe ich einen Teil dieses Geldes an die deutsche Gesellschaft zurück.

Ich glaube nicht, dass das Netz morgen zu denken beginnt.
Florian Leibert

Leibert: Da mögen Sie recht haben. Was Sie hier in den USA hingegen häufig sehen, in Deutschland aber eher selten: Menschen, die zu Geld kommen, geben einen Großteil ihres Vermögens für wohltätige Zwecke aus. Bei unserem Investor Andreessen Horowitz etwa haben die meisten Partner sich darauf festgelegt, dass sie mehr als die Hälfte ihres Wohlstands im Laufe ihres Lebens stiften. Jeder entscheidet selbst, was ihm wichtig ist. Manche investieren ins lokale Schulsystem in Oakland, andere bekämpfen Malaria. Auch Mark Zuckerberg stiftet den Großteil seines Vermögens.

ZEIT ONLINE: Es ist auffallend, wie viele arme, obdachlose, verwirrte Menschen in San Francisco bei all dem hier versammelten Reichtum anzutreffen sind. Das liegt sicher auch an einer liberalen Stadtpolitik, der Kontrast ist dennoch extrem.

Leibert: Ja, aber es wird wirklich viel Geld für Obdachlose ausgegeben. Wir sehen hier ein Versagen der Lokalpolitik. Die nachhaltige Bekämpfung der Obdachlosigkeit ist nicht effizient.

ZEIT ONLINE: Haben Sie eine Idee, wie die Welt, die mit Plattformen wie Ihrer entsteht, in ein paar Jahren aussieht?

Leibert: Wir haben natürlich eine Vision. Für jede Firma wird es sehr bald lebensnotwendig sein, künstliche Intelligenz einzusetzen. Es wird für sie einen offenen Marktplatz für Speicher und Rechenleistung geben müssen. Um damit handeln zu können, benötigt man einen gemeinsamen Standard. Eine solche Standardisierung würde es viel leichter machen, neue Technologien auszuprobieren und komplexe Projekte umzusetzen. Wir wollen, dass unsere Software dieser Standard wird. Wir ermöglichen es heute schon, dass zum Beispiel die neuste künstliche-Intelligenz-Lösung per Mausklick im Rechenzentrum oder in der Cloud installierbar ist. So können wir dafür sorgen, dass die smartesten Menschen eben nicht mehr Werbebanner optimieren, sondern erfolgreich an neuen Medikamenten arbeiten oder an Bildung für alle.

ZEIT ONLINE: Rechenleistung und Speicher sind die Energie der Zukunft? So wie ich heute Solarenergie einspeise, könnte ich eines Tages auch mein unterbeschäftigtes Rechenzentrum einspeisen?

Leibert: Genau, das ist unsere Utopie. 

ZEIT ONLINE: Wir hatten mit Ihrem Leben als schlechtem deutschem Fernsehdrehbuch begonnen, lassen Sie uns mit Ihrer Arbeit als schlechtem Hollywood-Plot enden. Was, wenn Sie versehentlich etwas bauen, das anfängt zu denken? Ihr System steuert Rechner wie kleine Neuronen, darüber liegen weitere Schichten von lernenden Algorithmen. Könnte da nicht versehentlich ein riesiges Gehirn entstehen? Was, wenn es anfängt zu denken?

Leibert: Das ist eine interessante Frage. Es gibt ja viele Leute, die meinen, dass wir uns bald der sogenannten Singularität annähern.

ZEIT ONLINE: Dem Zeitpunkt, ab dem Maschinen intelligenter sind als Menschen.

Leibert: Wir sind heute schon ganz gut darin, die künstliche Intelligenz in kleinen, spezifischen Bereichen anzuwenden. Und es gibt interessante Projekte, bei Google etwa, um ein Gehirn nachzubauen. Aber wir verarbeiten noch nicht mal einen winzigen Bruchteil aller Daten. Es ist schwierig vorauszusehen, was kommt. Ich glaube nicht, dass das Netz morgen zu denken beginnt.