Im September vergangenen Jahres haben rund eine Million Menschen als Gesundheits-, Kinder- und Krankenpfleger sowie 611.000 als Altenpfleger gearbeitet. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) stellt in ihrer jüngsten Analyse zum Fachkräftemangel zudem klar, dass es nicht überall in Deutschland zu wenig Pflegepersonal gibt. So fehlen zwar in der Altenpflege bundesweit examinierte Fachkräfte und Spezialisten, also Menschen, die etwa eine Zusatzausbildung für Rehabilitation haben. In der Gesundheits- und Krankenpflege fehlen diese aber hauptsächlich in den westdeutschen Ländern. In Sachsen-Anhalt und Sachsen gibt es dagegen keinen Mangel und in Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Hessen, Berlin und Thüringen gibt es lediglich Anzeichen für Engpässe aber noch keinen Mangel. Die Bundesagentur für Arbeit hält aber fest, dass "im Vergleich zum Vorjahr eine zunehmende Verknappung zu erkennen" sei.

Doch genaue Zahlen gibt es auch für den gegenwärtigen Mangel nicht. Während der Arbeitgeberverband Pflege von 30.000 unbesetzten Stellen ausgeht, gibt es laut Gewerkschaft ver.di 70.000 offene Arbeitsplätze. Der Deutsche Pflegerat wiederum schätzt den akuten Mangel auf 100.000 Pflegekräfte, die allein in Krankenhäusern fehlten.

Zahl der Azubis steigt

Die Bundesregierung versucht seit einigen Jahren mehr Menschen in die Ausbildung zur Pflegekraft zu locken. Seit 2010 steigt die Zahl der Auszubildenden auch tatsächlich an. In den vergangenen sechs Jahren haben sich jährlich zwischen 20.000 bis 23.000 neue Azubis für den Pflegeberuf eingeschrieben.

Bundesgesundheitsminister Gröhe (CDU) frohlockte erst kürzlich in einer Fernsehshow, man habe einen Ausbildungsrekord. Doch Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerates, hält dagegen: Das Bild vom Azubiboom müsse man korrigieren, sagt er. Der Boom sei nur dort entstanden, wo neue Arbeitsplätze geschaffen wurden und das sei lediglich in der Altenpflege der Fall gewesen. "Außerdem muss man auch messen, wie viele die Ausbildung tatsächlich abschließen. Wir haben die Information von Schulen, dass die Abbrecherquote exorbitant steigt."

Auch Grit Genster warnt davor, den Azubiboom in der Pflegeausbildung zu feiern. Sie leitet den Bereich Gesundheitspolitik bei ver.di. "Die Qualität der Ausbildung ist sehr schlecht. Denn das Personal hat nicht genügend Zeit und die Auszubildenden werden oft missbraucht, um bestehende Löcher auf der Station zu stopfen." Aus diesem Grund würden viele nach der Ausbildung abspringen und etwas anderes machen oder studieren.

Ausländische Pfleger gehen wieder

Von den bundesweit 210.000 Azubis im Gesundheits- und Sozialwesen besitzt rund jeder Siebte eine ausländische Staatsangehörigkeit. Die meisten haben einen türkischen Pass, gefolgt von Menschen aus Bosnien und Herzegowina sowie Polen. Unter den Arbeitskräften im Gesundheitsbereich stellen dagegen die Polen die größte ausländische Gruppe. Auch die meisten ausländischen Altenpfleger (derzeit 8.500 Beschäftigte) haben einen polnischen Pass. Über Abkommen mit Serbien, Bosnien und Herzegowina und den Philippinen soll zusätzlich Pflegefachpersonal nach Deutschland geholt werden. Auch ein Projekt mit der chinesischen Arbeitsverwaltung existiert.

"Die legendären 150 Chinesinnen, die immer genannt werden und nun hier arbeiten, werden den Mangel aber nicht ausgleichen", kritisiert Westerfellhaus. Die Rekrutierung könne nur eine ergänzende Maßnahme sein. Vielmehr müsse man versuchen jene, die aus dem Beruf geflüchtet sind, wieder zurückzuholen.

"Wir müssen zunächst die Probleme zu Hause lösen", so der Präsident des Deutschen Pflegerates. Sonst werde es schwierig, ausländisches Pflegepersonal zu halten. "Wir erleben, dass viele spanische Pflegekräfte wieder zurückgehen, weil die Bedingungen hier so schlecht sind", sagt auch ver.di-Bereichsleiterin Genster. "Die sagen dann: 'Das habe ich mir besser vorgestellt, da versuche ich es lieber in meinem eigenen Land.'"

In Deutschland haben die Krankenkassen und Krankenhäuser nun etwas mehr als ein Jahr Zeit, um sich auf Untergrenzen für das Pflegepersonal zu einigen. Scheitern sie, will das Ministerium diese selbst festlegen.